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Von der Qua­dra­tur des Wetters

Mit dem Emis­si­ons­han­del wurde der Strom­preis dop­pelt abhän­gig von Tem­pe­ra­tur, Wind­stärke und Nie­der­schlag. Je ungüns­ti­ger diese Werte aus­fal­len, desto teu­rer wer­den auch die CO2-Zer­ti­fi­kate an der Leip­zi­ger Strom­börse EEX. Und die­sen Preis­an­stieg geben die Strom­erzeu­ger eins zu eins an ihre Abneh­mer weiter.

CO2-Zer­ti­fi­kate sind ein begrenz­tes Gut. Etwa so wie UMTS-Mobil­funk­li­zen­zen. Nur : Wäh­rend Letz­tere für unglaub­li­che Beträge ver­stei­gert wur­den, haben sich die Staa­ten in Sachen Kli­ma­schutz für die kos­ten­lose Zutei­lung der CO2-Zer­ti­fi­kate an Ener­gie­wirt­schaft und Indus­trie ent­schie­den. In der EU macht die­ses Geschenk heute einen Gegen­wert von rund 130 Mrd. Euro aus. Viel zu groß­zü­gig. Denn : Seit einem Jahr wer­den die Aus­stoß­rechte für CO2 auch an der Strom­börse EEX gehan­delt. Nur : Die Liqui­di­tät die­ser Geschäfte ist äußerst beschei­den, das Volu­men also sehr gering. Der Preis­ma­ni­pu­la­tion mit rela­tiv gerin­gen Mit­teln ist so Tür und Tor geöff­net. Und das ist nicht uner­heb­lich : Denn der Preis an der EEX gilt als Refe­renz­wert für alle Lie­fer­ver­träge an die Strom­ab­neh­mer – kann er höher gehal­ten wer­den, bedeu­tet das auch höhere Gewinne. Je teu­rer also die Tonne CO2 gehan­delt wird, umso höher auch der Preis­auf­schlag, den die Strom­pro­du­zen­ten ihren Abneh­mern auf­brum­men. Rund die Hälfte ihrer Kos­ten für die neu benö­tig­ten Aus­stoß­rechte wer­den in der Regel auf die Kon­su­men­ten abge­wälzt, so die Exper­ten der EEX.

„Vie­len Ver­sor­gern ist es gelun­gen, Gra­tis­Zer­ti­fi­kate in ihre Strom­preise ein­flie­ßen zu las­sen“, bestä­tigt auch Öster­reichs Ener­gie­re­gu­la­tor Wal­ter Boltz. Er plä­diert über­haupt dafür, die CO2-Zer­ti­fi­kate künf­tig zu ver­stei­gern und die Erlöse in Kli­ma­schutz­pro­jekte flie­ßen zu las­sen. Neben den Aus­wir­kun­gen des CO2-Han­dels auf den Strom­Groß­han­dels­preis in Europa wir­ken sich frei­lich die hohen Anstiege von Öl‑, Erd­gas- und Koh­le­preis auf die Ener­gie­er­zeu­gung aus. Zur „Qua­dra­tur des Wet­ters“ schließ­lich kommt es, indem etwa bei kal­tem Win­ter nicht nur mehr geheizt wer­den muss – um vier Euro ver­teu­ert sich das Mega­watt Strom je Grad Cel­sius weni­ger –, son­dern dadurch auch zusätz­li­che Kraft­werke ange­fah­ren wer­den müs­sen, die vor­ran­gig auf fos­sile Ener­gie­trä­ger zurück­grei­fen. Und das erhöht wie­derum den Bedarf an CO2-Zer­ti­fi­ka­ten, die sich an der EEX in Folge ver­teu­ern und – rich­tig – den Strom­preis noch ein­mal ver­teu­ern. Poli­tisch sind diese Strom­preis­er­hö­hun­gen ja durch­aus gewollt – CO2-Zer­ti­fi­kate sol­len schließ­lich einen Len­kungs­ef­fekt erzie­len. Nur : Die Staa­ten als sol­che pro­fi­tie­ren nur indi­rekt davon, indem sie an den größ­ten Ener­gie­ver­sor­gern in der Regel betei­ligt sind. Ent­spre­chend haben Invest­ment­ban­ker die­sen durch den Emis­si­ons­han­del beding­ten Preis­an­stieg schon vor Jah­ren erwar­tet und die Aktien gro­ßer Strom­ver­sor­ger zum Kauf empfohlen.

