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Wenn Pries­ter sich verlieben

Frau oder Amt : Rund 1100 Pries­ter dür­fen in Öster­reich ihren Beruf nicht aus­üben, weil sie sich für die Ehe ent­schie­den haben. Mar­tin Zellin­ger ist einer davon. Vor 23 Jah­ren hat er seine Frau gehei­ra­tet, sie haben drei Kin­der. Pries­ter in Bezie­hun­gen seien keine Sel­ten­heit, sagt er im economy-Interview.

eco­nomy : Sie haben Ihr Amt ver­lo­ren, Pries­ter sind Sie trotz­dem noch.
Mar­tin Zellin­ger : Rich­tig. Meine Vor­gän­ger­ge­ne­ra­tion hat in solch einem Fall häu­fig um Lai­sie­rung ange­sucht. Sie teil­ten der obers­ten kirch­li­chen Auto­ri­tät also mit, dass ihre Ent­schei­dung, Pries­ter zu wer­den, ein Irr­tum war.

Das hat sich mitt­ler­weile geändert ?
In mei­ner Gene­ra­tion gibt es etli­che, die sagen, das mache ich nicht. Da muss ich womög­lich ein psy­cho­lo­gi­sches Gut­ach­ten bei­le­gen, dass es ein Irr­tum war. Das war kein Irr­tum. Ich bin nur zur Über­zeu­gung gekom­men, dass die Part­ner­schaft mit die­ser Frau zu mei­nem Leben gehört.

Sie sind mit Ihrer Frau seit 23 Jah­ren verheiratet.
Ich wurde 1979 geweiht und war sie­ben Jahre Kaplan. Ich habe meine Frau bei der kirch­li­chen Arbeit ken­nen­ge­lernt, in mei­nem Dia­ko­nats­jahr gehörte sie zum Füh­rungs­team der Jugend. Wir haben von Anfang an gesagt, das soll nicht in die Rich­tung gehen, dass wir hei­ra­ten, dass ich mei­nen Beruf ver­liere. Aber alle Ver­su­che, das zu tren­nen, sind geschei­tert. Das ist auch gut so.

Wenn man sich als Pries­ter ent­schei­det zu hei­ra­ten, ist man da sehr auf sich alleine gestellt ?

Nein, in mei­ner Ent­schei­dungs­phase hatte ich Ähn­li­ches schon bei ande­ren mit­ver­folgt. Wir wur­den zu neunt geweiht, drei von uns sind ver­hei­ra­tet. Wenn man mit ande­ren Kol­le­gen in Ver­bin­dung ist und mehr weiß als Dienst­ge­sprä­che, dann erfährt man das einfach.

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Ent­schei­dung reagiert ?
Für meine Eltern, die tra­di­tio­nell reli­giös sind, ist eine Welt zusam­men­ge­bro­chen. Mitt­ler­weile haben wir wie­der ein sehr gutes Ver­hält­nis. Aber im Kol­le­gen­kreis, die Freund­schaft mit Bischof Maxi­mi­lian Aichern, ist unge­bro­chen weitergegangen.

Sie bie­ten Isra­el­rei­sen an, wo Sie bibli­sche Texte an den Schau­plät­zen durch Biblio­drama ver­mit­teln. Auch auf Ihrem Hof ver­an­stal­ten Sie sol­che Work­shops. Was kann man sich dar­un­ter vorstellen ?
Es geht darum, für sich als Gruppe zu spie­len, nicht für ein Publi­kum. Die Metho­den sind sim­pel : Ich lege ein Seil hin, das ist der Kreuz­weg, und dort steht ein Stuhl, das ist der Rich­ter­stuhl. Wir gehen das ab und spü­ren uns hin­ein. Nach fünf Minu­ten befrage ich die Leute. Wer bist du hier, was machst du, was löst das bei dir aus ?

