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„Unver­zicht­bar für eine plu­rale Demokratie!“

(Wien ; Video/​Text) Di Fabio ana­ly­siert treff­lich, Thurn­her ist gal­li­scher Mira­cu­lix, Nowak redet Blöd­sinn und Pfa­bi­gan ver­misst ver­le­ge­ri­sche Inno­va­tion, so die Posi­tio­nen bei doku­men­ta­ti­ons­wür­di­ger VÖZ-Dis­kus­sion zum aktu­el­len media­len Public-Value-Bericht. 

(Ein Kom­men­tar von Chris­tian Czaak) Zur infor­ma­ti­ven Unter­hal­tung eines the­ma­tisch ver­sier­ten Publi­kums mit­tels einer angrif­fi­gen Dis­kus­sion mit klein­fei­nen Gemein­hei­ten ohne Ver­let­zun­gen braucht es über­zeu­gen­des Wis­sen, geis­ti­ges Niveau und per­sön­li­chen Respekt.
Das gilt für Armin Thurn­her, Chef­re­dak­teur der Wochen­zei­tung „Fal­ter“ und für Rai­ner Nowak, Chef­re­dak­teur der Tages­zei­tung „Die Presse“. Aus sub­jek­tiv-kri­ti­scher Leser­sicht aktu­ell die zwei bes­ten Print­pro­dukte in Öster­reich mit ent­spre­chen­dem per­sön­li­chen Nut­zen durch inhalt­li­che Viel­falt, dif­fe­ren­zierte Erör­te­rung brei­ter The­men, Recher­che und weit­ge­hend sau­be­rer Tren­nung zwi­schen Infor­ma­tion und Mei­nung, alles auf Grund­lage der jewei­li­gen Blatt­li­nie und Mediengattung.
Und das gilt auch für Alfred Pfa­bi­gan, Rechts­wis­sen­schaf­ter und poli­ti­scher Phi­lo­soph wie auch für Udo di Fabio, deut­scher Ver­fas­sungs­recht­ler und Euro­pa­rechts­experte. Beide zeich­net fun­dier­tes Wis­sen und Ana­ly­se­fä­hig­keit aus und beide kön­nen ihre Exper­tise ver­ständ­lich greif­bar und nach­hal­tig über­mit­teln. Diese Män­ner dis­ku­tier­ten den jour­na­lis­ti­schen Wan­del in digi­ta­len Zei­ten bei der Public-Value-Ver­an­stal­tung des Öster­rei­chi­schen Zei­tungs­her­aus­ge­ber­ver­ban­des (VÖZ) in Wien (siehe eco­nomy-Bericht „4 von mei­nen 400 Stu­den­ten lesen eine Zei­tung“).

Die vierte Gewalt im Staate
Die Eröff­nung der Ver­an­stal­tung selbst pas­siert mit einer nach­ge­le­se­nen und gefühlt eine Stunde lang dau­ern­den Ein­lei­tung des VÖZ-Prä­si­den­ten Tho­mas Kra­linger mit der zen­tra­len Bot­schaft : „Die öster­rei­chi­sche Pres­se­land­schaft ver­sorgt unsere Demo­kra­tie mit Frisch­luft … und erzeugt damit Public Value.“ Mit der Frage „ob die Rolle der Medien als vierte Gewalt im Staat in Auf­lö­sung sei“ eröff­net Mode­ra­to­rin Julia Schniz­lein-Ried­ler („News“) die Dis­kus­sion und Alfred Pfa­bi­gan ant­wor­tet : „Nein, weil Face­book ja auch ein Medium ist, noch in der Puber­tät, aber die Presse ist genauso zivi­li­siert worden.“ 

Alt gegen jung, ana­log gegen digi­tal, Leser gegen Wer­bung, Gewohn­heit gegen Innovation
Die wei­tere Dis­kus­sion spie­gelt pri­mär die unter­schied­li­chen Phi­lo­so­phien von Thurn­her und Nowak wie­der. Ana­log gegen digi­tal, alt gegen jung, Leser gegen Wer­bung, Gewohn­heit gegen Inno­va­tion, unter­neh­me­ri­sche Indi­vi­dua­li­tät gegen (glo­ba­len) Kon­zern­im­pe­ria­lis­mus. Als älte­rer Print­fa­na­ti­ker und jün­ge­rer Online-Adept, der von 1989 an als Ver­lags­ma­na­ger die Grün­dungs­phase der dama­li­gen Qua­li­täts­zei­tung „Der Stan­dard“ und dann dazu den „Online-Stan­dard“ kom­mer­zi­ell zu gestal­ten hatte und seit 1999 mit dem eige­nen Medium Grün­dung und Trans­for­ma­tion von Online zu Print und dann wie­der retour nur zu Online umset­zen musste, gibt es Sym­pa­thie und Zustim­mung für die Posi­tio­nen von Thurn­her wie von Nowak — und ein gro­ßes Fra­ge­zei­chen zu den von Pfa­bi­gan avi­sier­ten Zivi­li­sie­rungs­chan­cen von Face­book & Co..