Atom­in­dus­trie profitiert
Beson­des pre­kär an den „grü­nen“ Kli­ma­schutz-Ambi­tio­nen sind auch die indi­rek­ten Kon­se­quen­zen : So pro­fi­tiert von der Ein­prei­sung der CO2-Zer­ti­fi­kate in die Groß­han­dels­preise vor allem und nicht zuletzt die Atom­in­dus­trie. Nach­dem ein AKW völ­lig CO2-neu­tral pro­du­ziert, muss es auch künf­tig kei­ner­lei CO2-Zer­ti­fi­kate zukau­fen, kann aber den­noch den Strom teu­rer abset­zen. Umge­kehrt gilt das natür­lich auch für große Was­ser­kraft­er­zeu­ger wie den Ver­bund. Kri­tisch muss man dies­be­züg­lich auch Strom aus Wind­kraft bewer­ten : Denn die not­wen­dige Aus­gleichs­en­er­gie bei Wind­flau­ten hat den­sel­ben Effekt wie die in einem kal­ten Win­ter oder tro­cke­nen Som­mer. In Summe ver­hin­dere, so Boltz, der Emis­si­ons­han­del den euro­päi­schen Strom­wett­be­werb, „indem er für zu hohe Ein­tritts­bar­rie­ren in Dritt­märkte sorgt“. Hinzu komme, dass „die Ver­wal­tung der CO2-Zer­ti­fi­kate in man­chen Län­dern über­aus leger gehand­habt wird“. Von einer „schier end­lo­sen Zutei­lung von CO2-Zer­ti­fi­ka­ten an man­che Kraft­werks­bauer“ wird gemun­kelt. Ein laxer Umgang mit den CO2-Zer­ti­fi­ka­ten wie mit den Maas­tricht-Kri­te­rien sei vorprogrammiert. 

In ihrer groß ange­leg­ten Unter­su­chung zur euro­päi­schen Ener­gie­wirt­schaft kommt die EU-Kom­mis­sion jeden­falls zu dem Schluss, das die natio­na­len Märkte nicht zusam­men­wach­sen – die Inte­gra­tion ist bis dato nicht gelun­gen. Nach wie vor hal­ten die jeweils drei größ­ten Ener­gie­ver­sor­ger eine beträcht­li­che Markt­macht und agie­ren so als Oli­go­pol. Vom ange­peil­ten Ziel, dass jedes Land min­des­tens zehn Pro­zent des eige­nen Strom­auf­kom­mens mit ande­ren Län­dern aus­tauscht, ist man noch weit ent­fernt. Und anstatt in den bila­te­ra­len Netz­aus­bau zu inves­tie­ren, wer­den von den jewei­li­gen Regel­zo­nen­füh­rern lie­ber Auk­tio­nen zu beschränk­ten Kapa­zi­tä­ten an den Gren­zen durch­ge­führt. Lukra­tiv für den Regel­zo­nen­füh­rer, kon­tra­pro­duk­tiv für Europa. Damit nicht genug : Wäh­rend Finanz- und Waren­bör­sen aller­orts ihren Markt­teil­neh­mern strikte Trans­pa­renz ver­ord­nen, herrscht an der Strom­börse Nach­rich­ten­flaute. Wel­che Kraft­werke gerade her­un­ter­ge­fah­ren wer­den oder wei­ter in Betrieb sind – essen­zi­elle Daten für den Strom­han­del – wis­sen hier nur die Kraft­werks­be­trei­ber selbst. Ein unfai­rer Vor­sprung : Sie kön­nen so bil­li­gen Strom ein­kau­fen, fah­ren ihr Kraft­werk her­un­ter und ver­kau­fen ihn teu­rer wie­der wei­ter. So einfach.

Abge­schot­tete Gasmärkte
Noch schlim­mer ist es um den Gas­markt bestellt. Zwar wür­den phy­si­ka­lisch 15 bis 25 Pro­zent freie Import­ka­pa­zi­tä­ten in den Pipe­lines aus Russ­land, Nor­we­gen und Alge­rien vor­han­den sein. Blo­ckie­rende Reser­vie­rungs­ver­träge weni­ger Gasim­por­teure ver­hin­dern hier aber jed­wede Markt­be­le­bung schon im Ansatz. Bis 2017 gibt es ins­be­son­dere auf der West-Ost­Ver­bin­dung so gut wie kei­nen Sekun­där­markt – alle Kapa­zi­tä­ten sind durch Lang­frist­ver­träge rest­los aus­ge­bucht. Summa sum­ma­rum : Der Kli­ma­schutz­me­cha­nis­mus ist noch wenig aus­ge­reift. Am Gas­markt herrscht kein Wett­be­werb. Aber immer­hin : „Stei­gende Preise sind beim Strom nicht mehr zu erwar­ten“, sagt Boltz.

Aus­ge­wähl­ter Arti­kel aus Print­aus­gabe 01/2006

Autor: Markus Zwettler
Economy Ausgabe: 01-01-2006
09.02.2017

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