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Ver­än­de­rung : Angst essen Seele auf

Erfolg­rei­ches Change Manage­ment soll die Mit­ar­bei­ter nicht ver­un­si­chern, son­dern will sie zu pro­fi­ta­blen Inno­va­tio­nen moti­vie­ren. Ultra-coole Zam­pa­nos der Vor­stands­ebe­nen sind in die­sem Pro­zess meist weni­ger gefragt.

In Zei­ten wie die­sen – also in Zei­ten stän­di­ger Ver­än­de­rung – ein Top-Mana­ger zu sein, ist kein leich­tes Schick­sal. Zuge­ge­ben, ein durch­aus lukra­ti­ves. Aber eben kein leich­tes. Josef Acker­mann weiß ein Lied davon zu sin­gen : Seit vier Jah­ren ist er Chef der Deut­schen Bank, vor Kur­zem wurde er für eine wei­tere kurze Amts­pe­ri­ode wie­der­be­stellt. Die anglo­ame­ri­ka­ni­sche Presse fei­ert ihn als Licht­ge­stalt, die Inter­na­tio­nal Finan­cial Review kürte die Deut­sche Bank unter sei­ner Füh­rung zwei­mal zur „Bank of the Year“. Das deut­sche Mana­ger­ma­ga­zin hin­ge­gen wirft ihm knall­hart vor, die Bilan­zen sei­ner Insti­tu­tion „schön­ge­rech­net“ zu haben. Und ana­ly­siert, wie Acker­mann unter ande­rem mit geziel­tem Ver­scher­beln von bank­ei­ge­nem Fami­li­en­sil­ber, mit Job­kür­zun­gen und Akti­en­rück­käu­fen eine Eigen­ka­pi­tal-Ren­dite von 25 Pro­zent vor Steu­ern sowie einen gestie­ge­nen Bör­sen­kurs erzie­len konnte. Nun, wie man zu Josef Acker­mann auch ste­hen mag, ob posi­tiv oder auch nega­tiv : Er reprä­sen­tiert jeden­falls einen Typus von Top-Mana­ger, der sehr erfolg­reich mit schnel­len Ver­än­de­run­gen umzu­ge­hen weiß. Der dar­aus den maxi­ma­len Vor­teil für seine Aktio­näre her­aus­zu­ho­len ver­steht. Den Typus des knall­har­ten Change Mana­gers, der nicht lange fackelt und genau dafür von Inves­to­ren und Bör­sia­nern gefei­ert wird. Als popu­lä­rer Sym­pa­thie-Trä­ger hin­ge­gen kann er sich nicht mehr profi lie­ren, nach­dem er als Mit­an­ge­klag­ter im Man­nes­mann- Pro­zess erneut vor Gericht muss. Und ob seine Akti­vi­tä­ten eher mit­tel­fris­ti­ges Blend­werk oder wirk­same Stra­te­gie waren, wird sich wohl erst in Zukunft mit Sicher­heit erweisen. 

