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Donnerstag, 15.01.2026 | 12:52

Wege der Humanwissenschaften

Tho­mas Köh­ler : „Als neue Anfor­de­rung für den Sek­tor der Geis­tes- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten stellt sich, diese aus einer Defen­sive gerade gegen­über den Tech­nik- und Natur­wis­sen­schaf­ten in eine aus­ge­wo­gene Balance zu füh­ren“, erklärt der Lei­ter der Abtei­lung für Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten und Begabungsforschung.

eco­nomy : Wel­che Auf­ga­ben­schwer­punkte hat die Abtei­lung für Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten und Bega­bungs­for­schung konkret ?
Tho­mas Köh­ler : Wofür sind wir eigent­lich nicht zustän­dig ? Die in der Forschungssek­tion des Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­ums ange­sie­delte Abtei­lung II/3 ver­tritt in ihrem Port­fo­lio ein wei­tes Spek­trum an The­men und Insti­tu­tio­nen. Was den dis­zi­pli­nä­ren Teil betrifft, fal­len alle For­schungs­agen­den der Geis­tes- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten bezie­hungs­weise Sozial- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten in unsere Kom­pe­tenz. Die­ses Port­fo­lio erreicht rund 60 Pro­zent aller Stu­dien bezie­hungs­weise circa 40 Pro­zent aller Studierenden.
Den inter­dis­zi­pli­nä­ren Teil unse­rer Auf­ga­ben stel­len hin­ge­gen Bega­bungs­for­schung und Begab­ten­för­de­rung dar. Bega­bungs­for­schung und Begab­ten­för­de­rung wur­den des­we­gen im Auf­trag von Bun­des­mi­nis­ter Hahn wäh­rend einer Kom­pe­tenz­neu­ver­tei­lung im Rah­men unse­rer Abtei­lung ange­sie­delt, weil sie ins­be­son­dere von For­sche­rin­nen und For­schern aus Päd­ago­gik und Psy­cho­lo­gie, zudem aber auch aus Phi­lo­so­phie, Theo­lo­gie, Sozio­lo­gie und Öko­no­mie behan­delt wer­den. Die gesell­schafts- und wirt­schafts­po­li­ti­sche Rele­vanz die­ser The­men ist enorm und gerade heute, da immer mehr Exzel­lenz ver­langt wird, aktu­el­ler denn je.

Wel­che The­men wur­den in der noch rela­tiv jun­gen Ver­gan­gen­heit bearbeitet ?
Zum einen gab es befris­tete Pro­gramme wie etwa „New Ori­en­ta­ti­ons for Demo­cracy in Europe (node)“, ein Pro­gramm, das sich mit poli­ti­scher Bil­dung und demo­kra­ti­scher Partizipa­tion beschäf­tigt, das Pro­gramm „fForte“, wel­ches sich auf Maß­nah­men rund um das Thema Gen­der kon­zen­triert, oder das Pro­gramm „for­Muse“, wel­ches die inter­dis­zi­pli­näre For­schung an Museen sti­mu­liert. Zum ande­ren gibt es per­ma­nente Aktio­nen, die auf Maß­nah­men rund um den Kanon der Awa­re­ness fokus­sie­ren – etwa die „Kin­der-Uni­ver­si­tä­ten“ oder die „Lange Nacht der For­schung“ – mit Blick nicht nur auf Spitzen‑, son­dern auch Breitenwirkung.

Mit wel­chen neuen Anfor­de­run­gen und Auf­ga­ben sehen Sie sich aktu­ell konfrontiert ?
Als neue Anfor­de­rung vor allem für den Sek­tor der Geis­tes- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten, aber auch für jenen der Sozial- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten stellt sich vor allem, diese aus einer gele­gent­lich kon­sta­tier­ten „Defen­sive“ gerade gegen­über den Tech­nik- und Natur­wis­sen­schaf­ten in eine aus­ge­wo­gene Balance zu füh­ren. Eine wei­tere „Chall­enge“ für die Abtei­lung stel­len Bega­bungs­for­schung und Exzel­lenz­si­che­rung dar, die als die zwei Sei­ten der­sel­ben Medaille dar­zu­stel­len sind.

Gibt es The­men, denen man sich ver­stärkt wid­men wird ?
Ein wich­ti­ger Punkt ist in die­sem Zusam­men­hang sicher die Gene­ra­tio­nen­for­schung im Hin­blick auf Jugend- und ganz beson­ders, weil aktu­el­ler denn je, Alter(n)sforschung : Wel­che Potenziale/​Kapazitäten haben ältere Men­schen gerade rund um den Pen­si­ons­an­tritt ? Was bedeu­tet das für die Vor- und Für­sorge, was für die Ent­wick­lung der Pflege, was für die Würde des Alterns bis zum Tod ? Hier wer­den sowohl struk­tu­relle als auch the­ma­ti­sche Maß­nah­men zu set­zen sein, die über Öster­reich hin­aus­rei­chen und eine inter­na­tio­nale Koope­ra­tion – zum Bei­spiel im Rah­men der EU-Infra­struk­tur­pro­gramme ESFRI – not­wen­dig machen. Die ein­schlä­gige Com­mu­nity hat dabei viele Vor­ar­bei­ten geleis­tet, für die wir dan­ken und die auf­ge­grif­fen wer­den sollen.

