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Weni­ger arbei­ten, mehr leisten

Hoch­leis­tungs­wirt­schaft und Frei­zeit­ge­sell­schaft schei­nen ein­an­der auf den ers­ten Blick aus­zu­schlie­ßen. Intel­li­gente Arbeits­zeit­mo­delle könn­ten aber der Frei­zeit ihren Ruf der Pro­duk­ti­vi­täts­bremse nehmen.

Frank­reichs kon­ser­va­ti­ver ehe­ma­li­ger Staats­prä­si­dent Nico­las Sar­kozy hat einst eine Mah­nung aus­ge­spro­chen, die bei den Gewerk­schaf­ten im Lande gar nicht gut ankam : Seine Lands­leute soll- ten doch bitte mehr arbei­ten, meinte Sar­kozy in Anspie­lung auf die in den 1990er-Jah­ren beschlos­sene 35-Stun­den-Woche, die sei­ner Ansicht nach eine „öko­no­mi­sche Kata­stro­phe“ für Frank­reich sei. Das Land laufe Gefahr, seine Wett­be­werbs­fähig­keit zu verlieren.
In der Tat ist Frank­reich in die­ser Hin­sicht eine Art Schla­raf­fen­land : Es liegt näm­lich auch sowohl bei den arbeits- freien Fei­er­ta­gen pro Jahr (elf Tage) und dem Jah­res­ur­laubs- anspruch (25 Tage) in Europa mit einer Gesamt­an­zahl von 36 freien Tagen in der vor­ders­ten Liga, nur getoppt von Finn­land, Ös­ter­reich und Griechenland.
Beim Rekord­hal­ter Finn­land sum­mie­ren sich Fei­er­tage und Urlaubs­an­spruch auf 39 Tage im Jahr, in Ös­ter­reich sind es 38 und in Grie­chen­land 37. Am meis­ten gear­bei­tet wird in Irland (29 Tage) sowie in den Nie­der­lan­den und Groß­bri­tan­nien (jeweils 28 Tage).
Ist Sar­ko­zys Dik­tum rich­tig, dass die Zahl der Arbeits­tage und die Wett­be­werbs­fähig­keit eines Lan­des einen Zusam­men­hang bil­den ? „Es gibt immer noch eine erheb­li­che Lü­cke in
der Anzahl der bezahl­ten Urlaubs­tage zwi­schen den EU- Mit­glieds­staa­ten, obwohl es Anstren­gun­gen gege­ben hat, die Beschäf­ti­gungs­me­tho­den in Europa anzu­glei­chen“, sagt David For­mosa, Bera­ter bei Mer­cer Human Resource Con­sul­ting, der eine Stu­die über die freien Tage für Arbei­ter und Ange­stellte in Europa durch­ge­führt hat. „Die Unmenge ver­schie­de­ner Fei­er­tage – in der EU wer- den unge­fähr 50 ver­schie­dene Tage als gesetz­li­che Fei­er­tage ange­ge­ben – kann zur Belas­tung bei der Koor­di­na­tion von Geschäft­stä­tig­kei­ten in Europa füh­ren“, sagt For­mosa. Doch es gebe mitt­ler­weile durch­aus Druck zu einer euro­pa­wei­ten Angleichung.