Moti­va­tion statt Härte
Den­noch : Trotz sei­ner Erfolgs­bi­lanz würde Acker­mann wohl von kei­nem Exper­ten für unter­neh­me­ri­schen Wan­del als Ide­al­ty­pus für einen Change Mana­ger gese­hen wer­den. Und dies nicht zuletzt des­halb, weil etwas stär­ker als im Bank-Sek­tor der finan­zi­elle Erfolg des Unter­neh­mens in vie­len ande­ren Bran­chen auf Gedeih und Ver­derb von der Moti­va­tion, der Ein­satz­be­reit­schaft sowie dem Wis­sen und der Krea­ti­vi­tät der Mit­ar­bei­ter abhängt. Für einen in ste­ter Ver­än­de­rung befind­li­chen Markt kon­krete Pro­dukte für den Markt ent­wi­ckeln oder Dienst­leis­tun­gen den Kun­den pro­bat anzu­bie­ten, das stellt spe­zi­fisch andere Anfor­de­run­gen an gelun­ge­nes Change Manage­ment. Kühl kal­ku­lierte Härte ist jeden­falls in die­sem Kon­text nicht die wich­tigste Eigen­schaft einer Füh­rungs­kraft, die Ver­än­de­rungs­pro­zesse initi­ie­ren oder beglei­ten soll, weiß der deut­sche Change-Bera­ter Ste­fan Müh­l­ei­sen : „Die Aus­lö­ser des Wan­dels in den Vor­stands­eta­gen ver­nach­läs­si­gen regel­mä­ßig ein ele­men­ta­res mensch­li­ches Grund­ge­fühl, das in Zei­ten der Ver­än­de­rung zuschlägt : die Angst vor neuen, unge­wohn­ten Arbeits­be­din­gun­gen und vor Über­for­de­run­gen. Denn : Zwin­gend not­wen­dige Ent­wick­lun­gen brau­chen alles andere als ver­un­si­cherte Mit­ar­bei­ter.“ Eine Kerbe, in die auch Her­bert Wein­reich, Lehr­be­auf­trag­ter für Inno­va­tion und Change Manage­ment an der Inter­na­tio­nal Busi­ness School ZfU im Schwei­zer Thal­wil schlägt : „Es sind hier Ver­hal­tens­wei­sen, Metho­den und Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren erfor­der­lich, die nicht Ängste pro­vo­zie­ren, son­dern die lust­volle Aus­ein­an­der­set­zung för­dern, Wan­del, Unsi­cher­heit und die damit ver­bun­de­nen Lebens­ängste als Chance erle­ben zu ler­nen.“ Wein­reich belegt seine etwas grün-naiv wir­kende Aus­sage mit kon­kre­ten Fak­ten aus der indus­tri­el­len Pro­dukt­ent­wick­lung : „Wir müs­sen bei der Beglei­tung von Bewer­tungs­pro­zes­sen neuer Pro­duktal­ter­na­ti­ven häu­fig fest­stel­len : Je grö­ßer die inner­be­trieb­li­chen Ver­lust­ängste der Betei­lig­ten sind, desto eher wird ihre Nei­gung erkenn­bar, sich in harm­lose, leicht umzu­set­zende Pro­dukt­ver­bes­se­run­gen zu flüch­ten statt an ris­kan­ten, aber attrak­ti­ven Inno­va­tio­nen zu arbei­ten. Eine Fehl­hal­tung, die allzu oft die Zukunfts­chan­cen auf dem Markt leicht­hin verspielt.“

Und der Ver­lust­ängste gibt es in einem Change-Pro­zess sehr viele : den Ver­lust an Sta­tus, an Image, an Spiel­räu­men, an Auf­stiegs­chan­cen, an Kom­pe­ten­zen. Eine gelun­ge­nes Ver­än­de­rungs­ma­nage­ment muss genau hier anset­zen, betont Wein­reich : „Um mutige Pro­dukt­er­folge in unsi­che­ren, dyna­mi­schen Märk­ten zu erzie­len, ist mit angst­aus­lö­sen­den Para­dig­men zu bre­chen. Denn : Eine Null­feh­ler-Kul­tur führt im Inno­va­ti­ons­um­feld häu­fig zu einer Null­bock-Kul­tur. Ein Teu­fels­kreis beginnt sich damit zu dre­hen, der oft zur Läh­mung der Inno­va­ti­ons­kraft führt.“ Ein Unter­neh­men, das den inne­ren Wan­del bewusst for­ciert, damit es für die äuße­ren Bedin­gun­gen schnell auf­ein­an­der fol­gen­der Markt­be­din­gun­gen fit wird oder bleibt, benö­tigt daher unver­zicht­bar und auf allen Ebe­nen Füh­rungs­kräfte mit eini­gen wich­ti­gen Kompetenzen. 

Der ideale Change Manager
Wel­che dies sind, ana­ly­sierte wie­derum eine aktu­elle Stu­die von Cap­ge­mini : „Ver­än­de­run­gen erfolg­reich gestal­ten. Change Manage­ment 2005“, bei der mit Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen ver­traute Füh­rungs­kräfte sys­te­ma­tisch und reprä­sen­ta­tiv befragt wur­den : Als Top-Prio­ri­tät ergab sich dabei die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit (64 Pro­zent), dicht gefolgt von Ziel­ori­en­tie­rung (49 Pro­zent), Kon­flikt­fä­hig­keit, Moti­va­ti­ons­fä­hig­keit und Durch­set­zungs­ver­mö­gen (44 Pro­zent). Die­ses Kom­pe­tenz­profi l macht deut­lich, dass ein idea­ler Change Mana­ger den Pro­zess gut zu beglei­ten ver­steht, indem er durch klare Infor­ma­tio­nen die skep­ti­schen Atti­tü­den immer wie­der aus­räu­men kann. Dass er moti­viert und dabei den Fokus auf die avi­sier­ten Ziele bei­be­hält. Und kei­nes­wegs kon­flikt­scheu agiert : gegen­ü­ber oppo­nie­ren­den Mit­ar­bei­tern – und auch gegen­ü­ber jenen Vor­ge­setz­ten, wel­che den Pro­zess aus diver­sen ego­is­ti­schen Grün­den zu läh­men ver­su­chen. Zugleich macht die zitierte Stu­die klar, dass bei dem Ide­al­bild eines Change Mana­gers der Akzent eher auf „Change“ denn auf „Mana­ger“ zu set­zen ist : „Ver­ant­wort­lich sind am Ende des Tages andere, was sich am nach­ran­gi­gen Stel­len­wert von Ent­schei­dungs­fä­hig­keit (15 Pro­zent) und Dele­ga­ti­ons­fä­hig­keit (vier Pro­zent) zeigt. Nicht unwich­tig sind hin­ge­gen Aspekte der Glaub­wür­dig­keit wie authen­ti­sches Auf­tre­ten (29 Pro­zent), Ver­trau­ens­wür­dig­keit (27 Pro­zent) und feh­lende Angst vor Hier­ar­chien (25 Prozent). 

