
Seilschaften in die Pflicht genommen
Strategisch betriebene, wissenschaftliche Karriereplanung bringt Jungforscher rascher ans Ziel. Österreich hinkt in der Entwicklung noch etwas nach. Verschiedene Mentoring-Programme sollen das nun ändern.
„Eigentlich hat sich schon viel zum Guten verändert. Als wir angefangen haben, gab es kein großes Verständnis für das Thema“, sagt Evi Genetti vom Referat für Frauenförderung und Gleichstellung an der Universität Wien. Das Konzept, Nachwuchswissenschaftlern karrieremäßig auf die Sprünge zu helfen, ist in Österreich noch jung. Die Universität Wien rief mit dem Programm „mu:v“ im Jahr 2000 als Erste eine solche Mentoring-Initiative ins Leben – für weibliche Wissenschaftler. Eine Reihe anderer Hochschulen, darunter die Universität Salzburg und die Medizinische Universität Innsbruck, folgten nach. „Mittlerweile“, ist Genetti überzeugt, „leben wir das.“
Mentoring ist für die Karrieren junger Wissenschaftler von entscheidender Bedeutung. Vor allem in den USA ist das Konzept seit den 1970ern überaus verbreitet. In Mitteleuropa wird Mentoring gern mit einer Art institutionalisiertem „Vitamin B“ gleichgesetzt. Auch wurde in der Vergangenheit Kritik laut, dass dabei ungesunde Elitenbildung betrieben würde. Seit sich Europa im internationalen wissenschaftlichen Wettbewerb jedoch auf Exzellenz ausrichtet, ist davon nicht mehr viel zu hören. Tatsächlich geht es beim Mentoring darum, die Besten nach vorne zu bringen. Eine strategisch aufgezogene Laufbahnplanung inkludiert auch das Aufräumen mit intransparenten Aufstiegsmechanismen.
Keine Steigbügelhalter
Mentoren geben ihren Schützlingen – Mentees – Einführung in die wissenschaftlichen Gebräuchlichkeiten und damit Zugang zu informellem Wissen, das die Welt bedeuten kann. Sie stehen bei Karriereentscheidungen beratend zur Seite und holen die Mentees in das eigene Netzwerk herein.
Eva Schernhammer ist Krebsforscherin an der Harvard University, wo Mentoring einen hohen Stellenwert genießt. Schernhammer streicht die Bedeutung beim Karrierewechsel heraus. „Mentoren sind gut vernetzt und können für ihre Mentees alle möglichen Register ziehen“, so die Medizinerin. Mit Steigbügelhalten hat das nichts zu tun. Mentoren, so Schernhammer, seien von der Qualität der wissenschaftlichen Arbeit der Schützlinge überzeugt. Die Beziehung basiere auf gegenseitigem Respekt.
Die Beziehung zwischen Mentor und Mentee muss nicht immer, wie die Bezeichnung „Doktorvater“ andeutet, beruflich-elterlich sein. Mentoring findet in unterschiedlichen Ausprägungen statt, als Einzel- oder Gruppenmentoring, von der Uni aufgetragen oder nicht. Helwig Hauser, Professor für Visualisierung an der Universität Bergen, weist auch auf die Bedeutung weniger expliziten Mentorings hin : „Manche tun es, ohne es so zu nennen.“
Während in Übersee die Förderung des Forschungsnachwuchses längst institutionalisiert war, herrschten an einigen heimischen Universitätsinstituten noch andere Sitten. Nachwuchsförderung mit dem Ziel, tatsächlich das Fortkommen der Jungakademiker voranzutreiben und diese nicht nur unter dem Deckmantel des Mentorings für die eigenen Publikationen einzuspannen, gab es dort nicht. Für Wissenschaftlerinnen kam erschwerend hinzu, dass informelle Netzwerke weiterhin ungleich leichter für Männer zugänglich waren.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Anlass zur Hoffnung geben zum Beispiel die Naturwissenschaften. Durch die Arbeit im Team sei es dort längst gang und gäbe, den Nachwuchs auf Tagungen hinzuweisen, beschreibt Genetti einen Mentoring-Zugang. Anders die Situation in den Sozial- und Geisteswissenschaften : „Da herrscht stärkere persönliche Konkurrenz“, sagt Genetti.
Mentoring als Jobpflicht
Für den Informatiker Hauser, der an der Technischen Universität Wien studierte und sich auch dort habilitierte, ist Mentoring Bestandteil aller erfolgreichen Forschungsgruppen : „Das ist ein Erfolgsmerkmal und notwendig, um vorne herauszuragen“, ist er überzeugt. Ihm selbst sei das Mentoring, das ihm in seiner Anfangszeit widerfahren sei – etwa während seiner Dissertation – sehr wichtig : „Es hat maßgeblich beeinflusst, was später aus mir geworden ist“, so Hauser.
In Harvard ist Mentoring Teil der Evaluierung von Wissenschaftlern. „Es wird ja auch im Lebenslauf reflektiert, was aus der Person geworden ist. Schon dadurch wird verlangt, dass es ernsthaft betrieben wird“, erklärt Schernhammer.
Dass auch in Österreich bald Mentoring Teil der akademischen Evaluierung werden könnte, hält Genetti für eher unwahrscheinlich : „Das wäre natürlich schön. Es ist ja auch der Wunsch von Mentoren, dass ihre Leistung berücksichtigt wird.“ Bis zur Umsetzung würde es aber wohl noch einige Zeit dauern. Zuerst gilt es noch das Thema Evaluierung der Forschungsleistung unter Dach und Fach zu bringen. Dass die Ausrichtung auf Exzellenz eine Mentoring-Kultur herbeizwingen könnte, glaubt Schernhammer nicht. „Vielmehr ist bei einer ehrlichen Ausrichtung auf Exzellenz Mentoring die logische und natürliche Folge“, so die Österreicherin.
Liebesbeziehung
Dass die Beziehung zwischen Mentor und Mentee durchaus schwierig sein kann, argumentiert der Psychologe Daniel J. Levinson in seinem 1979 erschienenen Buch Das Leben des Mannes. Demnach müsste dem Mentee ein Balanceakt zwischen „Bewunderung, Achtung, Verständnis, Dankbarkeit und Liebe“ auf der einen und „Hass, Minderwertigkeit, Neid und Einschüchterung“ auf der anderen Seite gelingen.
Levinson vergleicht in seinen Ausführungen das Verhältnis zwischen Förderer und Schützling mit einer Liebesbeziehung, die sich nur schwer höflich beenden ließe. Daher stehen am Ende oftmals ausgeprägte Konflikte und böse Gefühle, und zwar auf beiden Seiten. Und wie auch in einer romantischen Beziehung wüssten die Beteiligten erst im Nachhinein, ob das Ganze den Aufwand wert war.