
Wege der Humanwissenschaften
Thomas Köhler : „Als neue Anforderung für den Sektor der Geistes- und Kulturwissenschaften stellt sich, diese aus einer Defensive gerade gegenüber den Technik- und Naturwissenschaften in eine ausgewogene Balance zu führen“, erklärt der Leiter der Abteilung für Gesellschaftswissenschaften und Begabungsforschung.
economy : Welche Aufgabenschwerpunkte hat die Abteilung für Gesellschaftswissenschaften und Begabungsforschung konkret ?
Thomas Köhler : Wofür sind wir eigentlich nicht zuständig ? Die in der Forschungssektion des Wissenschaftsministeriums angesiedelte Abteilung II/3 vertritt in ihrem Portfolio ein weites Spektrum an Themen und Institutionen. Was den disziplinären Teil betrifft, fallen alle Forschungsagenden der Geistes- und Kulturwissenschaften beziehungsweise Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in unsere Kompetenz. Dieses Portfolio erreicht rund 60 Prozent aller Studien beziehungsweise circa 40 Prozent aller Studierenden.
Den interdisziplinären Teil unserer Aufgaben stellen hingegen Begabungsforschung und Begabtenförderung dar. Begabungsforschung und Begabtenförderung wurden deswegen im Auftrag von Bundesminister Hahn während einer Kompetenzneuverteilung im Rahmen unserer Abteilung angesiedelt, weil sie insbesondere von Forscherinnen und Forschern aus Pädagogik und Psychologie, zudem aber auch aus Philosophie, Theologie, Soziologie und Ökonomie behandelt werden. Die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Relevanz dieser Themen ist enorm und gerade heute, da immer mehr Exzellenz verlangt wird, aktueller denn je.
Welche Themen wurden in der noch relativ jungen Vergangenheit bearbeitet ?
Zum einen gab es befristete Programme wie etwa „New Orientations for Democracy in Europe (node)“, ein Programm, das sich mit politischer Bildung und demokratischer Partizipation beschäftigt, das Programm „fForte“, welches sich auf Maßnahmen rund um das Thema Gender konzentriert, oder das Programm „forMuse“, welches die interdisziplinäre Forschung an Museen stimuliert. Zum anderen gibt es permanente Aktionen, die auf Maßnahmen rund um den Kanon der Awareness fokussieren – etwa die „Kinder-Universitäten“ oder die „Lange Nacht der Forschung“ – mit Blick nicht nur auf Spitzen‑, sondern auch Breitenwirkung.
Mit welchen neuen Anforderungen und Aufgaben sehen Sie sich aktuell konfrontiert ?
Als neue Anforderung vor allem für den Sektor der Geistes- und Kulturwissenschaften, aber auch für jenen der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften stellt sich vor allem, diese aus einer gelegentlich konstatierten „Defensive“ gerade gegenüber den Technik- und Naturwissenschaften in eine ausgewogene Balance zu führen. Eine weitere „Challenge“ für die Abteilung stellen Begabungsforschung und Exzellenzsicherung dar, die als die zwei Seiten derselben Medaille darzustellen sind.
Gibt es Themen, denen man sich verstärkt widmen wird ?
Ein wichtiger Punkt ist in diesem Zusammenhang sicher die Generationenforschung im Hinblick auf Jugend- und ganz besonders, weil aktueller denn je, Alter(n)sforschung : Welche Potenziale/Kapazitäten haben ältere Menschen gerade rund um den Pensionsantritt ? Was bedeutet das für die Vor- und Fürsorge, was für die Entwicklung der Pflege, was für die Würde des Alterns bis zum Tod ? Hier werden sowohl strukturelle als auch thematische Maßnahmen zu setzen sein, die über Österreich hinausreichen und eine internationale Kooperation – zum Beispiel im Rahmen der EU-Infrastrukturprogramme ESFRI – notwendig machen. Die einschlägige Community hat dabei viele Vorarbeiten geleistet, für die wir danken und die aufgegriffen werden sollen.
Was konkret hat man sich eigentlich unter Begabungsforschung vorzustellen ?
Ausgehend von der Definition, dass Begabungen keine statischen, sondern dynamische Potenziale sind, die einer sensiblen und flexiblen Zuwendung bedürfen, und dass Exzellenz seine „Performanz“ in allen zu suchen beziehungsweise zu finden hat, haben Maßnahmen in diesem Bereich Folgen sowohl für das Individuum in seiner persönlichen Entwicklung und Entfaltung als auch für das Kollektiv im gesellschaftlichen – im Zentrum steht nicht nur das Wohl des Einzelnen, sondern auch der Gemeinsinn – und wirtschaftlichen Sinn. Die einschlägige Forschung wird sich hier nicht nur auf die Disziplinen der Pädagogik und Psychologie konzentrieren können, sondern auch Aspekte der Medien- oder Geschichtsforschung einbeziehen müssen. Einschlägige Professuren und/oder Lektorate sind zu stärken. Die betroffene Infrastruktur wie das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung oder das Institute of Science and Technology Austria sind synergetisch zu vernetzen. Gleichzeitig ist die Meinungsbildung zu stimulieren : etwa durch Kongresse, Symposien, Vorträge und andere Veranstaltungen. Nicht zuletzt ist die Ausschreibung von zusätzlichen Preisen und die Vergabe neuer Auszeichnungen mittelfristig zu überlegen.
Sie haben die Profilierung der Geistes- und Kulturwissenschaften erwähnt. Wie soll das umgesetzt werden ?
Die Profilierung vor allem der Geistes- und Kulturwissen schaften wird in einer Kombination aus Bottom-up- und Top-down-down-Maßnahmen stattfinden, jeweils in Wahrung der Balance zur ebenso großen Bedeutung der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.
Hier ist sowohl ein neues Mapping zur quantitativen Sichtung und qualitativen Wertung des Bestandes beziehungsweise des Bedarfs zu erwägen als auch eine Initiative zu transnationalen Pilotprojekten wie beispielsweise in Geschichte und Politik oder in Literatur und Sprache.
Last but not least soll unterstrichen werden : Die im Umfeld unserer Abteilung angesiedelten jeweils exzellent arbeitenden Institutionen der Forschung, Wissenschaft und Bildung, mit deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon bisher eine beste Kooperation stattgefunden hat, werden dabei synergetisch eingebunden werden, um nachhaltig ein Optimum an Ergebnissen zu erzielen.
Awareness
Im Rahmen des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft finden jährlich unter anderem Kinder-Universitäten statt, an denen im Jahr 2008 mehr als 85.000 Menschen teilgenommen haben. Die Schwerpunkte wurden nicht zuletzt auf bildungsferne Schichten, Gender-Aspekte und Migrationshindergründe gelegt. Weiters : Die „Lange Nacht der Forschung“ besuchten im Jahr 2008 über 60.000 Personen in ganz Österreich.
ÖZBF
Das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) ist eine dem Wissenschafts- und dem Unterrichtsministerium gleichermaßen zuarbeitende Institution der Exzellenzsicherung. Es hat rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und betreut sowohl schulische als auch hochschulische Programme.
www.begabtenzentrum.at
Basissubvention
Die im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMWF) angesiedelte Abteilung für Gesellschaftswissenschaften und Begabungsforschung unterstützt knapp 50 Institutionen der Geistes- und Kultur- sowie der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften durch Basissubventionen zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur und der Programmschienen. In ihrer verschiedenen Größe und Ausrichtung bilden sie die Vielfalt des Sektors ab und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätsentwicklung.