
Von Sprachmodellen bis zu Halluzinationen
Künstliche Intelligenz ist mit vielen Begriffen und ebenso vielen technologischen Einzelkomponenten verbunden. Philipp Berger, Senior System Engineer Datacenter Networking bei CANCOM Austria, hat eine umfassende Übersicht erstellt.
Als ChatGPT am 30. November 2022 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde markierte das den Beginn einer neuen Epoche. Die KI-Anwendung löste einen regelrechten Hype aus, nach nur zwei Monaten nutzen rund 100 Millionen Menschen den KI-Dienst des Unternehmens Open AI.
Kurz darauf brachten auch andere Unternehmen Produkte dieser Art auf den Markt: Microsoft Bing Chat (heute Copilot), Google Bard (heute Gemini) oder Claude von Anthropic. Damit begann ein Wettrüsten der AI-Unternehmen, die immer größere und bessere Modelle hervorbrachten und dies immer noch tun. Heute gibt es unzählige Unternehmen die interessierten Benutzern Abos für „AI-as-a-service“ zur Verfügung stellen.
Turing Test von Alan Turing im Jahre 1950 als Start
Die Idee von AI ist aber gar nicht so neu. Bereits in den 1940er Jahren wurden mathematische Modelle künstlicher Neuronen entwickelt und 1950 publizierte der Engländer Alan Turing seinen berühmten „Turing Test“. Hier sollte die Frage beantwortet werden, ob Maschinen denken können. Man versuchte den damaligen Computern intelligente Dinge beizubringen, wie Schach spielen oder logische Probleme lösen.
Sollte ein Computer diese Dinge bewerkstelligen können, so die Überlegung, wäre es eine Art von künstlicher Intelligenz (Artificial Intelligence). Im heutigen Kontext sprechen wir meist von generativer AI, sogenannten LLMs (Large Language Modellen). Im Gegensatz zu früheren Sprachmodellen basieren viele der heutigen LLMs auf der sogenannten Transformer-Architektur.
Neuronales Netzwerk
Als Menschen schaffen wir gerne Maschinen nach unserem Abbild. Dies ist (nicht nur in Science Fiction Filmen) bei Robotern so, sondern auch beim Gehirn. Dort sind viele Milliarden Neuronen durch Dendriten und Synapsen miteinander verbunden und bilden so ein neuronales Netzwerk. Diese Neuronen verarbeiten Informationen indem sie elektrische Signale austauschen, das Denken. Um dies nun in die Computerwelt zu übertragen haben Forscher eine mathematische Abstraktion bestehend aus Knoten (Neuronen) und Verbindungen untereinander (Synapsen) erstellt. Und das bildet die Grundlage für alle modernen AI-Modelle.
Die Neuronen sind in sogenannten Schichten (Layer) angeordnet. Diese gliedern sich in eine Eingabe‑, eine Ausgabe- und viele hundert oder tausend versteckte Schichten, wobei diese versteckten Schichten die eigentliche Arbeit erledigen. Die Neuronen einer Schicht sind mit jenen der nächsten Schicht verbunden. Jede dieser Verbindungen ist gewichtet. Erst die technischen Innovationen der letzten 20 Jahre machten es möglich so viele versteckte Schichten überhaupt trainieren zu können.
LLM (Large Language Model) und LRM (Large Reasoning Model)
Die derzeit verfügbaren Chatbots fallen unter die Kategorie LLM (bzw. LRM). Ein LLM erhält als Eingabe eine Serie von Tokens und berechnet die Wahrscheinlichkeit, welcher Token als nächstes folgen könnte. Diese Vorhersage produziert mehrere mögliche Kandidaten und wählt zufällig einen davon aus. Dadurch kann es passieren, dass das Model auf ein und dieselbe Frage jedes Mal verschiedene Antworten gibt. Über spezielle Parameter lässt sich dieses Verhalten jedoch kontrollieren. LLMs werden mit Billionen von Wörtern in verschiedenen Kontexten trainiert, daher stammt das „Large“.
Ein LRM ist ein LLM, das einen internen Gedankengang (CoT; Chain of thought) durchläuft. Im Gegensatz zu einem LLM denkt es, bevor es spricht. Man erkennt es daran, dass es einerseits wesentlich länger dauert bis man eine Antwort erhält und die Chatoberfläche ein „Denke nach…“ einblendet. LRMs arbeiten nach dem Schema: planen ➔ überlegen ➔antworten. Man erhält ein LRM, wenn ein LLM etwa mit Reinforcement Learning angepasst wird.
