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Sin­gles auf Bergen

Vor einem Jahr haben Karin Zör­rer-Zei­ner und ihr Mann die Platt­form Sin­gle-Wan­dern ins Leben geru­fen. Heute sind sie in fast allen Bun­des­län­dern ver­tre­ten. Eine Repor­tage über die Part­ner­su­che auf Wanderschaft.

Es ist ein biss­chen wie Schul­wan­der­tag, nur dass sich nie­mand kennt. Und dass die Schule schon lange vor­bei ist. 14 Sin­gles zwi­schen 40 und 60 Jah­ren ste­hen auf einem Park­platz beim Atter­see. Sie war­ten auf die zu spät Kom­men­den, Wan­der­lei­te­rin Ger­linde mit der Anwe­sen­heits­liste in der Hand.
Karl* geht noch in den Atter­see schwim­men. Es dau­ert nicht lange, dann kommt er zurück, Was­ser tropft ihm vom Gesicht. „Ich habe kein Hand­tuch genom­men“, sagt er. Karl wird es auch sein, der drei Stun­den spä­ter als Ein­zi­ger der Gruppe in den Schwar­zen­see springt. Er kommt aus der Gegend und ist 50 und fünf Jahre alt – fünf Jahre, weil er 2004 einen schwe­ren Moun­tain­bike-Unfall hatte, nach dem er wie­der­ge­bo­ren wurde, wie er sagt.
Schon das Wochen­ende zuvor ist er die Stre­cke vom Atter­see zum Schwar­zen­see gewan­dert, mit einer Dame, die er aus dem Inter­net kennt. Sport­lich sei sie, hatte sie dort ange­ge­ben. „Ich habe ihr gesagt, sie soll es sagen, wenn ihr das Tempo nicht passt. Ich kann das so schwer ein­schät­zen, ich habe ein Gefühl wie ein Nil­pferd. Das Tempo dürfte dann doch nicht gepasst haben, sie hat sich nicht mehr gemel­det.“ Beim Sin­gle-Wan­dern ist Karl zum zwei­ten Mal. Er ist viel unter­wegs in den Ber­gen, meis­tens ohne Beglei­tung. „Das hier ist eine Abwechs­lung, da bin ich nicht alleine.“
Alleine ist ein Wort, das an die­sem Tag noch öfter fällt. Vor allem bei der Vor­stel­lungs­runde nach dem ers­ten Steil­stück. Die erste große Liebe haben alle schon hin­ter sich gebracht. „Ich bin alleine“, die­ser Satz kommt immer wie­der. Nicht mehr alleine fern­se­hen wol­len, nicht mehr alleine wan­dern wol­len, nicht mehr das fünfte Rad am Wagen sein wol­len. Neben der Part­ner­su­che hat das Sin­gle-Wan­dern für den Groß­teil der Sin­gles einen gewich­ti­gen Neben­ef­fekt : eine Gruppe von Men­schen zu haben, die in kei­ner Bezie­hung sind und das Wochen­ende nicht mit Part­ner oder Part­ne­rin ver­brin­gen. „Es ist inter­es­sant, weil ich weiß, dass hier alle ohne Part­ner sind –
da stellt sich nicht die Frage, ob jemand in einer Bezie­hung ist oder nicht. Man kann offen über alles reden“, sagt Renate (54). Gere­det wird über die Anfahrt zum Park­platz, Wan­d­er­fah­run­gen, Sin­gle-Erfah­run­gen oder auch Line Dance.

Line Dance und Fitnessteller
Ingrid (47) und Sil­via (50) haben sich in einer Line-Dance-Gruppe ken­nen­ge­lernt. Sil­via war bereits ein­mal Sin­gle-Wan­dern und hat die­ses Mal ihre Freun­din Ingrid mit­ge­bracht. „Jetzt gibt’s gleich einen def­ti­gen Kas“, sagt Sil­via, als sie sich auf der Hütte ihre Wan­der­schuhe aus­zieht. Es ist ein Hin- und Her­schmet­tern von Schmähs zwi­schen den bei­den Damen und zwei wei­te­ren Her­ren am Tisch. Und dann ist da noch Hubert, der eben­falls in Ober­ös­ter­reich Line tanzt. Ingrid und Sil­via reden schnell, laut, viel, und ihr Lachen legt sich immer wie­der über die Gruppe. Am Neben­tisch geht es ruhi­ger zu, dort gibt es auch einige müde Gesich­ter. Der Schmäh­tisch bestellt geschlos­sen Fit­nesstel­ler, der Line Dance wird als Gesprächs­thema immer wie­der aufblitzen.
In der Zwi­schen­zeit erzählt Fritz. Er ist seit einem Jahr Sin­gle. Ein kur­zer Zeit­raum, wie der 42-jäh­rige Nor­bert meint : „Nach einem Jahr habe ich noch nicht ein­mal gemerkt, dass ich Sin­gle bin.“ Fritz hat es bereits gemerkt und sich auch schon vor dem Sin­gle-Wan­dern mit­tels Kon­takt­an­zeige in einer Lokal­zei­tung auf die Suche gemacht. Um die hun­dert Damen haben sich auf seine Annonce mit dem Text „Sin­gle, 52, zwei Kin­der, Hob­bys : …“ gemel­det. Fritz hatte sich zuvor ein Wert­kar­ten-mobil­te­le­fon für die zahl­rei­chen Anrufe besorgt. „Aber da fragst du dich schon : Was sind das für Leute ? Da waren so viele unmo­ra­li­sche Ange­bote dabei. Das hier ist unver­bind­li­cher, das ist viel geschei­ter. Die Frauen, die hier mit­ma­chen, kön­nen zumin­dest fünf Kilo­me­ter gehen.“

