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Was den Öster­rei­chern wich­tig ist

Ursula Hama­chers-Zuba : „Bescheid zu wis­sen über Ein­stel­lun­gen zu Wer­ten und über deren impli­zite Wert­vorstellungen nach­zu­den­ken ist not­wen­dig, weil Werte dem Han­deln Rich­tung geben“, erklärt die Leh­rende an der Katho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Wien und Autorin der aktu­el­len Wer­te­stu­die für Österreich. 

Was den­ken Öster­rei­che­rin­nen und Öster­rei­cher über Bezie­hung, Arbeit, Reli­gion und Poli­tik ? Diese und ähn­li­che Fra­gen ver­sucht das Buch Die Öster­­rei­cher/-innen. Wer­te­wan­del 1990 – 2008 (Czernin Ver­lag) zu beant­wor­ten. eco­nomy bat eine der Autorin­nen zum Gespräch.

eco­nomy : Wie kam es zu der Wer­te­stu­die ? Salopp for­mu­liert : Warum wird diese hier­zu­lande über­haupt gemacht ?

Ursula Hama­chers-Zuba : Anfang der 1980er Jahre ist eine Initia­tive bel­gi­scher und nie­der­län­di­scher For­scher der Frage nach­ge­gan­gen, ob es in Europa einen gemein­sa­men Wer­te­ka­non im Sinne einer gemein­sa­men, mög­li­cher­weise christ­lich fun­dier­ten „euro­päi­schen Seele“ gibt. Mit einem ein­heit­li­chen Fra­ge­bo­gen wur­den Per­so­nen aus damals 13 Län­dern nach ihren Ein­stel­lun­gen zu Beruf, Fami­lie, Reli­gion und Poli­tik befragt. Mitt­ler­weile wurde das Kon­zept wei­ter­ent­wi­ckelt und die Erhe­bung 1990, 1999 und aktu­ell 2008 in der­zeit 46 Län­dern wie­der­holt. Seit 1990 ist Öster­reich mit einem Team unter der Lei­tung von Paul M. Zuleh­ner an dem Pro­jekt betei­ligt. Dadurch haben wir einen inter­es­san­ten Über­blick über die Ent­wick­lung in den letz­ten 20 Jahren.

Wel­cher prak­ti­sche Nut­zen lässt sich dar­aus ziehen ?
Was kann so eine Stu­die leis­ten ? Vor allem auch vor dem Hin­ter­grund, dass der Mensch oft genug anders han­delt, als er zu den­ken vor­gibt. Aber Bescheid zu wis­sen über Ein­stel­lun­gen zu Wer­ten und über deren impli­zite Wert­vor­stel­lun­gen nach­zu­den­ken ist trotz­dem not­wen­dig, weil Werte dem Han­deln Rich­tung geben. So ermög­licht die vor­lie­gende Stu­die nicht nur einen Über­blick über Ein­stel­lun­gen zu klas­si­schen gesell­schaft­li­chen Wer­ten, son­dern lässt auch Ent­wick­lungs­ten­den­zen und Zukunfts­sze­na­rien erkennen. 

Was ist den Öster­rei­chern wer­te­mä­ßig wichtig ? 
Fragt man nach Lebens­be­rei­chen, die den Öster­rei­chern wich­tig sind, dann ist und bleibt die Fami­lie Spit­zen­rei­ter : Für 79 Pro­zent ist sie sehr wich­tig. Aller­dings zei­gen sich gewisse Ver­schie­bun­gen : Die Fami­lie ver­liert ein wenig an Bedeu­tung, wäh­rend Freunde und Bekannte seit 20 Jah­ren immer wich­ti­ger wer­den. Gerade bei jun­gen Men­schen, die teils doch wesent­lich mobi­ler und fle­xi­bler leben als ihre Eltern­ge­nera­tion, wer­den auch fle­xi­blere Netz­werke immer wich­ti­ger. Die zweite Ver­än­de­rung betrifft das Ver­hält­nis zwi­schen Arbeit und Frei­zeit : Arbeit ver­liert an Bedeu­tung, Frei­zeit hin­ge­gen wird mehr geschätzt als frü­her. Beide Berei­che flie­ßen im All­tag immer mehr inein­an­der, die Abgren­zung wird durch geän­derte Arbeits­stile, Pro­jekt­for­men und höhere tech­ni­sche Erreich­bar­keit schwieriger.