Fle­xi­bi­li­tät und Produktivität
Jörg Wie­demuth von der deut­schen Gewerk­schaft Verdi hält den Zusam­men­hang von Pro­duk­ti­vi­tät und Arbeits­zeit aller­dings für eine „Milch­mäd­chen­rech­nung“: „Es gibt kei­nen empi­ri­schen Beweis, dass län­gere Arbeits­zei­ten zu weni­ger Arbeits­lo­sig­keit füh­ren“, stellt Wie­demuth fest. Auch lie­gen die Lohn­stück­kos­ten in Län­dern mit län­ge­rer Arbeits­zeit wie etwa Groß­bri­tan­nien oder den Bene­lux-Staa­ten über jenen mit weni­ger Arbeits­ta­gen, da sich erwie­sen hat, dass län­gere Arbeits­zeit nicht auto­ma­tisch einer Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung ent­spricht. Zu den hef­tigs­ten Kri­kern einer Arbeits­zeit­ver­län­ge­rung in Ös­ter­reich zählt der Sozi­al­for­scher Bernd Marin mit sei­nem Argu­ment, dass nicht mehr, son­dern weni­ger Arbeit mehr Wohl­stand schaffe. Arbeits­zeit­ver­län­ge­rung und Ab- schaf­fung von Fei­er­ta­gen sind für ihn „Unfug“: Auf den indi­vi­du­el­len Arbeit­neh­mer bezo- gen bedeute län­ge­res Arbei­ten eine stei­gende Lebens­ar­beits­zeit und damit weni­ger bezahlte Fehl­zei­ten, Kran­kenstände und Erho­lungs­zei­ten, was sich wie- derum auf die Pro­duk­ti­vi­tät – vor allem bei äl­te­ren Arbeit­neh­mern – auswirke.
Ver­län­gerte Arbeits­zei­ten sind laut Marin „Stein­zeit­li­be­ra­lis­mus“, die Abschaf­fung von Fei­er­ta­gen schlicht ein „Gro­schen­ge­schäft“. Viel ziel­füh­ren­der wäre es, wenn sich Arbeit­ge­ber und ‑neh­mer auf ein soge­nann­tes „Jah­res­ar­beits­zeit­mo­dell“ eini­gen, in des­sen Rah­men sich der Arbeit­neh­mer seine pro­duk­tive Zeit selbst ein- tei­len könne. Auch die Erwei­te­rung der Teil­zeit­ar­beits­for­men sei im Hin­blick auf neue Lebens­mo­delle in der Gesell­schaft anzu­stre­ben, meint Marin. Das würde zum Bei­spiel „gut aus­ge­bil­de­ten“ Frauen, die ansons­ten zu Hause bei den Kin­dern „ver­sau­ern“ müss­ten, die Teil­nahme am Berufs­le­ben ermöglichen.
Arbeits­zeit, das sei auch Lebens­zeit, schließt Marin. Da die Lebens­er­war­tung all­ge­mein steige und die Lebens­zy­klen sich geän­dert hät­ten, sei die Dis­kus­sion um eine sinn­volle Ver­tei­lung der Arbeits­zeit in der Lebens­zeit drin­gend zu füh­ren, for­dert der Sozi­al­for­scher. Dabei seien auch die Ant­wor­ten auf das Leben in „Hoch­leis­tungs­wirt­schaf­ten“ und ihre „Hyper­pro­duk­ti­vi­tät“ an sich zu suchen, die ja zu Para­do­xien in der moder­nen Leis­tungs­ge­sell­schaft geführt hät­ten : dass es näm­lich zu Arbeits­lo­sig­keit in Hoch­be­schäf­ti­gungs­zei­ten und zu Stress und Zeit­not in der Frei­zeit­ge­sell­schaft komme.

Wer­te­wan­del gefordert
Eine Jah­res­ar­beits­zeit-Fle­xi­bi­li­sie­rung müsse auch dem „durch­aus beun­ru­hi­gen­den Wer­te­wan­del von Arbeits‑, Berufs- und Leis­tungs­ori­en­tie­rung hin zu Pri­vat­le­ben, Frei­zeit und Spaß­kul­tur“ gegen­steu­ern, ortet Marin. Die Vor­schläge, die der Sozi­al­for­scher bei einer Tagung der Indus­tri­el­len­ver­ei­ni­gung Ende April in Wien auf den Tisch legte, sind zwar aus heu­ti­ger Sicht radi­kal, doch sie
berück­sich­ti­gen die Erfor­der­nisse der Arbeits­ge­sell­schaft. Da Ös­ter­reich in die „Frei­zeit­ge­sell­schaft“ taumle, müsse Arbeits­ent­gelt von der Arbeits­zeit abge­kop­pelt wer­den, was nur mit fle­xi­blen Zeit­mo­del­len gelinge. Marin for­dert zwar mehr Ruhe­zei­ten, aber weni­ger Leer- lauf- und Still­stands­zei­ten. Er meint, dass sich län­gere Betriebs­zei­ten und mehr Frei­zeit für den Ein­zel­nen mit intel­li­gen­ten Zeit­mo­del­len durch­aus machen las­sen würden.
Dies würde sowohl der Frei­zeit­ge­sell­schaft durch län­gere Öff­nungs- und Betriebs­zei­ten vor allem in der Dienst­leis­tungs­bran­che ent­ge­gen­kom­men, dem ein­zel­nen Arbeit­neh­mer aber mehr Zeit­au­to­no­mie und mehr Wahl­mög­lich­kei­ten über­las­sen und das para­doxe Phä­no­men des „Frei­zeit­stres­ses“ ver­rin­gern. Letzt­lich würde ein fle­xi­bles Jah­res­ar­beits­zeit­mo­dell auch der Work-Life-Balance und der Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie entgegenkommen.

Autor: Arno Maierbrugger
Economy Ausgabe: 60-07-2010
08.08.2017

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