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© Pexels/ Soner Arkan

Wenn Kon­zerne Staa­ten klagen

857 Mil­li­ar­den US Dol­lar als bis­he­rige Summe bei Klags­ver­fah­ren von Kon­zer­nen gegen Staa­ten. 114 Mrd. wur­den zuge­spro­chen. Die Kla­gen fos­si­ler Inves­to­ren stei­gen stark, so gemein­same Erhe­bung und neue Daten­bank meh­re­rer NGOs.

ICS, Invest­ment Court Sys­tem und ISDS, Inves­tor to State Dis­pute Sett­le­ment bzw. Invest­ment-Staat-Schlich­tungs­ver­fah­ren sind Son­der­kla­ge­rechte für Inves­to­ren gegen Staa­ten, wenn diese etwa indi­rekte Ent­eig­nun­gen oder ent­gan­gene Gewinne auf Grund neuer Gesetzte befürch­ten. Zahl­rei­che NGOs kri­ti­sie­ren diese als „Par­al­lel­jus­tiz“ bezeich­ne­ten Klags­rechte, da Regie­run­gen und Par­la­mente wegen Ver­fah­rens­ris­ken und hohen Pro­zess­kos­ten davor zurück­schre­cken könn­ten, bestimmte Gesetzte zu erlas­sen, bzw. im Falle eines Urteils sehr hohe Sum­men an Steu­er­geld zu bezah­len sein könnten.

Die Ber­li­ner NGO Power Shift, das Trans­na­tio­nal Insti­tute und das Trade Jus­tice Move­ment haben nun kürz­lich als gemein­same Initia­tive mit dem Glo­bal ISDS Tra­cker eine eigene Daten­bank ver­öf­fent­licht (siehe Link), wo Anga­ben zufolge Infor­ma­tio­nen über alle öffent­lich bekann­ten 1362 ISDS-Fälle ent­hal­ten sind und nach Geo­gra­fie und Indus­trien gefil­tert wer­den kann. Attac Öster­reich hat nun die wich­tigs­ten Daten zusammengefasst. 

NGOs ver­öf­fent­li­chen eigene Daten­bank zu Klagsverfahren
In Summe haben Inves­to­ren bis dato ver­sucht, via ISDS-Ver­fah­ren 857 Mil­li­ar­den US-Dol­lar von Staa­ten ein­zu­kla­gen. 114 Mil­li­ar­den US-Dol­lar wur­den ihnen auch zuge­spro­chen. Bis auf einen Fall aus den 1980er Jah­ren stam­men alle bekann­ten Kla­gen aus dem Zeit­raum ab 1993. Kla­gen im Mil­li­ar­den­be­reich seien in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark gestie­gen, bei 129 ein­ge­reich­ten Kla­gen war der Streit­wert min­des­tens eine Mil­li­arde US-Dol­lar, so die Ana­lyse der NGOs.

„Da Kla­gen in Mil­li­ar­den­höhe ganze Staa­ten in den Bank­rott trei­ben kön­nen, wer­den sie oft von fos­si­len Kon­zer­nen genutzt, um den Aus­stieg aus fos­si­len Brenn­stof­fen zu ver­zö­gern“, so die NGOs. Daten­be­leg­ter Fakt ist, dass die Zahl der Kla­gen von Inves­to­ren in fos­sile Ener­gien in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten ste­tig zuge­nom­men hat. 261 der­ar­tige Fälle sind mitt­ler­weile bekannt und deren Ent­schä­di­gungs­for­de­run­gen belau­fen sich auf ins­ge­samt 327 Mil­li­ar­den US-Dollar. 

Unver­ein­bar­keit mit Kli­ma­zie­len der EU und die eigene Sicht­weise Österreichs
„Die Daten bestä­ti­gen, dass ISDS ein Geheim­werk­zeug der fos­si­len Indus­trie gegen Kli­ma­schutz­ge­setze ist“, sagt Tom Wills, Direk­tor des Trade Jus­tice Move­ment. Viele der Kla­gen basie­ren auf dem Ener­gie­charta-Ver­trag, ECT. Da die­ser mit den Kli­ma­zie­len der EU unver­ein­bar ist, haben die EU-Ener­gie­mi­nis­ter letz­ten Mai den Aus­stieg der EU aus die­sem Ver­trag beschlossen. 

„Wirt­schafts­mi­nis­ter Mar­tin Kocher hält jedoch wei­ter­hin an einem Ver­bleib Öster­reichs im ECT fest. Es ist drin­gend nötig, dass Kocher end­lich dem Aus­stieg aus die­sem Kli­ma­kil­ler-Ver­trag zustimmt. Ansons­ten bleibt Öster­reich in einem ver­al­te­ten und gefähr­li­chen Ver­trag – und zwar auf Kos­ten des Kli­ma­schut­zes und der Steuerzahler:innen“, so The­resa Kof­ler von Attac Österreich.

