
Wege aus US-Abhängigkeiten
Europa muss dringend seine Abhängigkeiten von US-amerikanischen Tech-Unternehmen reduzieren. Es geht nicht um eine US-freie IT, sondern um die Schaffung von adäquaten europäischen Infrastrukturen und Diensten.
Europa konnte und kann Schritt für Schritt der Abhängigkeit von russischem Gas ausweichen, bleibt aber strukturell von einer Handvoll US-Companies und deren digitalen Diensten abhängig. Betriebssysteme, Clouds, Netzwerk-Technologien und Kommunikation liegen weitgehend in der Hand weniger US-Konzerne – und die müssen gegebenenfalls behördliche Anweisungen auf Basis von US-Gesetzen wie FISA 702, Cloud-Act oder das Sanktionsrecht umsetzen.
Realistisches Zielbild bis zum Jahr 2035
Auf diesem Fundament können die USA gezielt Personen und Organisationen unter Druck setzen oder ausspähen – etwa über Sanktionen und Cloud- oder Account-Sperren wie im Falle des ICC-Juristen mit seinen Microsoft-Diensten oder nachrichtendienstliche Zugriffe, wie das abgehörte Handy von Angela Merkel gezeigt hat.
Was wäre nun ein realistisches Zielbild bis zum Jahr 2035, um diese Abhängigkeiten und Gefahren zu reduzieren – ohne Wunschdenken, aber mit Ambition ? Realistisch ist einmal keine US-freie IT. Aber, kritische Anwendungen und Dienste von Staat, Justiz, Energie, Verkehr, Gesundheit, Telekommunikation oder Forschung laufen auf souveräner europäischer Infrastruktur mit den entsprechenden Anwendungen in den Bereichen Netzwerk, Security und in allen Bereichen rund um das Thema Datenmanagement und ‑Sicherung/Speicherung via Cloud-Computing.
Nicht jede US-Technologie verbannen
Souveränität oder Unabhängigkeit bedeutet die kritischen Technologien und Dienste über europäische Anbieter zu gewährleisten oder zumindest europäisch zu kontrollieren und nicht, jede US-Technologie zu verbannen. Anbieter bei Cloud-Diensten könn(t)en sein aus Frankreich eine Orange, eine OVHcloud oder eine Scaleway, aus oder in Deutschland eine IONOS, die Open Telekom Cloud der Deutschen Telekom oder in Österreich Cloud-Dienste von einer A1 oder Faba-Soft.
All diese Anbieter können sogenannte Sovereign-Cloud-Stacks aufbauen und betreiben, Multi-Cloud-Architekturen entwerfen und kritische Workloads von US-Hyperscalern wegziehen. Als Integratoren fungieren dann etwa eine Atos (F), eine T‑Systems (D und A) oder eine CANCOM Austria (A und D, ehem. Kapsch). US-Clouds werden ergänzend, aber nicht als alleinige Basis eingesetzt.
Die vorhandenen europäischen Kompetenzen
In kritischen Netzen und Netzwerk-Architekturen, also bei Backbones, in Telko-Kernen, bei Energie- und Verkehrssteuerungen dominieren europäische Hersteller wie Nokia oder Ericsson im RAN (Radio Access Network) und IP/Optik (Anm. optische Netze auf IP-Basis etwa für 5G) und die französische Stormshield oder die deutschen Unternehmen secunet oder Rhode & Schwarz bei den nötigen Security-Themen im Bereich Firewalls und Gateways.
Beim Thema High-Performance Computing (HPC) und Chips gibt es mit Atos/Eviden, EuroHPC-Zentren und SiPearl (Prozessoren) erstmals eine ernsthafte europäische Achse. Infineon, STMicroelectronics und NXP spielen dazu im Spezialchip-Bereich eine Schlüsselfunktion. Dazu Supercomputer und sicherheitskritische Rechenzentren, die auf europäischen CPUs (zentrale Recheneinheiten, die Daten in digitale Signale umwandeln) wie SiPearl und europäischer Integration basieren. Der Massenmarkt bleibt gemischt, aber die sensiblen Bereiche werden weniger erpressbar.
Lösungen für den öffentlichen Sektor und keine Lösung für Betriebssysteme von Smart-Phones
Für die Bereiche (Büro)Kommunikation und Datenmanagement bzw. für die sogenannte (medienübergreifende) Collaboration baut dann der öffentliche Sektor einen eigenen Kollaborations-Stack auf : Nextcloud (Open Source) für Dateien und Kalender, Open-Xchange für Mail, Kontakte, Termine, weiters Collabora/Libre Office für Dokumente, Matrix/Element für Chat und Meetings. Damit lässt sich etwa ein kompletter Behörden-Stack bauen, der nicht von US-Recht abhängig ist. Generell existiert Microsoft 365 noch, ist aber nicht mehr der eine „Nabel“, an dem alles hängt.
Die Bereiche Mobile-Betriebssysteme und App-Stores bleiben auch im Jahre 2035 die Schwäche, sie werden nicht europäisch dominiert sein. Hier kann Europa vor allem regulieren und absichern, nicht ersetzen. Bei den wirklich systemrelevanten Hebeln kann Europa aber deutlich souveräner sein, es muss allerdings rasch und konsequent handeln.
Neben Technologie auch politische Frage
Keines der angeführten europäischen Tech-Unternehmen ist allein der europäische Gegenpart von Microsoft, Apple, Google & Co. Aber zusammen können sie dafür sorgen, dass einmal Behörden, Institutionen, Justiz und kritische Infrastrukturbetreiber nicht mehr komplett an US-Konzernen und US-Recht hängen.
Die dabei verbleibenden Fragen sind nicht technisch, sondern politisch : Will Europa diese Autonomie – und sind Europas Regierungen und Unternehmen bereit, dafür mehr Geld, mehr Aufwand und mehr Reibung in Kauf zu nehmen ? Ist die Antwort Nein, dann bleibt die dauerhafte, strukturelle Erpressbarkeit in nahezu ALLEN wirtschaftlichen und privaten Bereichen durch die bestehenden Abhängigkeiten von US-Tech-Konzernen und den US-Behörden. (red/rucz, red/laucz, red/cc)