Ahnungs­lose Familie
Im Ver­gleich zu ande­ren Sin­gle-Wan­de­rern in der Gruppe ist Fritz seit rela­tiv kur­zer Zeit ohne Partnerin.
Sin­gle-Wan­dern – da triffst du den rich­ti­gen ande­ren“, mit die­sem Satz wer­ben die Ver­an­stal­ter auf ihrer Web­site. 25 Pär­chen haben sich beim Sin­gle-Wan­dern offi­zi­ell bereits gefun­den. Die Dun­kel­zif­fer dürfte aber höher sein, ver­mu­ten die Ver­an­stal­ter. Nicht alle geben Bescheid, wenn die Liebe zuge­schla­gen hat.
Karin Zör­rer-Zei­ner und Hel­mut Zör­rer, die Ver­an­stal­ter, haben sich eben­falls in den Ber­gen ver­liebt. Das ist inzwi­schen fünf Jahre her, die bei­den haben gehei­ra­tet, und seit einem Jahr bie­ten sie die Wan­de­run­gen an – mitt­ler­weile bis auf Vor­arl­berg in jedem Bun­des­land. Was anfangs als zwei­wö­chi­ges Ange­bot in Ober­österreich geplant war, ver­zeich­net heute bereits mehr als 3000 regis­trierte Mit­glie­der. Es wer­den Wan­de­run­gen für Sin­gles zwi­schen 25 und 45 und 40 und 59 Jah­ren orga­ni­siert, bald sol­len auch mehr­tä­gige Urlaube mit Wan­de­run­gen ange­bo­ten wer­den. Ver­schwie­gen­heit und Serio­si­tät ist den Orga­ni­sa­to­ren dabei sehr wich­tig. Kein ande­rer Wan­de­rer erkennt, dass sich hier Sin­gles zum Wan­dern tref­fen ; wer nicht auf das Grup­pen­foto möchte, das nur intern ver­schickt wird, geht ein­fach zur Seite.
Johanna (52) schätzt die Dis­kre­tion. Ihr Mann ist vor vier Jah­ren gestor­ben, sie kommt aus einer klei­nen Ort­schaft in Ober­ös­ter­reich und möchte nicht mehr alleine sein. Es wäre schön, wenn da wer wäre. Johanna ist seit einem hal­ben Jahr bei einem Part­ner­insti­tut im Inter­net ange­mel­det. Sie hat sich mit eini­gen Män­nern getrof­fen, aber der Rich­tige war nicht dabei. Abge­se­hen vom Inter­net wür­den ihr nicht viele Mög­lich­kei­ten blei­ben, Män­ner ken­nen­zu­ler­nen. „Im Umkreis von fünf Kilo­me­tern kennt mich zu Hause jeder. In ein Lokal kann ich nicht alleine gehen, da wür­den alle reden.“ Beim Sin­gle­Wan­dern ist sie heute zum ers­ten Mal mit dabei. Nicht ein­mal ihre Fami­lie weiß von Johan­nas Part­ner­su­che. „Ich habe fast nie­man­dem erzählt, dass ich suche.“
Drei der sie­ben Her­ren, die an die­ser Wan­de­rung teil­neh­men, hei­ßen Karl. Es ist nicht der wie­der­ge­bo­rene Schwim­mer Karl, son­dern jener Karl, der mit sei­nen 60 Jah­ren der älteste Teil­neh­mer ist, der den Groß­teil der Wan­de­rung nicht von Johan­nas Seite weicht. Karl war zwei­mal ver­hei­ra­tet und ist jetzt Sin­gle unter Anfüh­rungs­zei­chen, wie er sagt. Vor einem Jahr hat er über das Inter­net eine Dame ken­nen­ge­lernt, sei­nen Sin­gle-Sta­tus hat er aber noch nicht auf­ge­ge­ben. Beim Sin­gle-Wan­dern ist er wie Johanna das erste Mal dabei. „Ich gehe mit, dass ich unter Leute komme, alleine ist das Wan­dern fad“, sagt er. Karl ist beim glei­chen Inter­net-Part­ner­insti­tut wie Johanna ange­mel­det. Auch das ist Gesprächs­ba­sis. Ver­glei­chen lasse sich Sin­gle-Wan­dern mit der vir­tu­el­len Part­ner­börse nur schwer, meint Karl : „Das ist eine ganz andere Atmosphäre.“

