
Wenn KI selbständig forscht
In der Forschung spielt KI schon länger eine wichtige Rolle. Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der TU Wien zeigt nun die eigenständige Entwicklung von Physik-Experimenten via KI. Auch beim Design kann es nützliche Auswirkungen geben.
Bis dato brachten Menschen die Wissenschaft voran, indem sie sich ausgeklügelte Experimente ausdenken, die so angelegt sind, dass ihr Ergebnis auf möglichst klare und verständliche Weise etwa die Gesetze der Natur behandelt. Nun hat ein internationales Forschungsteam die Frage gestellt, ob sich das unter Verwendung von KI auch automatisieren lässt. Die Antwort lautet ja: In unterschiedlichen Bereichen der Physik kann die KI Experimente vorschlagen, die präzisere Ergebnisse ermöglichen als menschlich ausgedachte Experimente.
Die typische Situation in der Experimentalphysik betrifft ein Labor voller Gerätekomponenten, vielleicht Laser und Linsen und Spiegel, vielleicht verschiedene Detektoren und Elektronikbauteile. All das lässt sich auf viele Arten miteinander kombinieren und aus dieser Vielfalt experimenteller Möglichkeiten soll man eine auswählen, die neue Aufschlüsse über das Universum liefert.
Intuition und Erfahrung versus Algorithmen und kombinierte Komponenten
Dafür braucht es normalerweise Intuition und viel Erfahrung. „Aber manchmal ist auch das nicht genug“, so Mario Krenn, Professor für Maschinelles Lernen in der Wissenschaft an der Universität Tübingen. Seine Studienzeit verbrachte Krenn in Wien, wo er u.a. am Aufbau für Quantenexperimente forschte. „Doch weder mir noch den anderen Leuten in meiner Arbeitsgruppe gelang es, einen passenden Versuchsaufbau für die gewünschten Quanteneffekte zu finden“, so der Forscher.
Krenn beschloss den Computer zu fragen, beschrieb die zur Verfügung stehenden Komponenten mathematisch – und ließ sodann einen Algorithmus nach kombinierten Komponenten für ein sinnvolles Experiment suchen. „Das Programmieren dauerte nur ein paar Stunden, dann ging ich nach Hause und ließ den Computer rechnen“, erzählt Mario Krenn. „Am nächsten Tag hatte das Programm einen Lösungsvorschlag. Das war aufregend. Der Computer hatte – im Gegensatz zu uns allen – einen Versuchsaufbau gefunden, der die nötigen Kriterien erfüllte.“
Ein Suchproblem und kein Chatbot
Mit KI von Large Language Models (LLMs) hat dieser Ansatz allerdings wenig zu tun. Diese Chatbots werden mit großen Datenmengen trainiert, dann liefern sie Lösungen, die statistisch gesehen eine große Wahrscheinlichkeit haben. Bei der Suche nach neuen Physik-Experimenten ist die Aufgabe ganz anders. „Es gibt einen unüberblickbar großen Raum an möglichen Experimenten, die mit den verfügbaren Komponenten aufgebaut werden können. Und diesen Raum muss der Computer systematisch durchsuchen, um eine möglichst gute Lösung zu finden“, erläutert Krenn.
„Die Erfolge sind beeindruckend“, bestätigt Philipp Haslinger vom Zentrum für Elektronenmikroskopie der TU Wien. „Gerade in der Elektronenmikroskopie beginnen wir erst jetzt, systematisch mit Verschränkung und neuen quantenmechanischen Mikroskopie-Konzepten zu arbeiten. In diesem Bereich ist die menschliche Intuition oft nur sehr schwach ausgeprägt. Mittels KI können daher Mikroskop-Designs gefunden werden, auf die ein Mensch vermutlich nie gekommen wäre, die aber deutlich bessere Bilder oder völlig neue Messmöglichkeiten liefern.“
Ein universeller Physik-Simulator als Zielsetzung
Eine Verbesserungsvariante betrifft auch Fusionsreaktoren mit der Entwicklung neuer Ideen für Teilchendetektoren und Vorschlägen, wie Detektorsysteme für Gravitationswellen noch empfindlicher gemacht werden können. „Manchmal sieht man diese computergenerierten Experimentvorschläge und erkennt rasch, warum das neue Konzept besser funktioniert. Manchmal ist es aber auch schwer zu verstehen: Man kann nachrechnen, dass das neue Experiment-Setup besser funktioniert, aber man kann nicht wirklich in Worte fassen, warum das so ist“, so Mario Krenn von der Uni Tübingen.
Diese neuen Entwicklungen sind möglich, weil moderne Computer eine Vielzahl physikalischer Situationen in überschaubarer Zeit simulieren können. „Das Ziel ist, so etwas wie einen universellen Physik-Simulator zu entwickeln. Mit ein paar wichtigen Grundformeln der Physik kommt man heute sehr weit. Der Computer könnte damit vorherberechnen, was bei einem bestimmten Versuchsaufbau passiert und den Versuchsaufbau dann gemäß der Zielvorgabe optimieren“, skizziert Krenn.
Geteilte Aufgaben in der Zukunft
Das Ziel vorzugeben, bleibt jedoch weiter die Aufgabe des Menschen. „Präzise zu definieren, was man eigentlich haben möchte, ist die Herausforderung. Auch welche Nebenbedingungen eingehalten werden müssen: Eine Kostenobergrenze etwa, oder eine maximale Energie, die das Gerät aufnehmen kann, ohne zu explodieren“, erläutert Krenn.
Ist es nicht auch ein bisschen schade, wenn man die großen wissenschaftlichen Heureka-Momente künftig dem Computer überlässt? „Nein. Die menschliche Arbeit verschiebt sich nur auf eine höhere Ebene. Früher musste man Rechnungen per Hand durchführen, das wünscht sich heute auch niemand mehr zurück. Jetzt haben wir Tools, die für uns tolle Experimentideen entwickeln und zur Anwendung braucht man auch künftig Sachverstand, Kreativität und ein gutes Gespür für Physik“, betont Mario Krenn, Professor für Maschinelles Lernen in der Wissenschaft an der Universität Tübingen. (red/czaak)