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Stand­ort­po­li­ti­scher Struk­tur­wan­del auch eine Chance

An Öster­rei­chi­scher Natio­nal­bank ange­sie­del­ter Pro­duk­ti­vi­täts­rat ana­ly­siert lang­fris­tige Wett­be­werbs­fä­hig­keit von Öster­reich. Aktu­el­ler Jah­res­be­richt fokus­siert nun auch Thema Deindus­tria­li­sie­rung mit kla­ren Emp­feh­lun­gen an die Wirtschaftspolitik.

Der Pro­duk­ti­vi­täts­rat wurde 2022 gegrün­det mit der Auf­gabe die Pro­duk­ti­vi­tät und Wett­be­werbs­fä­hig­keit Öster­reichs lang­fris­tig zu ana­ly­sie­ren und dar­aus Emp­feh­lun­gen an die jewei­lige Regie­rung und den Natio­nal­rat im Par­la­ment abzu­lei­ten. Die­ser jähr­li­che Bericht des fünf­köp­fi­gen Gre­mi­ums unter dem Vor­sitz von Chris­toph Badelt, auch Prä­si­dent des Fis­kal­ra­tes, ist nun erfolgt und liegt eco­nomy vor. 

Gleich zu Beginn des aktu­el­len Berichts ist von einem Struk­tur­wan­del und von Deindus­tria­li­sie­rung zu lesen, und von der damit ver­bun­de­nen Sorge des Rats um Wert­schöp­fung und Arbeits­plätze am Indus­trie­stand­ort Öster­reich. Stei­gende Ener­gie- und Lohn­stück­kos­ten, geo­po­li­ti­sche Span­nun­gen und bekannte struk­tu­relle Schwä­chen wür­den den Wett­be­werbs­druck auf viele Unter­neh­men erhöhen. 

För­de­rung neuer Tech­no­lo­gien und effi­zi­ente Res­sour­cen­nut­zung und redu­zierte Verwaltungskosten

Umge­kehrt würde die­ser Struk­tur­wan­del jedoch auch die Chance bie­ten, wirt­schaft­li­che Struk­tu­ren zu erneu­ern, die tech­no­lo­gi­sche Leis­tungs­fä­hig­keit aus­zu­bauen und neue For­men indus­tri­el­ler Wert­schöp­fung zu eta­blie­ren. „Öster­reich hat dafür her­vor­ra­gende Vor­aus­set­zun­gen und dazu gehö­ren ins­be­son­dere leis­tungs­fä­hige Unter­neh­men, hoch­qua­li­fi­zierte Beschäf­tigte und die Fähig­keit, Ver­än­de­rung krea­tiv zu gestal­ten“, betont Chris­toph Badelt als Vor­sit­zen­der des Produktivitätsrates.

Auf die kon­sta­tier­ten Ten­den­zen einer Deindus­tria­li­sie­rung sieht der Pro­duk­ti­vi­täts­rat eine vor­aus­schau­en­den Stand­ort­po­li­tik als beste Ant­wort. Es brau­che Rah­men­be­din­gun­gen, die tech­no­lo­gi­sche Kom­pe­ten­zen stär­ken, die breite Anwen­dung neuer Tech­no­lo­gien för­dern, Res­sour­cen effi­zi­en­ter nut­zen und dabei dann Ver­wal­tungs­kos­ten sen­ken und den Struk­tur­wan­del durch inno­va­ti­ons­freund­li­che Regeln aktiv unterstützen. 

Akti­vere euro­päi­sche Koope­ra­tion in indus­trie- und han­dels­po­li­ti­schen Fragen

Aus die­ser the­ma­ti­schen Spange lei­tet der Pro­duk­ti­vi­täts­rat vier prio­ri­täre Ansatz­punkte als Emp­feh­lun­gen ab. An ers­ter Stelle eine moderne Forschungs‑, Tech­no­lo­gie- und Inno­va­ti­ons­po­li­tik (FTI), wei­ters die Wei­ter­ent­wick­lung der Qua­li­fi­ka­tio­nen und des Arbeits­an­ge­bots und dann die Beschleu­ni­gung der Ener­gie­wende sowie als vier­ten Punkt eine akti­vere euro­päi­sche Koope­ra­tion in indus­trie- und han­dels­po­li­ti­schen Fragen.