Das erste Wiedersehen
Land­schaft­lich geprägt ist die­se Atmo­sphäre von Alm­wie­sen, Bäu­men, Bächen und im Falle der heu­ti­gen Wan­de­rung auch von zwei Seen. In der Natur redet es sich leich­ter. Das ist auch die Phi­lo­so­phie der Orga­ni­sa­to­rin Zör­rer-Zei­ner. Kon­takte zu knüp­fen geht beim Sin­gle-Wan­dern wirk­lich ein­fach. Bei sie­ben­ein­halb Stun­den Wan­de­rung inklu­sive Ein­kehr auf der Hütte bleibt dazu genü­gend Zeit. Und es sind nicht nur Män­ner und Frauen, die sich hier fin­den. Auch viele gleich­ge­schlecht­li­che Freund­schaf­ten wer­den geschlos­sen. Man geht auf einen Kaf­fee, man ver­ab­re­det sich zur nächs­ten Single-Wanderung.
Kath­rin (40) ist schon ein­mal bei einer Wan­de­rung mit­ge­gan­gen, aller­dings in der jün­ge­ren Gruppe der 25- bis 45-Jäh­ri­gen. Heute möchte sie es gemüt­li­cher ange­hen. Als sie zum ers­ten Mal zu dem ver­ein­bar­ten Treff­punkt gefah­ren ist, war sie sehr auf­ge­regt. „Das war eine große Über­win­dung für mich. Ich hatte ein biss­chen Angst, dass da wie­der viele gemein­sam hin­kom­men und sich bereits ken­nen. Aber es war dann eine ange­nehme Über­ra­schung und sehr nett. Mit ein paar der Frauen, die dort mit­ge­wan­dert sind, habe ich mich in der Zwi­schen­zeit auch wie­der getrof­fen.“ Und auch Sil­via und Fritz ken­nen sich bereits von einer frü­he­ren Wan­de­rung. Dass man sich zu einer wei­te­ren Sin­gle-Wan­de­rung ver­ab­re­det, kommt laut Orga­ni­sa­to­rin Karin Zör­rer-Zei­ner gar nicht so sel­ten vor : „Das erste eigent­li­che Date fin­det oft wie­der bei uns statt. Das ist dann in einem geschütz­ten Rahmen.“

Wan­dern statt Kaffee
Dar­auf hofft auch einer der drei Karls. Nicht Karl, der Schwim­mer, nicht Karl, der älteste Teil­neh­mer, son­dern Karl, der Pflan­zen­ken­ner. „Ich hätte auch eine auf einen Kaf­fee ein­ge­la­den, aber sie hat gemeint, sie geht das nächste Mal sowieso mit, da tref­fen wir uns dann wie­der.“ Karl ist 57 Jahre alt und seit vier Jah­ren geschie­den. Nach einer neuen Part­ne­rin hat er sich bis­lang noch nicht umge­se­hen. „Ich habe noch nie Zeit gehabt, dass ich mich umschaue, es ist mir auch nie so ein Bedürf­nis gewe­sen.“ Karl kennt die Namen vie­ler Pflan­zen, die neben dem Wan­der­weg wach­sen, und er kennt das Gefühl ein­sa­mer Wochen­en­den. „Am Wochen­ende bin ich oft alleine, nicht nur am Wochen­ende.“ Beim Sin­gle-Wan­dern ist er heute zum ers­ten Mal mit dabei. Er wird wie­der mit­ge­hen, um die aus­er­wählte Dame ein wei­te­res Mal zu tref­fen. „Es ist nicht gesagt, dass das was ist. Ob das was wird, ent­schei­det das Schick­sal, man muss es neh­men, wie es kommt.“
Nach der Wan­de­rung wird Karl wie alle ande­ren die Teil­neh­mer­liste mit den Tele­fon­num­mern und das am Schwar­zen­see gemachte Grup­pen­foto zuge­schickt bekom­men. Was dann pas­siert, wird sich zei­gen. „Wenn sich was ergibt, passt es, wenn nicht, hab ich wenigs­tens einen lus­ti­gen Tag gehabt“, sagt Ingrid wie einige andere auch. Es gibt einen Mann, er lebt nicht am Atter­see, nicht am Schwar­zen­see, son­dern am Hall­stät­ter­see. Er ist über 70 Jahre alt und schon lange Zeit kein Sin­gle mehr. Aber er hat eine Devise, die er eisern ver­folgt und die auch auf das Sin­gle-Wan­dern zutrifft : „Aus dem Wald geht man nicht mit nichts heim.“
* Die Namen wur­den auf Wunsch der Teil­neh­mer geändert.

Autor:
21.08.2009

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