
Visionäre Praxis
In Österreich ist die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) gesetzlich klar geregelt. Nach Feststellung des SPF (Lern‑, Sinnes‑, Körper- oder geistige Behinderung, Verhaltensauffälligkeit) ist es den Eltern möglich zu bestimmen, ob ihr Kind seine Schulpflicht in einer Volks‑, Haupt- oder Sonderschule erfüllen soll, wo es seinen Möglichkeiten entsprechend gefördert wird. Im Rahmen einer Integrationsklasse übernimmt eine zusätzliche Lehrkraft Unterricht und Förderung des Kindes. Viel grundsätzlicher ist jedoch zu fragen : Was geschieht mit all jenen Kindern, die auch Schwierigkeiten haben, die jedoch nicht den besonderen Umfang einer Behinderung aufweisen beziehungsweise deren Schwierigkeiten temporäre Krisen sind ? In diesem Zusammenhang sei auf Hochbegabte, Kinder mit intelligenzunabhängiger Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche, Migrationshintergrund oder psychischen Schwierigkeiten verwiesen. Diese Kinder werden zum Großteil von unserem System nicht erfasst, erhalten zu wenig Förderung ihrer Stärken und verkommen damit in ihren Schwächen. Die einschlägigen Untersuchungen belegen das leider zur Genüge.
Mit dem Konzept der „Inklusion“ geht man einen Schritt weiter ; dieses orientiert sich am Menschenrecht der Teilhabe an der Gesellschaft und damit auch an der Bildung. Es wird nicht mehr nach Kategorien wie Behinderung, Begabung, Religion, Hautfarbe, familiärer Hintergrund oder Herkunft unterschieden ; Ausgangspunkt ist jeder Mensch in seinem So-Sein und seinen spezifischen Qualitäten, der diesen entsprechend gefördert wird, Raum
für Entwicklung und Leistung erhält.
Booth und Ainscow legten mit dem „Index für Inklusion“ ein Instrumentarium vor, das hilft, Bildungsinstitutionen oder Gemeinden nach diesen Grundwerten zu untersuchen und zu entwickeln. Von England ausgehend findet der vielfach übersetzte Index mittlerweile global Anwendung.
Im niederösterreichischen Wiener Neudorf entschlossen sich 2005 die Volksschule, die Horte und Kindergärten sowie die Gemeinde selbst, Schulentwicklung und Vernetzung nach diesem Konzept zu entwickeln und wissenschaftliche Begleitung durch die Pädagogische Hochschule Niederösterreich einzuholen. Ausgehend vom „Index-Team“ wird versucht, an den Schnittstellen der Institutionen Barrieren der Kooperation zu identifizieren und Möglichkeiten des Gelingens zu entwickeln. Die Verleihung der Auszeichnung als Unesco-Dekadenprojekt im Herbst 2009 unterstreicht die Bedeutung des eingeschlagenen Weges.
Stefan Germany ist Lehrgangskoordinator an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich in Baden.