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Donnerstag, 15.01.2026 | 12:16

Seil­schaf­ten in die Pflicht genommen

Stra­te­gisch betrie­bene, wis­sen­schaft­li­che Kar­rie­re­pla­nung bringt Jung­for­scher rascher ans Ziel. Öster­reich hinkt in der Ent­wick­lung noch etwas nach. Ver­schie­dene Men­to­ring-Pro­gramme sol­len das nun ändern.

„Eigent­lich hat sich schon viel zum Guten ver­än­dert. Als wir ange­fan­gen haben, gab es kein gro­ßes Ver­ständ­nis für das Thema“, sagt Evi Genetti vom Refe­rat für Frau­en­för­de­rung und Gleich­stel­lung an der Uni­ver­si­tät Wien. Das Kon­zept, Nach­wuchs­wis­sen­schaft­lern kar­rie­re­mä­ßig auf die Sprünge zu hel­fen, ist in Öster­reich noch jung. Die Uni­ver­si­tät Wien rief mit dem Pro­gramm „mu:v“ im Jahr 2000 als Erste eine sol­che Men­to­ring-Initia­tive ins Leben – für weib­li­che Wis­sen­schaft­ler. Eine Reihe ande­rer Hoch­schu­len, dar­un­ter die Uni­ver­si­tät Salz­burg und die Medi­zi­ni­sche Uni­ver­si­tät Inns­bruck, folg­ten nach. „Mitt­ler­weile“, ist Genetti über­zeugt, „leben wir das.“
Men­to­ring ist für die Kar­rie­ren jun­ger Wis­sen­schaft­ler von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Vor allem in den USA ist das Kon­zept seit den 1970ern über­aus ver­brei­tet. In Mit­tel­eu­ropa wird Men­to­ring gern mit einer Art insti­tu­tio­na­li­sier­tem „Vit­amin B“ gleich­ge­setzt. Auch wurde in der Ver­gan­gen­heit Kri­tik laut, dass dabei unge­sunde Eli­ten­bil­dung betrie­ben würde. Seit sich Europa im inter­na­tio­na­len wis­sen­schaft­li­chen Wett­be­werb jedoch auf Exzel­lenz aus­rich­tet, ist davon nicht mehr viel zu hören. Tat­säch­lich geht es beim Men­to­ring darum, die Bes­ten nach vorne zu brin­gen. Eine stra­te­gisch auf­ge­zo­gene Lauf­bahn­pla­nung inklu­diert auch das Auf­räu­men mit intrans­pa­ren­ten Aufstiegsmechanismen.

Keine Steigbügelhalter

Men­to­ren geben ihren Schütz­lin­gen – Men­tees – Ein­füh­rung in die wis­sen­schaft­li­chen Gebräuch­lich­kei­ten und damit Zugang zu infor­mel­lem Wis­sen, das die Welt bedeu­ten kann. Sie ste­hen bei Kar­rie­re­ent­schei­dun­gen bera­tend zur Seite und holen die Men­tees in das eigene Netz­werk herein.
Eva Schern­ham­mer ist Krebs­for­sche­rin an der Har­vard Uni­ver­sity, wo Men­to­ring einen hohen Stel­len­wert genießt. Schern­ham­mer streicht die Bedeu­tung beim Kar­rie­re­wech­sel her­aus. „Men­to­ren sind gut ver­netzt und kön­nen für ihre Men­tees alle mög­li­chen Regis­ter zie­hen“, so die Medi­zi­ne­rin. Mit Steig­bü­gel­hal­ten hat das nichts zu tun. Men­to­ren, so Schern­ham­mer, seien von der Qua­li­tät der wis­sen­schaft­li­chen Arbeit der Schütz­linge über­zeugt. Die Bezie­hung basiere auf gegen­sei­ti­gem Respekt.
Die Bezie­hung zwi­schen Men­tor und Men­tee muss nicht immer, wie die Bezeich­nung „Dok­tor­va­ter“ andeu­tet, beruf­lich-elter­lich sein. Men­to­ring fin­det in unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen statt, als Ein­zel- oder Grup­pen­men­to­ring, von der Uni auf­ge­tra­gen oder nicht. Hel­wig Hau­ser, Pro­fes­sor für Visua­li­sie­rung an der Uni­ver­si­tät Ber­gen, weist auch auf die Bedeu­tung weni­ger expli­zi­ten Men­to­rings hin : „Man­che tun es, ohne es so zu nennen.“
Wäh­rend in Über­see die För­de­rung des For­schungs­nach­wuch­ses längst insti­tu­tio­na­li­siert war, herrsch­ten an eini­gen hei­mi­schen Uni­ver­si­täts­in­sti­tu­ten noch andere Sit­ten. Nach­wuchs­för­de­rung mit dem Ziel, tat­säch­lich das Fort­kom­men der Jung­aka­de­mi­ker vor­an­zu­trei­ben und diese nicht nur unter dem Deck­man­tel des Men­to­rings für die eige­nen Publi­ka­tio­nen ein­zu­span­nen, gab es dort nicht. Für Wis­sen­schaft­le­rin­nen kam erschwe­rend hinzu, dass infor­melle Netz­werke wei­ter­hin ungleich leich­ter für Män­ner zugäng­lich waren.
Doch die Zei­ten haben sich geän­dert. Anlass zur Hoff­nung geben zum Bei­spiel die Natur­wis­sen­schaf­ten. Durch die Arbeit im Team sei es dort längst gang und gäbe, den Nach­wuchs auf Tagun­gen hin­zu­wei­sen, beschreibt Genetti einen Men­to­ring-Zugang. Anders die Situa­tion in den Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten : „Da herrscht stär­kere per­sön­li­che Kon­kur­renz“, sagt Genetti.