Die Sehn­sucht der lauf­rad­ge­trie­be­nen Gesellschaft
Die qua­li­ta­tive Nische wird immer einen Markt fin­den und, so es keine haus­ge­mach­ten Manage­ment-Feh­ler ala Sty­ria und Wirt­schafts­blatt oder aktu­ell Kleine Zei­tung-Online und Kurier (redak­tio­nell) gibt, auch kauf­män­nisch funk­tio­nie­ren. Einen ent­spre­chen­den (per­sön­li­chen) Nut­zen für User/​Leser vor­aus­ge­setzt, kann auch die Mone­ta­ri­sie­rung über den digi­ta­len End­kun­den pas­sie­ren und nicht nur über den Wer­be­markt. Zudem beinhal­ten starke Pen­del­be­we­gun­gen immer zwei Rich­tun­gen, und die mess­bare Sehn­sucht der lauf­rad­ge­trie­be­nen Gesell­schaft nach Ent­schleu­ni­gung und halt­ge­ben­der Ori­en­tie­rung mit­tels ent­spre­chen­der „Inseln“ kann ein Medium wun­der­bar abbil­den und dar­aus eine auch kauf­män­nisch dar­stell­bare „Com­mu­nity“ machen. Rich­tig ein­ge­setzt die­nen die Sozia­len Medien dafür als Mar­ke­ting­ka­nal, sowohl für neue Leser wie auch für Wer­be­kun­den und für die nötige Anspra­che jun­ger Ziel­grup­pen sind sie gera­dezu überlebensnötig. 

Klas­si­sche Medien errei­chen keine jun­gen und jün­ge­ren Men­schen mehr
Klas­si­sche Medien errei­chen nahezu keine Men­schen bis 30 Jahre mehr. Inter­nen Stu­dien sozia­ler Medi­en­ma­na­ger nach infor­mie­ren sich diese jun­gen Bür­ger nahezu aus­schließ­lich nur über die Sozia­len Netz­werke, und spä­tes­tens hier kommt nun der demo­kra­tie­po­li­ti­sche Aspekt ins Spiel. Als jün­gere wie ältere Bür­ger, als Unter­neh­men und in letz­ter Kon­se­quenz als Staat kön­nen wir nicht zulas­sen, dass Infor­ma­tion und Mei­nungs­bil­dung aus­schließ­lich über sub­jek­tiv gesteu­erte Maschi­nen pas­siert. Die freie Presse im Sinne eines objek­tiv-kri­ti­schen Kor­rek­tivs ist unver­zicht­bar als tra­gende vierte Säule einer plu­ra­lis­ti­schen Demo­kra­tie – aktu­elle Bei­spiele in Polen, Ungarn oder der Tür­kei sowie die aktu­elle US-Wahl zei­gen und bestä­ti­gen wo auto­kra­ti­sche Macht­ten­den­zen zuerst ansetzen.

Jour­na­lis­ti­sche Ord­nungs­funk­tion wird zerstört
Armin Thurn­her sieht ein grund­sätz­li­ches Pro­blem : „Durch die aktu­elle Asy­m­e­trie mit der damit ver­bun­de­nen öko­no­mi­schen Macht und der glo­ba­len Neu­ord­nung des Medi­en­mark­tes wer­den die jour­na­lis­tisch-redak­tio­nel­len Ord­nungs­funk­tio­nen ten­den­zi­ell zer­stört.“ Rai­ner Nowak hin­ge­gen begrüßt Face­book und die sozia­len Medien gene­rell : „Das ist doch groß­ar­tig, ich kann über diese Kanäle jetzt noch zusätz­lich kom­mu­ni­zie­ren.“ Für Thurn­her ist das „Blöd­sinn, gleich­zu­set­zen mit Ver­le­gern, die durch mas­si­ves Ver­schen­ken ihrer Inhalte ihr eige­nes Dilemma mit her­bei­ge­führt haben und bei jedem ein­zel­nen Arti­kel Wer­bung für etwas machen, was ihnen den Tep­pich unter den Füs­sen weg zieht.“ 