Vision Model
Ein Vision Model ist eines, das statt mit Text mit Bildern trainiert wird, oder mit einer Kombination aus beidem. Es ist dadurch in der Lage ein Bild zu beschreiben (Image- to-Text), ein Bild zu verändern (Image-to-Image) oder ein Bild aus einem Text zu erstellen (Text-to-Image). Der Token ist die Maßeinheit des LLMs. Erfolgt bsplw. die Abrechnung nach Tokens, bezahlt man einen Preis für Eingabe- und Ausgabetokens.
Token
Ein Token ist etwa ein halbes bis ein Wort, technisch ist es ein Wortfetzen. Diese Wortfetzen sind so gewählt, dass sich daraus möglichst viele andere Wörter zusammensetzen lassen. Die Aufteilung des Texts auf Tokens kann zwischen den Modellen variieren, ist aber an das Model gebunden. ChatGPT‑5 teilt etwa das Wort „Gericht“ auf 2 Tokens auf: „Ger“ und „icht“, „Gerichtsverhandlung“ ergibt 5 Tokens: „Ger“, „ichts“, „ver“, und „handlung“. Je nach Sprache werden pro Wort unterschiedlich viele Tokens verwendet, im Englischen ca. 1,2 Tokens pro Wort, im Deutschen 1,5 – 1,8. Werden Dateien (Dokumente, Bilder, etc.) hochgeladen, so werden diese ebenfalls in Tokens zerlegt.
Kontext
Das Kontext-Fenster legt fest, an wie viele Tokens sich ein Model erinnern kann. Das betrifft einerseits die Eingabe selbst (Prompt-Text, Dateiuploads, etc.) als auch die Historie der aktuellen Unterhaltung (also alle Ein- und Ausgaben). So kann es passieren, dass sich das Modell bei langen Unterhaltungen oder großen Dateien plötzlich nicht mehr an Informationen erinnern kann. Je größer der Kontext, desto mehr Ressourcen werden benötigt.
Die Erfahrung zeigt, dass Modelle Informationen am Anfang und am Ende des Kontext- Fensters mehr berücksichtigen als jene in der Mitte. Eine Analogie wäre ein längeres Meeting, wo man sich gut an die Folien 1–3 und die letzten Folien 150–152 erinnern kann, aber auf Nachfrage die Zeile 5 auf Folie 60 nicht fehlerfrei zitieren kann. Mehr ist also nicht immer besser und eigene Chats pro thematisch neuer Anfrage (neuer Kontext) verbessern die Qualität der Antworten ungemein. Derzeit übliche Kontextlängen erstrecken sich von 64.000 – 1 Mio. Tokens.
Training
Das beste und größte Model ist sinnlos ohne Training. Wenn ein Model erstellt wird, erhalten alle Verbindungen zwischen den Neuronen ein zufälliges Gewicht. Beim Training wird dem Model nun eine Eingabe geliefert (z.B eine Frage) und es produziert eine Ausgabe (Antwort). Diese Antwort ist aber naturgemäß falsch, jedoch ist dem Trainierenden die korrekte Antwort bekannt.
Über einen Prozess namens Backpropagation (Fehlerrückführung) werden nun die Gewichtswerte der Verbindungen so verändert, dass beim nächsten Mal die korrekte Antwort herauskommt. Wenn man das nun mehrere Milliarden mal mit verschiedenen Ein- und Ausgaben macht, erhält man ein trainiertes Model.
Inference
Inference bedeutet, dass ein Modell genutzt wird. Es gibt die Trainings-Phase in der dem Modell das „Wissen“ beigebracht wird und die Inference-Phase in der auf das Wissen zugegriffen und es mit Prompts befragt werden kann. Dazwischen gibt es ggf. die Anpassungs- (Fine- Tuning) Phase.
Die Anzahl der Parameter gibt dann an, wie viele gelernte Werte es in einem Model gibt. Vereinfacht gesagt sind dies die Gewichtungen, die beim Training trainiert werden. Die Anzahl der Parameter hat einen direkten Einfluss auf die Größe der Models und die benötigten Ressourcen. GPT‑1 hatte 117 Mio. Parameter, GPT‑2 bereits 1,5 Mrd und GPT‑3 etwa 175 Mrd. Das frei verfügbare GLM- 5 verfügt über 754 Mrd. Parameter und schlägt sich mit einer Größe von 1,5 TB zu Buche.
Prompt-Engineering
Der Prompt ist die Anfrage an das Model. Das kann reiner Text sein, aber auch PDFs, DOCX oder Bilddateien. Man unterscheidet hier zwischen dem User (Benutzer) und System Prompt. Der User-Prompt ist der Text den der Benutzer eingibt, der System-Prompt legt Verhaltensregeln des Models fest. Der System-Prompt kann nicht bei jedem Model verändert werden bzw. nur indirekt, indem Anweisungen im User-Prompt verpackt werden.
