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Wenn Eltern hilfs­be­dürf­tig werden

Der Rol­len­tausch, vom ver­sorg­ten Kind zum pfle­gen­den zu wer­den, ist kein leich­ter. 80 Pro­zent der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen wer­den in Öster­reich im fami­liä­ren Umfeld betreut. Dass ihre Eltern dement wer­den, wol­len viele Ange­hö­rige erst spät wahrhaben.

Es beginnt damit, dass etwas anders wird. Eine unty­pi­sche Ver­hal­tens­weise, eine leichte Ver­än­de­rung der Per­sön­lich­keit. „Man merkt es bald, schiebt es aber weg“, sagt Doris Reit­mayr, Lei­te­rin des Tageszen­trums Licht­blick für Demenz­kranke in Steyr. Über 200.000 Men­schen sind öster­reich­weit von der Krank­heit betrof­fen, die Erin­ne­run­gen aus­löscht und so lang­sam den Men­schen zer­stört. Im Licht­blick wird gekocht, im Gar­ten gear­bei­tet, es wer­den All­tags­ar­bei­ten trai­niert. Durch indi­vi­du­elle För­de­rung sol­len viele Fähig­kei­ten mög­lichst lange erhal­ten werden.
Das Tages­zen­trum ist aber nicht nur Anlauf­stelle für demenz­kranke Men­schen, son­dern auch für Ange­hö­rige. Ein­mal im Monat trifft sich eine offene Selbst­hil­fe­gruppe, um zu erzäh­len, Fra­gen zu stel­len, zu ler­nen, sich selbst wie­der etwas zu gön­nen. Für einige ist das Grup­pen­tref­fen auch der erste Kon­takt mit dem Tageszentrum.
Es dau­ert oft lange, bis Hilfe gesucht wird. „Man­che haben ihre Geschichte, die sie sich zurecht­le­gen, wenn sie zum Bera­tungs­ge­spräch kom­men. Es ist schon vor­ge­kom­men, dass auf die Frage, wie der Betrof­fene heißt, die Ange­hö­ri­gen ant­wor­ten. Sie schüt­zen ihn, spie­len mit. Wenn einem alles abge­nom­men wird, för­dert das die Demenz erheb­lich. Manch­mal spielt auch die Angst mit, meine Mut­ter hat Demenz, jetzt bekomme ich es auch“, sagt Reitmayr. 

Armut im Alter
Dement zu wer­den, bedeu­tet nicht nur eine starke psy­chi­sche Belas­tung für die Betrof­fe­nen und Ange­hö­ri­gen, son­dern auch eine wirt­schaft­li­che. „Altern stellt viele Fami­lien vor ein öko­no­mi­sches Pro­blem. Pflege kos­tet Geld. Wer es sich leis­ten kann, deckt die Kos­ten mit Pen­sion und Pfle­ge­geld ab. Wer es sich nicht leis­ten kann, wird zu einem Sozi­al­hil­fe­fall“, sagt Bern­hard Gru­ber, Bezirks­ge­schäfts­füh­rer der Volks­hilfe Steyr. Ein Heim­platz kos­tet je nach Pfle­ge­be­darf monat­lich zwi­schen 1000 und 6000 Euro. Von ihrer Pen­sion, ihrem Ver­mö­gen und Pfle­ge­geld kön­nen das nur wenige Men­schen finan­zie­ren. 82 Pro­zent der Heim­be­woh­ner sind auf Sozi­al­hilfe ange­wie­sen, so eine Stu­die des Insti­tuts für Sozi­al­po­li­tik an der Wirt­schafts­uni Wien.
Ein Groß­teil der pfle­ge­be­dürf­ti­gen Alten wird aller­dings nicht in Hei­men, son­dern zu Hause gepflegt. 80 Pro­zent wer­den vom fami­liä­ren Umfeld – zum Groß­teil von Frauen – betreut. Die Kos­ten der infor­mell erbrach­ten Pfle­ge­ar­beit lie­gen laut der Stu­die des Insti­tuts für Sozi­al­po­li­tik zwi­schen zwei und drei Mrd. Euro pro Jahr. Ent­gan­gene Erwerbs­mög­lich­kei­ten und damit ver­säumte Ver­dienst- und Kar­rie­re­chance pfle­gen­der Ange­hö­ri­ger sind die indi­rek­ten Kos­ten der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit. Dem Fis­kus gehen ent­spre­chende Ein­nah­men aus der Lohn­steuer, den Arbeit­ge­bern Arbeits­tage und pro­duk­ti­ves Poten­zial ver­lo­ren, so die Stu­die. Durch die psy­chi­sche und phy­si­sche Belas­tung kön­nen dar­über hin­aus lang­fris­tige Fol­ge­kos­ten für die Pfle­ge­per­so­nen entstehen.

Angst, allein zu sein
„Nicht die Tat­sa­che, dass Men­schen alt wer­den, son­dern die Menge der Men­schen, die alt wer­den, ändert sich“, sagt Bern­hard Gru­ber von der Volks­hilfe. Er sieht das Risiko, im Alter pfle­ge­be­dürf­tig zu wer­den, als ein kol­lek­ti­ves Risiko. „Frü­her war das kein Thema, weil große Fami­lien die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen mit­ge­tra­gen haben, aber das ändert sich. Über unser Ver­si­che­rungs­sys­tem wird das Risiko der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit nicht abge­deckt. Es kann nicht sein, dass ich im Alter zu einem Sozi­al­hil­fe­fall werde. Wir brau­chen einen Pflegefonds.“
Dass das Altern im eige­nen Zuhause pas­siert, wo meh­rere Gene­ra­tio­nen unter einem Dach woh­nen, erlebt auch Doris Reit­mayr vom Demenz­ta­ges­zen­trum in Steyr nicht als Regel­fall. Die Hälfte der Besu­cher der Tages­ein­rich­tung lebt alleine. „Die Ange­hö­ri­gen sind irgendwo, ein Mit­ein­an­der gibt es nicht, das kann man dann auch nicht ändern, wenn sie das Zusam­men­le­ben nicht gewöhnt sind. Bei Demenz­kran­ken kommt dann auf ein­mal das Sym­ptom, dass sie nicht mehr alleine sein wol­len. Eine 24-Stun­den-Pflege funk­tio­niert oft nicht mehr, die wer­den als Fremde im Haus wahr­ge­nom­men.“ Doris Reit­mayr würde sich oft wün­schen, dass ihr Tages­zen­trum rund um die Uhr geöff­net hat. „Eine Wohn­ge­mein­schaft wäre für sol­che Men­schen ideal, sie hät­ten dann ihre gewohnte Gruppe um sich. Unsere Besu­cher geben sich gegen­sei­tig sehr viel.“

Autor:
26.03.2010

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