
Staubwischen im Info-Chaos
Social Bookmarking gilt als Antwort auf das Einbahndenken von Suchmaschinen und den Überfluss an Informationen.
Doch die Stärken des Systems sind gleichzeitig seine Schwächen. Echtzeit kann einem schon auf die Nerven gehen. So hat beispielsweise Digglicious.com auf seiner Einstiegsseite einen Pause-Knopf angebracht, um den dank ständiger Bewertung zuckenden Bookmarks ein wenig Ruhe zu gönnen. Auf diese Weise lässt sich in Ruhe lesen, was eine Minute zuvor noch aktuell war.
Und während die Datenmengen im Netz weiterhin wenig Verständnis für das beschränkte Auffassungsvolumen ihrer Nutzer zeigen, etablieren sich neue Strategien zur Navigation durch den Informationsdschungel : Websites, die sammeln, was andere für interessant halten – Social Bookmarking. Digg.com, eine Seite, die sich IT-News verschrieben hat, gilt aktuell als hochkarätiges Beispiel des Trends. 360.000 registrierte Mitglieder zählte die Site zuletzt, ein Wert, der sich monatlich verdoppelt. 2004 vom Tech TV-Mitarbeiter Kevin Rose gegründet, sollte das Portal auch so genannten „Seite zwei“-Geschichten eine Chance auf den Platz auf dem Cover eröffnen. Heute spüren Digg.com-Benutzer täglich bis zu 3.000 Story- Links auf.
Leser bewerten Qualität
Das Prinzip dahinter ist ebenso einfach wie effektiv : Die Geschichten werden in einer Warteschleife abgestellt, wo sie andere User lesen und bewerten. News, die innerhalb von zwölf Stunden eine ausreichende Zahl so genannter „Diggs“ schaffen, kommen auf die Einstiegsseite. Und dort gehört ihnen die Aufmerksamkeit von täglich mehr als einer Mio. Leser – vom Geek bis zum Business- Entscheider. Der Erfolg von Digg.com fußt indes auf dem satten Pool an Geschichtenzulieferern. Ursprünglich war es jedoch die niedrige Einstiegsschwelle und die Aussicht, „ersurfte“ Nachrichten mit Titelseitenruhm abgegolten zu bekommen, die der heute unter den Top Tausend gerankten Site zum Durchbruch verhalf. Mit der Forderung, möglichst auf die ursprüngliche Quelle einer Story zu verweisen, stachelte Digg zudem den Ehrgeiz technikaffi ner Benutzer an : Regulativ und treibende Kraft waren geschaffen. Eine andere Form von Social Bookmarking findet sich auf http://del.icio.us, wo Benutzer persönliche Sammlungen von Internet-Lesezeichen anlegen und diese mithilfe von Stichworten – Tags – klassifizieren. Da die Sammlungen öffentlich sind, fi nden User und Link- Sammlungen zueinander. Allein im letzten Jahr wuchs Delicious von 30.000 auf 300.000 User an. „Tagging ist überaus populär und dabei, abzuheben. Immerhin ist es eine neue Methode, um Informationen im Internet zu kategorisieren und zu organisieren“, ist Delicious-Gründer Joshua Schachter überzeugt. Auch Peter Baumgartner, Leiter des Departments für Interaktive Medien und Bildungstechnologien an der Donau- Universität Krems, ortet eine entscheidende Entwicklung : „Das alte Internet hat die Inhalte über Hyperlinks miteinander verknüpft. Jetzt ist es möglich, Personen miteinander zu verknüpfen.“
Die Klassifizierungen kommen von Menschen, die im Gegensatz zu Suchmaschinen- Algorithmen die Bedeutung der Texte verstehen und in der Lage sind, diese zu bewerten. Auch basiert das Ranking auf der Aussagekraft von Artikeln und nicht der Menge an Verweisen, die darauf zeigen. Social Bookmarking-Systeme können daher stark verlinkte, jedoch kaum verwendete Artikel von weniger referenzierten, aber qualitativ höherwertigen unterscheiden. „Social Software ist keine Eintagsfl iege, sondern im Gegenteil einer der wesentlichsten aktuellen Trends“, so Baumgartner.
Wider die Suchmaschinen
Internet-Riesen wie Yahoo haben dies längst erkannt und kaufen die Portale zu nicht genannten Preisen ein. So ist Delicious seit Ende letzten Jahres Teil des Yahoo-Imperiums, zuvor schnappte sich der Suchmaschinenbetreiber bereits den Foto- Service Flickr, dessen User ihre Bilder ebenfalls mittels Tagging verwalten. Für manche Experten ist die so genannte Folksonomy, ein weiterer Begriff für das Ablegen von Content nach frei gewählten Stichworten, eine Absage an klassische Suchmaschinen zugunsten einer Community- getriebenen Variante. Doch auch diese ist nicht frei von Fehlern : „Folksonomys sind lockerer, aber auch chaotischer, sie wachsen und müssen dauernd bearbeitet und wieder umgruppiert werden“, erklärt Baumgartner. Und während Kritiker orakeln, wie lange es noch dauern wird, bis dem Tagging seine fehlende Systematik auf den Kopf fällt, steht gleichzeitig außer Zweifel, dass genau die fehlende Perfektion für den Erfolg des Systems verantwortlich ist. Es mögen Gerad linigkeit und Transparenz fehlen, weil aber niemand tie feres Wissen zur Klassifizierung braucht, sind alle ganz begeistert bei der Sache und bahnen sich ihren Weg durchs Informationsdickicht.
Ausgewählter Artikel aus dem Jahr 2006