
Unkontrollierbare Massennutzung
Der Nachrichtenindustrie droht ein böses Erwachen, wenn Urheberrechtsfragen im Internet ungeklärt bleiben.
Noch spottet das Feuilleton über die Musik- und die Filmindustrie, die das Internet „verschlafen“ haben und vor dem Filesharing im World Wide Web, wie es aussieht, klein beigeben müssen. Doch das böse Erwachen kommt noch. Auch der klassischen Nachrichtenindustrie wird ein solches Schicksal nicht erspart bleiben, was sie wohl mehr oder weniger ahnt, doch die Kernfragen sind noch immer unbeantwortet : Wie legt man das traditionelle Business-Modell der Medienindustrie auf das Internet-Zeitalter um ?
Österreichische Chefredakteure lernen gerade neue fremdartige Ausdrücke wie Blog, Twitter oder Newsfeed. Die Antworten der Medienindustrie auf das Internet-Zeitalter sind seit Jahren die gleichen : Guter Hintergrundjournalismus, ausrecherchierte Geschichten, fundierte Meinungen und „Lesegenuss“ auf raschelndem Papier werden Zeitungen auch in Zukunft unabkömmlich machen.Blödsinn. Das Internet fegt schon jetzt darüber hinweg. Der Zeitungsconsulter Mario García berichtet von der chilenischen Tageszeitung El Mercurio, die ihre Meinungsseite den Lesern „übergeben“ hat, indem sie sie aufforderte, unentgeltlich einen Meinungsblog zu verfassen, der dann in seinen besten Auszügen auch abgedruckt wird. Und was geschah ? 400 freiwillige Blogger füllen nun die Zeitungsspalte und das dazugehörige Web-Portal gratis in einer vom Publikum überaus geschätzten Vielfalt an unterschiedlichen Beiträgen. Die Negativseite : Zehn angestellte, angesehene Meinungsjournalisten verloren ihren Job.
Aussterbende Rasse
Oder : Wie lange wird das Argument noch gelten, Journalisten seien als „Nachrichtenaufbereiter“ unabkömmlich ? Schon jetzt erledigen maßgeschneiderte Suchalgorithmen diese Aufgabe, die „Gatekeeper“ im alten publizistischen Sinn wird bald keiner mehr brauchen, das erledigen Maschinen. Bleiben also noch die originäre Reportage vor Ort und der Investigativjournalismus im Sinne demokratischer Kontrolle. Doch können Zeitungen davon leben ? Im kommerziellen Sinn wohl kaum. Das Prinzip „Online First“ und sein Versuch, die Wertschöpfung journalistischer Arbeit ins Internet zu verlegen, ist eine Antwort darauf, aber keine kommerziell nachhaltige. Wenn es Zeitungen schaffen, 20 Prozent ihrer Werbeumsätze aus dem Internet zu schöpfen, ist das schon sehr viel.
Und was bleibt für den einzelnen Journalisten ? Ein Beitrag für eine Zeitung oder ein Magazin, einmal ins Internet gestellt, verbreitet sich in Windeseile. Die Wertschöpfungskette intellektuellen Eigentums bricht genauso schnell. Content ist heute umsonst. Hier setzt die österreichische Urheberrechtsvereinigung Literar-Mechana an, die Autoren und Journalisten mit Reprografievergütung und Bibliothekstantieme zumindest ein kleines Trostpflaster anbietet.
Wie der Name „Reprografievergütung“ aber bereits sagt, handelt es sich dabei um ein schon lange überholtes Prinzip, nach dem Käufer und Betreiber von Fotokopiergeräten eine Abgabe leisten müssen, früher „Kopierschilling“ genannt. Was ist mit dem Internet ? Die Literar-Mechana bemüht sich nun immerhin um eine Rechtewahrung bezüglich Google Books, wie Geschäftsführerin Sandra Csillag kürzlich mitteilte. Und ein Geschäftsmodell für die „unkontrollierbare Massennutzung im digitalen Bereich“ soll gemeinsam mit der deutschen VG Wort ausgearbeitet werden. Man darf gespannt sein.