Hierbei handelt es sich um die Kunst den Prompt möglichst so zu formulieren, dass man die höchste Genauigkeit und die relevantesten Informationen vom Model erhält. So wie es früher wichtig war die korrekten Suchworte in Google einzugeben ist es bei der AI hilfreich für den Prompt eine genaue und umfassende Formulierung zu wählen.
Halluzinieren
Unter dem Halluzinieren versteht man den Umstand, dass die AI Tatsachen erfindet. Das erstreckt sich von falschen Zusammenfassungen über fehlerhafte Erklärungen bis hin zum Erfinden von Zitaten und Fakten. Auch wenn eine Quelle angegeben wird, bedeutet das nicht, dass der Text dort irgendetwas mit dem Thema zu tun hat oder die Quelle überhaupt existiert. Da die Ausführungen der AI dennoch plausibel klingen und eben ggf auch Quellenangaben enthält, ist das Halluzinieren von Laien schwer zu erkennen.
Agentic AI
AI Agenten sind das aktuelle Go-To wenn es um die Verwendung von AI geht. Anders als die Chatbots wie ChatGPT beantworten sie nicht Prompt für Prompt, sondern arbeiten nach dem Muster: beobachten ➔ überlegen ➔ handeln ➔ Ergebnis prüfen ➔ beobachten ➔… . Die Anforderungen können vielfältig sein, je nachdem welche Werkzeuge einem Agenten zur Verfügung stehen (zB. „Buche mir eine Reise nach Madrid“ oder „Prüfe alle neuen Mandatsanfragen, ordne sie Arbeitsrecht, Mietrecht oder Gesellschaftsrecht zu und erstelle eine Kurz-Zusammenfassung.“).
Abhängig vom verwendeten Agenten ist es aber möglich, dass die Verwendung desselben durch die vielen verdeckten Anfragen eine hohe Anzahl an Tokens konsumiert und somit entsprechend teuer ist. Ein Agent verwendet hierfür im Hintergrund Modelle die für das Nachdenken ausgelegt sind (LRM).
Automatisierung
Vor allem AI-Agenten eignen sich um Workflows zu definieren und diverse Aufgaben des daily Business zu automatisieren. Automatisierung an sich ist aber nicht von einer AI abhängig, jedoch lässt sie sich in einigen Fällen einfacher und dynamischer umsetzen. Da viele Unternehmen alleine aus Kostengründen keine AI Infrastruktur im Büro betreiben können, müssen diese AI Agenten LLMs in der Cloud nutzen, was unweigerlich zum Thema Datenschutz führt. Oft reicht aber auch ein einfaches Excel oder ein Script auf einem PC in der Kanzlei, um den gewünschten Effekt zu erhalten.
Application Programming Interface
Der Begriff API steht für „Application Programming Interface“ und ist eine Schnittstelle. Während menschliche Benutzer übersichtlich und bedienungsfreundlich ihre Prompts und Dateien über Textboxen auf schönen Webseiten übermitteln (wie zB. bei ChatGPT), ist ein Solches für Programme, die auf AI-Funktionen zugreifen wollen, eher hinderlich. Diese Programme, aber auch Scripte oder Agenten verwenden die API des jeweiligen Modells um Prompts und Daten mittels eines standardisierten Formats (in diesem Fall JSON) zu übertragen.
Context Engineering
Das Context Engineering ist die „Weiterentwicklung“ des Prompt Engineerings. Bei komplexeren Anfragen (zB durch Agents) ist es notwendig, Informationen oder Anweisungen zum korrekten Zeitpunkt an das Modell zu übergeben, um ein optimales Ergebnis zu erhalten. Aber auch zusätzliche Arbeitsschritte wie das Zusammenfassen der bisherigen Informationen, um wieder Platz im Context zu schaffen, gehört dazu.
Finale Conclusio
Wie alle technischen Errungenschaften ist die AI ein sehr wertvolles Werkzeug für bestimmte Aufgaben, wenn sie korrekt verwendet wird. Wie die Einführung des Internets, welche die Suche in Büchern erleichtert hat, so ist Recherche nun mit AI noch schneller und komfortabler geworden.
Im eigenen Interesse wird jedoch dringend empfohlen generierte Inhalte und recherchierte Ergebnisse auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Die AI erleichtert den Arbeitsalltag, aber sie kann den Menschen nicht vollständig ersetzen – die Arbeit fällt nicht weg, sie verändert sich nur. (Philipp Berger ist Senior System Engineer für Datacenter Networking bei CANCOM Austria). (ContentAd)