Im Detail äußert sich der Pro­duk­ti­vi­täts­rat dann kri­ti­scher. Öster­reich zählt zwar zu den füh­ren­den EU-Län­dern bei den Aus­ga­ben für For­schung und Ent­wick­lung, doch der Inno­va­ti­ons­out­put bleibe hin­ter inter­na­tio­na­len Spit­zen­rei­tern deut­lich zurück. Im Kon­text wer­den hier auch gepo­lo­ti­sche Ent­wick­lun­gen ange­führt : der tech­no­lo­gi­sche Auf­stieg Chi­nas ver­än­dert die glo­ba­len Wett­be­werbs­be­din­gun­gen und erhöht den Druck auf hei­mi­sche Unter­neh­men, schnel­ler zu inno­vie­ren und Schlüs­sel­tech­no­lo­gien anzuwenden. 

Fle­xi­ble unbü­ro­kra­ti­sche För­der­instru­mente ent­lang des gesam­ten Inno­va­ti­ons­pro­zes­ses 

Die For­schungs­för­de­rung sollte stär­ker auf stra­te­gi­sche Schlüs­sel­tech­no­lo­gien aus­ge­rich­tet wer­den, um bestehende Stär­ke­fel­der aus­zu­bauen und neue Chan­cen für Tech­no­lo­gie­füh­rer­schaft zu schaf­fen. Eigene Clus­ter für Schlüs­sel­tech­no­lo­gie könn­ten wis­sen­schaft­li­che und indus­tri­elle Kom­pe­ten­zen bün­deln und Wert­schöp­fungs­ket­ten integrieren. 

Zugleich gilt es, Tech­no­lo­gie­dif­fu­sion zu beschleu­ni­gen und moderne Schlüs­sel­tech­no­lo­gien gezielt in bestehende indus­tri­elle Kom­pe­ten­zen zu inte­grie­ren. Fle­xi­ble, tech­no­lo­gie­of­fene För­der­instru­mente, die ent­lang des gesam­ten Inno­va­ti­ons­pro­zes­ses unbü­ro­kra­tisch kom­bi­niert wer­den kön­nen, würde dabei noch mehr Wir­kung, Anpas­sungs­fä­hig­keit und Pla­nungs­si­cher­heit aus­lö­sen und final eine raschere wirt­schaft­li­che Ver­wer­tung inno­va­ti­ver Lösun­gen ermöglichen.

Pro­ak­tive Arbeits­markt­po­li­tik im Strukturwandel

Zuneh­mend unter Druck des struk­tu­rel­len Wan­dels steht auch Öster­reichs Arbeits­markt. Wäh­rend die Beschäf­ti­gung in der Indus­trie seit Mitte 2024 deut­lich zurück­ging, wächst die Nach­frage in wis­sens­in­ten­si­ven Dienst­leis­tun­gen. Die­ser Trend belas­tet gering­qua­li­fi­zierte Per­so­nen beson­ders – wäh­rend par­al­lel der Bedarf an mitt­le­ren Qua­li­fi­ka­tio­nen (ins­be­son­dere Lehr­ab­schlüsse) steigt, die für die digi­tale und öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­tion unver­zicht­bar sind. 

Ein Man­gel an grund­le­gen­den Kom­pe­ten­zen erschwert aller­dings den Zugang zu Aus- und Wei­ter­bil­dung. Trotz eines brei­ten Ange­bots an Basis­bil­dungs­pro­gram­men über­steigt die Nach­frage das Ange­bot. Zugleich berich­ten Unter­neh­men von einem wach­sen­den Fach­kräf­te­man­gel, ins­be­son­dere in tech­ni­schen Beru­fen und der Lehr­aus­bil­dung. Pro­gno­sen zei­gen, dass Indus­trie­un­ter­neh­men Per­so­nal abbauen, wäh­rend sie Beschäf­ti­gung in For­schung, Inno­va­tion und IT aus­bauen wollen.

Klare Aus­bau­pläne für die Ener­gie­wende mit kla­rer Kos­ten­sen­kung als Zielsetzung

Um die­sen Wan­del erfolg­reich zu bewäl­ti­gen, braucht es gezielte Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men, eine Stär­kung der Lehre, mehr Durch­läs­sig­keit im Bil­dungs­sys­tem sowie einen Aus­bau von sek­to­ra­len arbeits­markt­po­li­ti­schen Instru­men­ten, die unter­schied­li­che regio­nale Anpas­sungs­pro­zesse unter­stüt­zen und nach­weis­lich wirk­sam sind.