Bei­spiel­hafte Klagsverfahren
Im Zuge der Erhe­bun­gen für die neue Daten­bank nen­nen die NGOs auch einige Bei­spiele für diese Klags­ver­fah­ren. Eines davon ist Tran­sca­nada gegen die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­rika, wo das kana­di­sche Unter­neh­men 15 Mil­li­ar­den US-Dol­lar Scha­den­er­satz von den USA for­dert, weil ihnen die Geneh­mi­gung für eine Pipe­line ver­wei­gert wurde, die Anga­ben zufolge „umwelt­schäd­li­ches Teer­sandöl aus Kanada an die US-Küste trans­por­tie­ren sollte“. 

Diese Geneh­mi­gung wurde nach mas­si­ven Pro­tes­ten von indi­ge­nen Grup­pen, Land­wir­ten und Kli­ma­ak­ti­vis­ten zurück­ge­zo­gen. Eine Fol­gen­ab­schät­zung hatte erge­ben, dass der Bau der Pipe­line den Kli­ma­wan­del beschleu­ni­gen würde. „Durch das ISDS-Ver­fah­ren ver­sucht Tran­sca­nada nun, mög­li­che Gewinne, die sie durch die Pipe­line erzielt hät­ten, von den ame­ri­ka­ni­schen Steu­er­zah­lern zu erstrei­ten“, so die NGOs.

Azi­enda Elett­rica Tici­nese gegen Deutsch­land und Dis­co­very Glo­bal gegen die Slowakei
Das Schwei­zer Ener­gie­un­ter­neh­men Azi­enda Elett­rica Tici­nese (AET) nutzt den umstrit­te­nen Ener­gie­charta-Ver­trag (ECT), um Deutsch­lands Ent­schei­dung, bis 2038 aus der Koh­le­ver­stro­mung aus­zu­stei­gen, anzu­fech­ten. AET klagt auf eine nicht genannte Ent­schä­di­gungs­summe, obwohl das Aus­stiegs­ge­setz bereits Ent­schä­di­gun­gen unter bestimm­ten Bedin­gun­gen vor­sieht. „Sollte AET Erfolg haben, könnte dies andere Inves­to­ren welt­weit ermu­ti­gen, gegen den Koh­le­aus­stieg vorzugehen.“

Das Öl- und Gas­un­ter­neh­men Dis­co­very Glo­bal wie­derum ver­klagt die Slo­wa­kei auf min­des­tens 500 Mil­lio­nen US-Dol­lar auf Basis des bila­te­ra­len Inves­ti­ti­ons­ab­kom­mens zwi­schen den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und der Slo­wa­kei. „Das Unter­neh­men behaup­tet, dass die For­de­rung der slo­wa­ki­schen Regie­rung, eine Umwelt­ver­träg­lich­keits­prü­fung für den geplan­ten Bohr­stand­ort durch­zu­füh­ren, will­kür­lich und unge­recht­fer­tigt war“, so die NGOs in ihrer Aus­sendung zur neuen Datenbank.

Das Trade Jus­tice Move­ment und das Trans­na­tio­nale Institut
Das Trade Jus­tice Move­ment ist ein bri­ti­sches Bünd­nis von fast sech­zig zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen mit meh­re­ren Mil­lio­nen Ein­zel­mit­glie­dern, die sich für Han­dels­re­geln ein­set­zen, die sowohl den Men­schen als auch dem Pla­ne­ten zugu­te­kom­men. Zu den Mit­glie­dern zäh­len Gewerk­schaf­ten, Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, Umwelt- und Men­schen­rechts­kam­pa­gnen, Fair-Trade-Orga­ni­sa­tio­nen sowie Ver­brau­cher­grup­pen. Gemein­sam for­dern sie gerechte Han­dels­be­din­gun­gen statt Frei­han­del, mit Regeln, die nach­hal­tige Ergeb­nisse für Men­schen und Umwelt ermöglichen.

Das Trans­na­tio­nal Insti­tute (TNI) ist eine inter­na­tio­nale For­schungs- und Inter­es­sen­ver­tre­tung mit Sitz in Ams­ter­dam, das sich Anga­ben zufolge seit 50 Jah­ren für eine gerechte, demo­kra­ti­sche und nach­hal­tige Welt ein­setzt. Das TNI soll dabei als Bin­de­glied zwi­schen sozia­len Bewe­gun­gen, enga­gier­ten Wis­sen­schaft­lern und poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern dienen. 

Autor: red/czaak
10.09.2024

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