Haben sich die Werte der Öster­rei­cher im Laufe der Zeit gewan­delt ? Wo sind eigent­lich signi­fi­kante Unter­schiede feststellbar ?
Deut­li­che Ver­än­de­run­gen gibt es bei­spiels­weise bei den Rol­len­zu­schrei­bun­gen zwi­schen Frauen und Män­nern : Die Fest­le­gung auf Zustän­dig­kei­ten – Frau für Fami­lie, Mann für Arbeit – ist weit­ge­hend auf­ge­bro­chen : Beide sol­len sowohl zum Ein­kom­men als auch zum Haus­halt bei­tra­gen, Frauen sol­len bei knap­per wer­den­den Arbeits­plät­zen nicht zurück­ste­hen müs­sen. Was nicht heißt, dass im kon­kre­ten All­tag tat­säch­lich halbe-halbe prak­ti­ziert wird. Und tat­säch­lich gibt es da bei man­chen Aspek­ten sogar eine Rück­kehr zu tra­di­tio­nel­len Vor­stel­lun­gen : Waren 1999 nur 43 Pro­zent der Öster­rei­cher der Mei­nung, dass Haus­frau zu sein genauso befrie­di­gend sein kann wie berufs­tä­tig zu sein, sind es 2008 mit 52 Pro­zent wie­der annä­hernd so viele wie Anfang der 1990er Jahre – 56 Prozent.

Wer­den die Öster­rei­cher tole­ran­ter ? Wer­den sie „radi­ka­ler“?
Deut­lich mehr Tole­ranz zei­gen die Öster­rei­cher gegen­über homo­se­xu­ell ori­en­tier­ten Men­schen, hier hat sich das Image offen­bar deut­lich ver­bes­sert. In Summe drü­cken die Men­schen jedoch Ableh­nung viel deut­li­cher aus als noch vor zehn oder 20 Jah­ren. Beson­ders zu Rechts­extre­mis­ten, Mus­li­men, psy­chisch labi­len Per­so­nen, vor­be­straf­ten Per­so­nen und Men­schen mit ande­rer Haut­farbe gehen die Öster­rei­cher auf Distanz. Die Aus­län­der­feind­lich­keit ist mess­bar gestie­gen. Inter­es­san­ter­weise sind hier nicht jene Vor­rei­ter, denen es objek­tiv schlecht geht – in Bezug auf Ein­kom­men, Bil­dungs­ni­veau, Arbeits­lo­sig­keit –, son­dern vor allem jene, die vom poli­ti­schen Sys­tem und den Par­teien ent­täuscht sind, poli­tisch nicht oder nicht mehr inter­es­siert und sub­jek­tiv eher unglück­lich und frus­triert sind. 

Pro­gno­sen für die Zukunft : Was könnte sich wer­te­mä­ßig mit­tel­fris­tig hier­zu­lande verändern ?
Es ist span­nend, dass öffent­lich wie­der viel über Werte dis­ku­tiert wird. Der Ruf nach „Wer­ten“ hat auch etwas mit Ver­un­si­che­rung zu tun, mit der Sehn­sucht nach Klar­heit und Bestän­dig­keit. Plu­ra­li­täts­fä­hig­keit, das Aus­hal­ten von Viel­falt und gleich­zei­tig das ver­ant­wor­tungs­volle Arbei­ten an Kon­sens­lö­sun­gen für gesell­schaft­li­che Kon­flikt­fälle wird auch zu den Wer­ten der Zukunft gehö­ren – müs­sen. Kon­sens lässt sich aber erst errei­chen, nach­dem man sich aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Das ist eine große Her­aus­for­de­rung für die poli­ti­sche und zivil­ge­sell­schaft­li­che Kul­tur in Öster­reich, wie die Daten der Wer­te­stu­die ganz ein­deu­tig belegen.

Zur Per­son
Ursula Hama­chers-Zuba (1971) absol­vierte ein Stu­dium der Theo­lo­gie und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten an der Ruhr­uni­ver­si­tät Bochum und der Uni­ver­si­tät Wien, wel­ches sie mit einem Dok­to­rat im Fach Pas­to­ral­theo­lo­gie abschloss. Seit 1998 ist sie am Insti­tut für Prak­ti­sche Theo­lo­gie der Katho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Wien (Pas­to­ral­theo­lo­gie) tätig. Zwi­schen 1997 und 2004 war sie zudem wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin im Lud­wig Boltz­mann-Insti­tut für Wer­te­for­schung und im Pas­to­ra­len Forum.

Autor:
21.08.2009

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