Unter Ihrer Beglei­tung fin­den am Hof auch viele Pfarr­ge­mein­de­rats­klau­su­ren statt. Kommt da das Gespräch auf Ihre Vorgeschichte ?
Wir hat­ten vor Kur­zem eine Klau­sur, die Abschluss­runde war sehr berüh­rend. Eine Frau sagte : „Mar­tin, es war wun­der­bar, auch, dass du aus dei­ner Vor­ge­schichte kei­nen Hehl machst.“ Und dann wandte sie den Blick dem Pfar­rer und sei­ner Part­ne­rin zu und sagte : „Wir wün­schen euch zwei auch, dass ihr das leben könnt, und wir möch­ten euch nicht verlieren.“

Das heißt, die Pfarr­ge­meinde weiß oft Bescheid ?
Es sind viele, sehr viele, die in Part­ner­schaft mit einer Frau leben. Dass sie ihren Beruf wei­ter aus­üben, ist ihre Ent­schei­dung, das kann man ihnen nicht vor­wer­fen. Das Übel liegt eher an der Kir­chen­füh­rung und am der­zei­ti­gen Kirchenrecht.

Wür­den Sie Ihr Amt gerne wie­der ausüben ?
Ja – aller­dings würde ich nicht alle Auf­ga­ben an mich bin­den, son­dern meine Auf­gabe in der Moti­va­tion der Mit­ar­bei­ter und in der spi­ri­tu­el­len per­sön­li­chen Beglei­tung sehen, nicht als Pfar­rer, der Allesmacher.

Vor dem Hin­ter­grund des Pries­ter­man­gels sind die 150 Pries­ter ohne Amt in Ober­österreich eine große Zahl.
Ja, das ist auch ein Haupt­ar­gu­ment der Pries­ter-ohne-Amt­Initia­tive. Aber nicht alle sind mehr bereit, etwa die Hälfte sagt, in den Ver­ein gehe ich nicht mehr zurück.

Es gibt bei die­ser Initia­tive auch Stim­men für einen hei­li­gen Unge­hor­sam. Könn­ten Sie sich vor­stel­len, Mes­sen zu halten ?
Nein. Ein Grund ist : Man ver­un­si­chert die Leute. Warum setzt der eine hei­lige Hand­lung, die ihm die Kir­che nicht erlaubt ? Der zweite Grund ist : Ich möchte gar nicht diese Lücken­bü­ßer­rolle von blo­ßer lit­ur­gi­scher Funk­tion. Ich möchte ja, dass wir davon weg­kom­men, dass nur die Geweih­ten hei­lige ritu­elle Hand­lun­gen durch­füh­ren dürfen. 

Was wäre eine Alternative ?
Die Gemein­den soll­ten auf eine viel brei­tere Basis gestellt wer­den. Eine Frau, die sehr enga­giert mit­ar­bei­tet, bei der sowieso alle Fäden zusam­men­lau­fen – warum soll die nicht einer Mahl­feier vor­ste­hen und eine hei­lige Hand­lung sprechen ?

Wird eine Ände­rung kom­men ? Wird das Zöli­bat jemals auf­ge­ho­ben werden ?
Es wird so sein wie der Umbruch in der Sowjet­union. Plötz­lich wird ein Michail Gor­bat­schow da sein, und ein Stein wird ins Rol­len kom­men. Das wird auch sehr viel Ver­un­si­che­rung mit sich bringen.

Sie haben 2007 dem Papst ein Exem­plar Ihres Jesus-Buches über­reicht und ihn dabei auf das Zöli­bat angesprochen.
Er hat mich gefragt : „Sind Sie Fach­theo­loge?“ Ich habe gesagt : „Ja, aber ich bin auch Pries­ter, aller­dings darf ich den Beruf nicht aus­üben, weil ich gehei­ra­tet habe, meine Gat­tin steht neben mir. Da hätte ich ein zwei­tes Anlie­gen : Zöli­bat – es liegt in Ihrer Hand, der Kir­che Per­spek­ti­ven zu geben.“

Und die Reaktion ?
„Das ist nicht so ein­fach.“ Er hätte auch sagen kön­nen : „Das ist ganz klar, das wird bei­be­hal­ten.“ Nein, er hat gesagt : „Das ist nicht so ein­fach.“ Das klingt nach „Ich weiß, da muss es eine Lösung geben, aber ich habe sie nicht und bin dazu nicht in der Lage“.

Ein Zei­chen in Rich­tung Änderung ?
Die Ände­rung kommt sicher, nur nicht unter Papst Bene­dikt XVI. Und wir wis­sen nicht, wer der Nach­fol­ger sein wird.

Autor:
18.12.2009

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