Last but not least : Ein wei­te­rer inter­es­san­ter Wider­spruch wird offen­kun­dig, wenn die Cap­ge­mini- Stu­die die real ver­wen­de­ten mit den als wün­schens­wert erach­te­ten Tools zum Change Manage­ment ver­gleicht : Wäh­rend in der aktu­el­len Rea­li­tät das gewohnte Instru­men­ta­rium wie Work­shops, Pro­jekt­ma­nage­ment, per­sön­li­che Kom­mu­ni­ka­tion und Ent­wick­lung der Füh­rungs­kräfte mit deut­li­chem Abstand vor­herr­schen, ran­gie­ren in der Vor­stel­lung der Befrag­ten spe­zi­fisch andere wün­schens­werte Instru­mente ganz weit vorn. Denn : Als abso­lute Top-Prio­ri­tä­ten sehen die befrag­ten Change Mana­ger Visi­ons­ent­wick­lung und Ler­nende Orga­ni­sa­tion, bei­des Werk­zeuge, die in der heu­ti­gen Busi­ness- Wirk­lich­keit wegen ihrer Kom­ple­xi­tät eher noch sehr ver­ein­zelt zur Anwen­dung kom­men. Viel­leicht sollte uns das Stich­wort „Vision“ auf­hor­chen las­sen : Kann es nicht sein, dass die Befrag­ten (aus einer kos­mi­schen Ahnung her­aus) in der Tat den Schlüs­sel für die nächste und wirk­sa­mere Form des Change Manage­ment benannt haben ? Der Vor­den­ker Luc de Bra­ban­dère, im Zivil­be­ruf Vice Pre­si­dent der Bos­ton Con­sul­ting Group, scheint davon zutiefst über­zeugt zu sein, wenn er ana­ly­siert : „Die Geschwin­dig­keit der Ver­än­de­rung hat sich wei­ter beschleu­nigt. Um wirk­sam und schnell reagie­ren zu kön­nen, ist Krea­ti­vi­tät enorm wich­tig. Es gen­ügt nicht mehr, nur inno­va­tiv zu sein. Natür­lich sollte ein Unter­neh­men stän­dig Neue­run­gen vor­neh­men. Krea­ti­vi­tät ist aber mehr : Sie setzt das Vor­han­den­sein einer neuen Vision vor­aus – eine grund­le­gende Ver­än­de­rung der Wahr­neh­mung, wie die Dinge sind und wie sie sein soll­ten oder könn­ten. Die Dinge müs­sen in einem völ­lig neuen Licht, aus einer neuen Per­spek­tive betrach­tet wer­den. Unter­neh­mer ver­wech­seln lei­der oft Inno­va­tion und Krea­ti­vi­tät, weil sie zu viel agie­ren und nicht gen­ü­gend über ihr Han­deln nach­den­ken.“ Für den Stra­te­gie­be­ra­ter de Bra­ban­dère Grund genug, genau die­sem für jede gelun­gene Ver­än­de­rung maß­geb­li­chen Kon­text sein jüngs­tes Buch zu wid­men : „The For­got­ten Half of Change“. Aber das ist wie­der eine andere Geschichte. Und ganz gewiss keine Main­stream Story wie der (mut­maß­li­che) Wan­del der Deut­schen Bank durch Josef Ackermann.

Aus­ge­wähl­ter Arti­kel aus Print­aus­gabe 04/2006

Autor: Jakob Steuerer
Economy Ausgabe: 04-02-2006
03.03.2017

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