Men­to­ring als Jobpflicht
Für den Infor­ma­ti­ker Hau­ser, der an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien stu­dierte und sich auch dort habi­li­tierte, ist Men­to­ring Bestand­teil aller erfolg­rei­chen For­schungs­grup­pen : „Das ist ein Erfolgs­merk­mal und not­wen­dig, um vorne her­aus­zu­ra­gen“, ist er über­zeugt. Ihm selbst sei das Men­to­ring, das ihm in sei­ner Anfangs­zeit wider­fah­ren sei – etwa wäh­rend sei­ner Dis­ser­ta­tion – sehr wich­tig : „Es hat maß­geb­lich beein­flusst, was spä­ter aus mir gewor­den ist“, so Hauser.
In Har­vard ist Men­to­ring Teil der Eva­lu­ie­rung von Wis­sen­schaft­lern. „Es wird ja auch im Lebens­lauf reflek­tiert, was aus der Per­son gewor­den ist. Schon dadurch wird ver­langt, dass es ernst­haft betrie­ben wird“, erklärt Schernhammer.
Dass auch in Öster­reich bald Men­to­ring Teil der aka­de­mi­schen Eva­lu­ie­rung wer­den könnte, hält Genetti für eher unwahr­schein­lich : „Das wäre natür­lich schön. Es ist ja auch der Wunsch von Men­to­ren, dass ihre Leis­tung berück­sich­tigt wird.“ Bis zur Umset­zung würde es aber wohl noch einige Zeit dau­ern. Zuerst gilt es noch das Thema Eva­lu­ie­rung der For­schungs­leis­tung unter Dach und Fach zu brin­gen. Dass die Aus­rich­tung auf Exzel­lenz eine Men­to­ring-Kul­tur her­bei­zwin­gen könnte, glaubt Schern­ham­mer nicht. „Viel­mehr ist bei einer ehr­li­chen Aus­rich­tung auf Exzel­lenz Men­to­ring die logi­sche und natür­li­che Folge“, so die Österreicherin.

Lie­bes­be­zie­hung
Dass die Bezie­hung zwi­schen Men­tor und Men­tee durch­aus schwie­rig sein kann, argu­men­tiert der Psy­cho­loge Daniel J. Levin­son in sei­nem 1979 erschie­ne­nen Buch Das Leben des Man­nes. Dem­nach müsste dem Men­tee ein Balan­ce­akt zwi­schen „Bewun­de­rung, Ach­tung, Ver­ständ­nis, Dank­bar­keit und Liebe“ auf der einen und „Hass, Min­der­wer­tig­keit, Neid und Ein­schüch­te­rung“ auf der ande­ren Seite gelingen.
Levin­son ver­gleicht in sei­nen Aus­füh­run­gen das Ver­hält­nis zwi­schen För­de­rer und Schütz­ling mit einer Lie­bes­be­zie­hung, die sich nur schwer höf­lich been­den ließe. Daher ste­hen am Ende oft­mals aus­ge­prägte Kon­flikte und böse Gefühle, und zwar auf bei­den Sei­ten. Und wie auch in einer roman­ti­schen Bezie­hung wüss­ten die Beteilig­ten erst im Nach­hin­ein, ob das Ganze den Auf­wand wert war.

Autor:
29.05.2009

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