Die Ent­wick­lung der Ener­gie­kos­ten stellt für viele öster­rei­chi­sche Indus­trie­be­triebe einen erheb­li­chen Wett­be­werbs­nach­teil dar. Zwar sind die Preise zuletzt gesun­ken, doch ist lang­fris­tig mit einem deut­lich höhe­ren Niveau als vor 2022 zu rech­nen. Die betrieb­li­chen Anpas­sungs­spiel­räume blei­ben begrenzt, wäh­rend hohe Inves­ti­tio­nen für die Ener­gie­wende not­wen­dig sind. Unsi­cher­hei­ten über die Ver­sor­gung mit grü­ner Ener­gie ver­stär­ken den Struk­tur­wan­del zusätzlich. 

Abge­stimmte Gesamt­pla­nung für Aus­bau erneu­er­ba­rer Energien

Kurz­fris­tige staat­li­che Hil­fen kön­nen hier ent­las­ten, dür­fen jedoch not­wen­dige Inves­ti­tio­nen nicht ver­zö­gern. Für Ver­sor­gungs­si­cher­heit, sta­bile Kos­ten und Pla­nungs­si­cher­heit braucht es eine bun­des­weit abge­stimmte Gesamt­pla­nung des Aus­baus erneu­er­ba­rer Ener­gien und der Infra­struk­tur nach künf­ti­gem Ver­brauch sowie eine ver­bind­li­che Ener­gie­raum­pla­nung. Dazu gehört auch ein wirk­sa­mes Moni­to­ring der Ausbauziele. 

Ebenso wich­tig sind ein Gesetz für erneu­er­bare Gase, das die Pro­duk­tion in Öster­reich regelt, die För­de­rung von Was­ser­stoff­pro­jek­ten und den Aus­bau von CO₂ Abschei­dungs­tech­no­lo­gien. Kurz­fris­tige Ent­las­tun­gen müs­sen mit struk­tu­rel­len Kos­ten­sen­kun­gen kom­bi­niert wer­den, wäh­rend eine stär­kere euro­päi­sche Koor­di­na­tion in Klima- und Indus­trie­po­li­tik sowie wett­be­werbs­för­dernde Maß­nah­men am End­kun­den­markt Preis­sta­bi­li­tät und Ver­sor­gungs­si­cher­heit unterstützen.

Har­mo­ni­sierte recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen am euro­päi­schen Binnenmarkt

Die Erschlie­ßung neuer Absatz­märkte gewinnt für öster­rei­chi­sche Unter­neh­men ange­sichts geo­po­li­ti­scher Span­nun­gen, han­dels­po­li­ti­scher Ver­wer­fun­gen und wach­sen­der chi­ne­si­scher Kon­kur­renz an Bedeu­tung. Die erra­ti­sche Zoll­po­li­tik der USA und der inten­sive Wett­be­werb mit China stel­len öster­rei­chi­sche Expor­teure vor große Herausforderungen. 

Eine grö­ßere Zahl an Export­märk­ten min­dert Risi­ken, erleich­tert zudem Ska­len­ef­fekte und stärkt die Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Vor­aus­set­zung dafür sind jedoch ver­läss­li­che und har­mo­ni­sierte recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen, ins­be­son­dere im euro­päi­schen Bin­nen­markt, wo unter­schied­li­che natio­nale Vor­schrif­ten wei­ter­hin Markt­ein­tritts­bar­rie­ren darstellen. 

Aktive euro­päi­sche Indus­trie- und Han­dels­po­li­tik und Maß­nah­men gegen wett­be­werbs­ver­zer­rende Partner

Die kon­se­quente Umset­zung der EU-Bin­nen­markt­stra­te­gie, die Har­mo­ni­sie­rung von Regu­lie­run­gen und das geplante optio­nale EU-Unter­neh­mens­recht kön­nen den Zugang zu neuen Märk­ten erheb­lich erleich­tern. Gleich­zei­tig muss die Wirk­sam­keit euro­päi­scher Instru­mente gegen wett­be­werbs­ver­zer­rende Prak­ti­ken von Han­dels­part­nern eva­lu­iert wer­den, um die Maß­nah­men gege­be­nen­falls weiterzuentwickeln. 

Bereits aus­ver­han­del­ten Han­dels­ab­kom­men (z. B. Mer­co­sur) sollte die Bun­des­re­gie­rung zustim­men. Eine aktive, euro­pä­isch aus­ge­rich­tete Indus­trie- und Han­dels­po­li­tik ist ent­schei­dend, um Unter­neh­men zu unter­stüt­zen, neue Absatz­ka­näle zu erschließen,Wettbewerbsnachteile abzu­bauen und ihre Inno­va­ti­ons­kraft inter­na­tio­nal stär­ker zur Gel­tung zu brin­gen. (red/​czaak)

Autor: red/czaak
10.01.2026

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