
Psychotherapie statt neues Auto
Wir wissen nicht, was im Kellerverlies in
Amstetten passierte, und wir werden es niemals
wissen. Weil es das Opfer, Elisabeth F.,
so will. 24 Jahre Demütigung, Erniedrigung
und Überlebenskampf sind genug. Die Welt
soll sich nicht noch mehr über ihr persönliches
Leid entsetzen dürfen – und dabei
voyeuristisch genießen. „Nach jedem Verbrechen
wird der Täter der Polizei übergeben
– und das Opfer der Presse. Es ist nicht
sicher, wer damit härter bestraft ist“, sagte
einmal der Kabarettist Dieter Hildebrandt.
Natürlich würden wir gerne mehr wissen. Doch eigentlich
wissen wir schon genug – aus Abertausenden Fällen, wo sich
Wut und Hass zu Gewalttätigkeit aufschaukeln. Mit Glück
landet die Frau nur beim Arzt, bei Pech in der Gerichtsmedizin.
Weil in unserer überwiegend patriarchalischen Welt das
Wort des Mannes gilt und die Frau zu gehorchen hat. Doch
dann gibt es Männer, die das längst durchschaut haben, aber
dennoch bei Konfl ikten in Muster fallen, die sie vom Vater
gelernt haben. Und es gibt Frauen, die Angst vor Konfl ikten
haben, weil auch die Mutter schon Angst hatte. Dann taucht
plötzlich ein Satz aus der Kindheit auf : „Die Gescheitere gibt
nach.“ Oder : „Du bist ein Bub, du darfst nicht weinen.“
Diese Schatten der Vergangenheit kann man überwinden.
Wenn man sich auf eine Therapie der verletzten Seele einlässt.
Wenn man es wagt, die alten Wunden wieder anzuschauen
und dadurch zu heilen. Wenn man sich dem eigenen Hass
stellt und ihn so überwindet. Das kostet Mut, Zeit und viel
Geld. Das neue Selbst, das innerhalb von wenigen Jahren
wächst, ist dafür viel schöner, stärker und schnittiger als ein
neues Auto. Auch das neue Selbst kann zornig werden. Aber
es muss weder zuschlagen noch kuschen. — Ausgewählte Berichte und Kommentare aus den Schwerpunkt-Ausgaben bereits erschienener economy Printausgaben.