Was kon­kret hat man sich eigent­lich unter Begabungs­forschung vorzustellen ?
Aus­ge­hend von der Defini­tion, dass Bega­bun­gen keine sta­ti­schen, son­dern dyna­mi­sche Poten­ziale sind, die einer sen­si­blen und fle­xi­blen Zuwen­dung bedür­fen, und dass Exzel­lenz seine „Per­for­manz“ in allen zu suchen bezie­hungs­weise zu fin­den hat, haben Maß­nah­men in die­sem Bereich Fol­gen sowohl für das Indi­vi­duum in sei­ner per­sön­li­chen Ent­wick­lung und Ent­fal­tung als auch für das Kol­lek­tiv im gesell­schaft­li­chen – im Zen­trum steht nicht nur das Wohl des Ein­zel­nen, son­dern auch der Gemein­sinn – und wirt­schaft­li­chen Sinn. Die ein­schlä­gige For­schung wird sich hier nicht nur auf die Dis­zi­pli­nen der Päd­ago­gik und Psy­cho­lo­gie kon­zen­trie­ren kön­nen, son­dern auch Aspekte der Medien- oder Geschichts­for­schung ein­be­zie­hen müs­sen. Ein­schlä­gige Pro­fes­su­ren und/​oder Lek­to­rate sind zu stär­ken. Die betrof­fene Infra­struk­tur wie das Öster­rei­chi­sche Zen­trum für Begab­ten­för­de­rung und Bega­bungs­for­schung oder das Insti­tute of Sci­ence and Tech­no­logy Aus­tria sind syn­er­ge­tisch zu ver­net­zen. Gleich­zei­tig ist die Mei­nungs­bil­dung zu sti­mu­lie­ren : etwa durch Kon­gresse, Sym­po­sien, Vor­träge und andere Ver­an­stal­tun­gen. Nicht zuletzt ist die Aus­schrei­bung von zusätz­li­chen Prei­sen und die Ver­gabe neuer Aus­zeich­nun­gen mit­tel­fris­tig zu überlegen.

Sie haben die Pro­fi­lie­rung der Geis­tes- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten erwähnt. Wie soll das umge­setzt werden ?
Die Pro­fi­lie­rung vor allem der Geis­tes- und Kul­tur­wis­sen schaf­ten wird in einer Kom­bi­na­tion aus Bot­tom-up- und Top-down-down-Maß­nah­men statt­fin­den, jeweils in Wah­rung der Balance zur ebenso gro­ßen Bedeu­tung der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.
Hier ist sowohl ein neues Map­ping zur quan­ti­ta­ti­ven Sich­tung und qua­li­ta­ti­ven Wer­tung des Bestan­des bezie­hungs­weise des Bedarfs zu erwä­gen als auch eine Initia­tive zu trans­na­tio­na­len Pilot­pro­jek­ten wie bei­spiels­weise in Geschichte und Poli­tik oder in Lite­ra­tur und Sprache.
Last but not least soll unter­stri­chen wer­den : Die im Umfeld unse­rer Abtei­lung ange­sie­del­ten jeweils exzel­lent arbei­ten­den Insti­tu­tio­nen der For­schung, Wis­sen­schaft und Bil­dung, mit deren Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern schon bis­her eine beste Koope­ra­tion statt­ge­fun­den hat, wer­den dabei syn­er­ge­tisch ein­ge­bun­den wer­den, um nach­hal­tig ein Opti­mum an Ergeb­nis­sen zu erzielen.

Awareness

Im Rah­men des Dia­logs zwi­schen Wis­sen­schaft und Gesell­schaft fin­den jähr­lich unter ande­rem Kin­der-Uni­ver­si­tä­ten statt, an denen im Jahr 2008 mehr als 85.000 Men­schen teil­ge­nom­men haben. Die Schwer­punkte wur­den nicht zuletzt auf bil­dungs­ferne Schich­ten, Gen­der-Aspekte und Migra­ti­ons­hin­der­gründe gelegt. Wei­ters : Die „Lange Nacht der For­schung“ besuch­ten im Jahr 2008 über 60.000 Per­so­nen in ganz Österreich.

ÖZBF
Das Öster­rei­chi­sche Zen­trum für Begab­ten­för­de­rung und Bega­bungs­for­schung (ÖZBF) ist eine dem Wis­sen­schafts- und dem Unter­richts­mi­nis­te­rium glei­cher­ma­ßen zuar­bei­tende Insti­tu­tion der Exzel­lenz­si­che­rung. Es hat rund 20 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter und betreut sowohl schu­li­sche als auch hoch­schu­li­sche Programme.
www.begabtenzentrum.at

Basis­sub­ven­tion
Die im Bun­des­mi­nis­te­rium für Wis­sen­schaft und For­schung (BMWF) ange­sie­delte Abtei­lung für Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten und Bega­bungs­for­schung unter­stützt knapp 50 Insti­tu­tio­nen der Geis­tes- und Kul­tur- sowie der Sozial- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten durch Basis­sub­ven­tio­nen zur Auf­recht­erhal­tung der Infra­struk­tur und der Pro­gramm­schie­nen. In ihrer ver­schie­de­nen Größe und Aus­rich­tung bil­den sie die Viel­falt des Sek­tors ab und leis­ten einen wesent­li­chen Bei­trag zur Qualitätsentwicklung.

Autor:
29.05.2009

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