Unab­hän­gige Pres­se­me­dien auf öffent­lich-recht­li­cher Basis
In Blick­rich­tung der zuneh­men­den Finan­zie­rungs­pro­ble­ma­tik klas­si­scher Pres­se­häu­ser regt Thurn­her dann auch eine Erör­te­rung der demo­kra­tie­po­li­ti­schen Funk­tion an : „Wir könn­ten sagen, die Presse muss ein öffent­lich-recht­li­ches Medium sein, nicht nur der ORF, dann haben wir eine Exis­tenz­per­spek­tive.“ Nowak kon­tert : „Sie wis­sen schon, dass es da drau­ßen einen digi­ta­len Markt gibt wo man Wer­bung lukrie­ren kann.“ Es braucht dafür „eine Reich­weite und die erreicht man, wenn man auf Face­book aktiv ist.“ Auch Di Fabio for­dert ein­mal „eine unter­neh­me­ri­sche Ant­wort“ und „nicht zuerst nach dem Staate rufen“ und bringt den deut­schen Axel-Sprin­ger Kon­zern als Bei­spiel, der „voll auf das Netz gesetzt hat.“ 

Guter Jour­na­lis­mus muss Bür­gern was wert sein
An die Adresse der Sozia­len Medi­en­gi­gan­ten gerich­tet sieht Di Fabio aber auch „knall­harte Aus­beu­tungs­mo­delle“ und „mit die­ser Bezeich­nung kann man auch poli­ti­schen Gegen­druck erzeu­gen.“ Aller­dings : „Wenn man mit Hilfe des Staa­tes faire Rah­men­be­din­gun­gen für die Presse regu­liert, dann macht sich die freie Presse ein Stück weit abhän­gig,“ so der Ver­fas­sungs­experte. Di Fabio nimmt aber auch ein kri­ti­sches Publi­kum in die Pflicht : „Die Bür­ger müs­sen sich fra­gen, was sie für einen guten Jour­na­lis­mus bereit sind zu tun.“ Thurn­her spricht in Folge eine wei­tere Dis­kre­panz an : „Wenn man sich den Sozia­len Medien in die Arme wirft, dann macht man sich abhän­gig und das ist genau das was sie wollen.“ 

Die aktu­elle Wild-West-Phase erfor­dert gemein­sa­mes Sam­meln und Finden
Rai­ner Nowak sieht hier kei­nen ande­ren Weg : „Was ist die Alter­na­tive ? Ein gal­li­sches Dorf zu bil­den mit Armin Thurn­her als Mira­cu­lix, die Welt da drau­ßen aus­zu­blen­den und auf Pause zu drü­cken?“ Thurn­her : „Ich hab’ ein gewis­ses Fai­ble für gal­li­sche Dör­fer, es gibt Alter­na­ti­ven, man muss ver­su­chen Gegen­mo­delle zu ent­wi­ckeln.“ Auf Nowaks Gegen­frage wel­che das wären, ant­wor­tet Thurn­her : „Wenn ich das wüsste, säße ich viel­leicht nicht hier.“ Nowak for­dert „in die­ser Wild­west-Phase ein gemein­sa­mes Sam­meln und Fin­den, es bleibe nichts ande­res über, weil am Ende des Tages doch nie­mand ernst­haft glau­ben kann, dass Face­book als ein­zi­ges Medium über bleibt und es keine Jour­na­lis­ten mehr gibt.“ 

AToogle ist längst überfällig
Auf­hor­chen lässt Alfred Pfa­bi­gan, der eine unter­neh­me­ri­sche Ant­wort ver­misst, wo „ein über Crowd­fun­ding finan­zier­ter Schul­ter­schluss euro­päi­scher Zei­tungs­ver­le­ger eine eigene Such­ma­schine betrei­ben könnte.“ Im Gespräch mit eco­nomy dar­auf ange­spro­chen, ver­weist VÖZ-Prä­si­dent Tho­mas Kra­linger auf das deut­sche „Studi-VZ“ (Anm. gegrün­det sei­ner­zeit vom Holtz­brinck-Ver­lag, zudem u.a. auch „Die Zeit“ gehört), ein „Por­tal was einst grö­ßer als Face­book war, aber auf Grund der unter­schied­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen nicht funk­tio­niert hat.“ Es ist bezeich­nend, dass ein Phi­lo­soph wie Pfa­bi­gan eine feh­lende ver­le­ge­ri­sche Inno­va­ti­ons­in­itia­tive anspre­chen muss und damit sicher auch das längst über­fäl­lige „AToogle“ meint – eco­nomy bringt hier­mit die ers­ten 1.000 Euro ein und ver­pflich­tet sich zumin­dest auch die letz­ten 1.000 Euro zu finanzieren.

Autor: Christian Czaak
12.12.2016

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