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Trauma, Lite­ra­tur und Forschung

Ein For­schungs­pro­jekt an der Uni­ver­si­tät Wien unter­sucht das Zusam­men­spiel zwi­schen der Auf­ar­bei­tung gesell­schaft­li­cher Trau­mata und zeit­ge­nös­si­scher Lite­ra­tur am Bei­spiel Südafrika.

Die sys­te­ma­ti­sche Aus­gren­zung, die Unter­drü­ckung, der staat­lich for­cierte Ras­sis­mus – im Süd­afrika des Apart­heids­re­gimes (1948 – 1994) stand Gewalt gegen die schwarze Bevöl­ke­rung an der Tages­ord­nung. Seit dem Sturz des Regimes durch Nel­son Man­dela und den ANC (Afri­can Natio­nal Con­gress) hat sich jedoch vie­les geän­dert. Den gesell­schaft­li­chen Umbruch reflek­tiert auch die zeit­ge­nös­si­sche süd­afri­ka­ni­sche Lite­ra­tur, durch die sich ein Thema wie ein roter Faden durch­zieht : die Auf­ar­bei­tung des vom Apart­heids­re­gime hin­ter­las­se­nen Traumas.
Das Pro­jekt „Trauma, Erin­ne­rung und Erzäh­lung im zeit­ge­nös­si­schen süd­afri­ka­ni­schen Roman“ am Insti­tut für Anlis­tik der Uni­ver­si­tät Wien wid­met sich die­sem Inein­an­der­grei­fen von Lite­ra­tur, Gesell­schaft und Psy­cho­lo­gie. „Mich inter­es­siert, wie sich Trau­mata einer­seits in der lite­ra­ri­schen Struk­tur wider­spie­geln, und ande­rer­seits, wel­chen Bei­trag Lite­ra­tur zur Trau­ma­ver­ar­bei­tung leis­ten kann“, so Pro­jekt­lei­ter Prof. Ewald Mengel.

For­schung im Überblick

Mit „For­schung“ ver­bin­det der Laie oft Ste­reo­type aus den Natur­wis­sen­schaf­ten wie Reagenz­glä­ser und Dia­gramme. In der Geis­tes­wis­sen­schaft sieht For­schung natür­lich anders aus. „Die Geis­tes­wis­sen­schaft ist eine Meta­wis­sen­schaft, das heißt, sie reflek­tiert die Dis­kurse der ande­ren Wis­sen­schaf­ten, kri­ti­siert sie, denkt dar­über nach, wie die Welt funk­tio­niert. Der Natur­wis­sen­schaft­ler denkt dar­über nach, wie man eine Atom­bombe baut. Der Geis­tes­wis­sen­schaft­ler denkt dar­über nach, wel­che Kon­se­quen­zen der Bau der Atom­bombe für die Mensch­heit haben kann“, macht Prof. Men­gel den Unter­schied leicht verständlich.
Das inter­dis­zi­pli­näre Pro­jekt ver­bin­det dabei neben Lite­ra­tur­theo­rie so viel­sei­tige Dis­zi­pli­nen wie Psy­cho­ana­lyse, Neu­ro­bio­lo­gie und moderne Geschichts­for­schung. Für die Pro­jekt­dauer von drei Jah­ren ste­hen ins­ge­samt 130.000 Euro aus Mit­teln des öster­rei­chi­schen Wis­sen­schafts­fonds zur Verfügung.
Eine der ange­nehms­ten For­men, die Pro­jekt­ar­beit anneh­men kann, ist wohl eine For­schungs­reise, wie sie Prof. Men­gel und sein Team nach Süd­afrika unter­neh­men durf­ten. „Wir waren begeis­tert von Land und Leu­ten, von der Freund­lich­keit, mit der wir auf­ge­nom­men wur­den. Die Schrift­stel­ler, Aka­de­mi­ker und Intel­lek­tu­el­len, die wir inter­viewt haben, erlaub­ten uns fas­zi­nie­rende Ein­bli­cke in den momen­ta­nen Zustand der süd­afri­ka­ni­schen Seele“, schwärmt Prof. Men­gel. Der aus die­ser Arbeits­phase her­vor­ge­gan­gene Inter­view­band „Trauma, Memory and Nar­ra­tive in South Africa : Inter­views“ wird dem­nächst bei Rod­opi (Ams­ter­dam) erscheinen.

Inter­na­tio­nale Konferenz 
Ein enor­mer Auf­wand, aber auch eines der unbe­strit­te­nen High­lights der bis­he­ri­gen For­schungs­ar­beit war die vom Pro­jekt­team orga­ni­sierte Kon­fe­renz, die im April in Wien statt­fand. Hoch­ka­rä­tige Wis­sen­schaft­ler sowie, erfreu­li­cher­weise, auch viele Schrift­stel­ler aus den USA, Europa und Süd­afrika tra­fen hier zusam­men. Eine der wesent­li­chen Erkennt­nisse aus die­ser Kon­fe­renz betrifft den Trau­ma­be­griff selbst. Die „west­li­che“ Defi­ni­tion sieht Trauma eher als Ergeb­nis eines indi­vi­du­el­len Vor­falls, etwa einer Vergewaltigung. 

Struk­tu­relle Gewalt und Trauma
Diese Defi­ni­tion ist somit „zu indi­vi­dua­lis­tisch kon­zi­piert, um auf süd­afri­ka­ni­sche Ver­hält­nisse ange­wandt wer­den zu kön­nen. Es geht um die Frage, ob Trauma nicht auch das Resul­tat eines län­ger andau­ern­den Zustan­des sein kann. Struk­tu­relle Gewalt (Apart­heid) ist sicher auch ein Aus­lö­ser für kol­lek­tive Trau­ma­ti­sie­rung. Wir brau­chen Begriffe wie con­ti­nuous trau­ma­tic stress syn­drome („andau­ern­des trau­ma­ti­sches Stress-Syn­drom“, Anm.), um die kol­lek­tive Trau­ma­ti­sie­rung der süd­afri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung zu erklä­ren“, so Prof. Men­gel gegen­über economy.
Mehr als 100 Romane sind im Zuge des Pro­jekts bereits unter­sucht wor­den. Viele davon the­ma­ti­sie­ren die Lei­dens­ge­schichte des süd­afri­ka­ni­schen Vol­kes aus dezi­diert sub­jek­ti­ver Sicht, um den Unter­drück­ten ihre Stimme zurück­zu­ge­ben, um einst tot­ge­schwie­gene Geschich­ten zu erzäh­len. Sie ergän­zen somit die Geschichte ihres Lan­des um den Anteil der unter­drück­ten Mehr­heit und kon­stru­ie­ren sie neu.
Noch immer gibt es viel zu tun, die Lese­liste ist lang. Neben einer fixen Mit­ar­bei­ter­stelle arbei­ten auch zwei Dok­to­ran­din­nen an dem Pro­jekt. Für Herbst 2010 ist die Her­aus­gabe eines Kon­fe­renz­ban­des geplant. Im Juni 2011 läuft das Pro­jekt schließ­lich aus. Man darf also gespannt sein, wel­che wei­te­ren Ergeb­nisse dann prä­sen­tiert werden.

Autor:
08.10.2010

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