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Von Smart­phones und Weara­bles zur Diagnose

Digi­tal Phe­no­ty­p­ing oder das unge­nutzte Poten­zial digi­ta­ler Tech­no­lo­gien bei Schi­zo­phre­nie und ande­ren Krank­hei­ten. For­scher der Med Uni Inns­bruck zei­gen Ein­satz­mög­lich­kei­ten von Smart­phones und Weara­bles mit ver­gleichs­weise weit­aus stim­mi­ge­ren Ergeb­nis­sen bei Vor­her­sage und Diagnostik.

In der moder­nen Psych­ia­trie ist die Dia­gnose und Behand­lung von Schi­zo­phre­nie-Spek­trum-Stö­run­gen (SSD) mit gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen ver­bun­den. Dia­gno­sen basie­ren oft auf sub­jek­ti­ven und in Rela­tion oft­mals nur kur­zen kli­ni­schen Gesprä­chen bzw. Moment­auf­nah­men, wäh­rend Sym­ptome im All­tag der Betrof­fe­nen stark schwan­ken können. 

Erste sys­te­ma­ti­sche Ana­lyse die­ser Art

Eine umfas­sende Stu­die unter der Lei­tung von Johan­nes Pass­ecker am Insti­tut für Sys­te­mi­sche Neu­ro­wis­sen­schaf­ten der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck beleuch­tet nun, wie das soge­nannte „Digi­tal Phe­no­ty­p­ing“ (Anm. digi­tale Ver­mes­sung des Ver­hal­tens durch Smart­phones und Fit­ness-Tra­cker) diese Lücke schlie­ßen kann und wie diese Smart­phones und Weara­bles die Dia­gnos­tik und Vor­her­sage spe­zi­ell bei Schi­zo­phre­nie-Stö­run­gen revo­lu­tio­nie­ren könnten.

Die Stu­die beleuch­tet aber auch, wo die aktu­el­len Gren­zen lie­gen. Die im renom­mier­ten Fach­jour­nal Digi­tal Medi­cine ver­öf­fent­lichte Arbeit ist die erste sys­te­ma­ti­sche Ana­lyse die­ser Art. Das For­schungs­team am Insti­tut für Sys­te­mi­sche Neu­ro­wis­sen­schaf­ten (Direk­to­rin : Sabine Lieb­scher) unter­suchte Daten aus zwei Jahr­zehn­ten, um zu ver­ste­hen, ob digi­tale Spu­ren tat­säch­lich dabei hel­fen kön­nen, Dia­gno­sen zu stel­len oder psy­cho­ti­sche Rück­fälle vorherzusagen. 

Objek­tive Daten statt sub­jek­ti­ver Momentaufnahmen 

Das „Digi­tal Phe­no­ty­p­ing“ nutzt Daten, die Men­schen täg­lich gene­rie­ren. Dazu gehö­ren aktive Ein­ga­ben auf dem Smart­phone wie etwa kogni­tive Spiele oder Stim­mungs­ta­ge­bü­cher sowie pas­sive Daten von Sen­so­ren wie Bewe­gungs­mus­ter, Schlaf­qua­li­tät oder Sprach­ana­ly­sen. Das Team der Med Uni Inns­bruck ana­ly­sierte Anga­ben zufolge 142 Stu­dien mit über 6.000 Teilnehmenden. 

Ein Ergeb­nis zeigt, dass digi­tale Mes­sun­gen Patient:innen mit SSD deut­lich von gesun­den Kon­troll­grup­pen unter­schei­den kön­nen. Beson­ders her­vor­zu­he­ben sind dabei digi­tale kogni­tive Tests, die die stärkste Aus­sa­ge­kraft zeig­ten, gefolgt von Daten zu Ver­hal­ten und kör­per­li­cher Akti­vi­tät, die oft über Weara­bles gemes­sen wurden. 

Digi­tale Ergeb­nisse stimm­ten oft nur bedingt mit tra­di­tio­nel­len Fra­ge­bö­gen überein

Diese objek­ti­ven digi­ta­len Daten stimm­ten oft nur bedingt mit den tra­di­tio­nel­len kli­ni­schen Fra­ge­bö­gen über­ein. Laut den For­schern ist dies ein Hin­weis, dass digi­tale Tech­no­lo­gien nicht ein­fach nur bestehende Tests kopie­ren, son­dern neue Aspekte der Erkran­kung erfas­sen, die even­tu­ell im kli­ni­schen Gespräch oder in Fra­ge­bö­gen ver­bor­gen blei­ben könnten. 

„Die Dia­gnose psy­chi­scher Erkran­kun­gen gleicht heute oft einer Moment­auf­nahme. Digi­tale Tech­no­lo­gien ermög­li­chen uns hin­ge­gen, einen bes­se­ren kon­ti­nu­ier­li­chen Ver­lauf des Gesund­heits­zu­stan­des zu sehen“, so Johan­nes Pass­ecker vom Stu­di­en­team. „Unsere Stu­die zeigt deut­lich, dass wir durch Smart­phones und Weara­bles objek­tive Mar­ker für kogni­tive Leis­tung und Ver­hal­tens­mus­ter erhal­ten kön­nen, die im kli­ni­schen All­tag bis­her weit­ge­hend feh­len“, betont Passecker.

Viel­ver­spre­chende Vor­her­sa­gen und die Not­wen­dig­keit von wis­sen­schaft­li­chen Standards 

Ein wei­te­rer Schwer­punkt der Stu­die lag auf der Vor­her­sage von psy­cho­ti­schen Rück­fäl­len. Auch hier sind die Ergeb­nisse viel­ver­spre­chend. Einige Modelle erreich­ten eine Genau­ig­keit von bis zu 80 Pro­zent, was einer hohen Vor­her­sa­ge­kraft ent­spricht. „Unsere Ana­lyse zeigt eine enorme Band­breite in der Qua­li­tät der Stu­dien. Aber : wir müs­sen auf­pas­sen, dass wir uns nicht von ein­zel­nen Erfolgs­mel­dun­gen blen­den las­sen, solange die wis­sen­schaft­li­che Basis so hete­ro­gen ist“, ergänzt Passecker.

Um das volle Poten­zial der digi­ta­len Medi­zin für Men­schen mit Schi­zo­phre­nie zu nut­zen, for­dert das Inns­bru­cker Team stan­dar­di­sierte Berichts­richt­li­nien und umfang­rei­chere Lang­zeit­stu­dien. „Nur so kön­nen aus viel­ver­spre­chen­den For­schungs­da­ten ver­läss­li­che medi­zi­ni­sche Anwen­dun­gen wer­den, die Patient:innen welt­weit zugu­te­kom­men“, resü­miert Johan­nes Pass­ecker stell­ver­tre­tend für das Stu­dien-Team am Insti­tut für Sys­te­mi­sche Neu­ro­wis­sen­schaf­ten der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck. (red/​czaak)

Autor: red/czaak
18.02.2026

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