
Was Väter abhält, in Karenz zu gehen
Sie lieben ihre Kinder, sie denken partnerschaftlich. Dennoch gehen nur fünf Prozent der Väter in Karenz. Weil es zu stressig ist. Weil sie Angst um ihre Karriere haben. Oder weil sie noch nie darüber nachgedacht haben.
Papa‘, schreien sie, wenn ich zur Tür hereinkomme. Und dann hängen sie schon an mir. Das ist der schönste Moment des ganzen Tages.“ Wenn Georg M. über seine kleinen Töchter redet, strahlen seine Augen. Sein Leben habe sich total verändert. „Ich habe meinen Egoismus zurückgeschraubt. Früher bin ich viel mountainbiken gegangen, war mit Freunden unterwegs.“ Jetzt gehört das Wochenende seiner Familie. Er kocht, geht einkaufen, hilft beim Putzen.
Ja, die Väter sind anders als früher. Sie spielen mit ihren Kindern und passen auch mal allein auf sie auf, damit die Frau ins Fitnesscenter gehen oder eine Freundin treffen kann. Sie bringen die Kleinen ins Bett, lesen Geschichten vor. Dennoch : Die neuen Väter könnten viel mehr tun. Kaum einer teilt Kinder- und Hausarbeit halbe halbe.
Fall 1 : Eine Woche ist zu viel
Georg M. hat eine mittlere Position in einem Unternehmen, seine Frau hatte eine sehr gute. Sie verdiente mehr als er. Nun sorgt sie seit dreieinhalb Jahren für ihre zwei Kinder ; in einem halben Jahr wird sie in ihren Beruf zurückkehren. In Teilzeit. Plant er vielleicht, seine Arbeitszeit auch etwas zu reduzieren, damit sie mehr Stunden arbeiten kann ? „Daran habe ich noch nie gedacht“, sagt er.
Er ist ehrlich. Einmal hat er eine Woche lang für sein erstes Kind gesorgt. Seine Frau lag mit einer schweren Grippe im Bett. „In den ersten drei Tagen habe ich einen Saustall gehabt. Ich bin zu nichts gekommen. Keine Wäsche gewaschen, nichts Gescheites gekocht. Ich war schon froh, wenn ich selber halbwegs angezogen war.“ Hochachtung hat er seither davor, wie seine Frau die Arbeit mit den zwei Kindern schafft. Er könne das nicht.
Fünf Prozent der Bezieher von Kinderbetreuungsgeld in Österreich sind Männer. Der Anteil der Väter in Karenz steigt, wenn auch langsam. Vor 15 Jahren lag er unter einem Prozent. Lange galt als Grund dafür, dass die meist besser verdienenden Männer die Familie erhalten müssen und Paare nicht auf das Einkommen des Mannes verzichten können. Bei vielen Paaren stimmte das wohl – wenn auch sicher nicht in 95 Prozent der Fälle.
Seit Oktober 2009 gibt es auch eine einkommensabhängige Variante des Kinderbetreuungsgeldes. Sie ist kürzer : zwölf beziehungsweise 14 Monate, wenn der Mann zumindest zwei Monate in Karenz geht. Dafür erhält man 80 Prozent des Einkommens. Da die neue Regelung für Kinder gilt, die ab Oktober 2009 geboren werden, lässt sich noch nicht sagen, ob mehr Männer in Karenz gehen werden. Massenbewegung ist noch keine ausgebrochen : Von 473 Personen, die einkommensabhängiges Kinderbetreuungsgeld beziehen, sind neun Männer. Also zwei Prozent.
Fall 2 : Realität schlägt Anspruch
Johann S. hat zwei Kinder. Und den Anspruch, Familie und Hausarbeit partnerschaftlich zu teilen. Seine Frau war zweieinhalb Jahre beim ersten Kind zu Hause, er sieben Monate. Länger wagte er nicht, weil er nicht wusste, wie sein Unternehmen reagieren würde. Er war der erste Mann in Karenz. Das Unternehmen nahm es positiv auf. Warum ging er nicht auch beim zweiten Kind in Karenz ? „Ich hatte bereits die Erfahrung gemacht, wie es ist, zu Hause beim Kind zu sein“, sagt er. Wie es ist, sich ganz auf das Kind einzulassen, den Beruf in den Hintergrund zu schieben. Doch was ist mit seinem Anspruch, Kinderarbeit partnerschaftlich zu teilen ? „Ich habe nicht darüber nachgedacht, ob es ginge, noch einmal in Karenz zu gehen.“ Er hat nun eine Führungsposition. Seine Frau arbeitet Teilzeit.
Fall 3 : Studium statt Kinder
Franz S. und seine Frau haben zwei Kinder, sie ist in Karenz. Um ihr die Arbeit an einem Projekt zu ermöglichen, reduzierte S. seine Arbeitszeit auf 32 Stunden. Freitags ist er bei den Kindern zu Hause, sie ist im Büro. Einfach sei es nicht. Der Stress sei groß, die Arbeit ließ sich nicht im selben Ausmaß reduzieren. Zusätzlichen Stress hat er, weil er ein berufsbegleitendes Studium begonnen hat. Er will einen Master machen. Weshalb er nun zwar den Freitag mit den Kindern verbringt, die Samstage und zwei Abende pro Woche aber an der Uni ist.
Die Fälle vier bis 100 können aus Platzmangel nicht beschrieben werden. Sie ähneln einander ohnehin. Mann könne nicht statt 60 nur 40 Stunden arbeiten, weil mann Kunden verlieren würde. Oder Aufträge. Weil mann nicht befördert würde. Weil die anderen Männer es auch nicht tun. Außerdem : Die Frau geht ja eh in Karenz. Gern noch dazu.