
Werbung ohne Streuverlust
Während sich hierzulande Marketingexperten in Firmen noch über Sinn oder Unsinn von Twitter streiten und sich ungeschickt auf Facebook austoben, ist man uns in USA schon mehrere Schritte voraus. „Location based social networks“ heißt das Zauberwort.
Was bei Datenschützern Schweißausbrüche verursacht und jeden Stalker erfreut, wird schon von Firmen wie Starbucks, Chevrolet und der NY Times als Kommunikationsmittel mit Nutzern verwendet. Knapp 60 Anbieter gibt es die in diesem Markt tätig sind, von Aka-Aki über Loki zu Whrrrl und dem deutschen Startup Friendticker. Aber wir widmen uns den beiden Big Playern auf diesem neuen Markt : Gowalla und Foursquare.
Neuer Markt
Neuer Markt ? Ganz so neu ist dieser Markt nicht, aber der Hype darum entstand erst durch diese zwei Firmen. Schon im Jahr 2000 wurde Dodgeball von Dennis Crowley und Alex Rainert gegründet, und 2005 an Google verkauft. Im Jahre 2007 verließen die beiden Gründer Dodgeball „weil es unglaublich frustrierend war mit Google zusammenzuarbeiten“. 2009 wurde Dodgeball geschlossen und „Google Latitude“ rückte mit mäßigen Erfolg nach. Dennis Crowley gründete übrigens im März 2009 Foursquare.
Sowohl Gowalla als auch Foursquare sind ein „Location based social network“. Das bedeutet, dass Aktivitäten grundsätzlich an reelle Orte gebunden sind. Wenn man sich in einem Café oder zB bei einer Sehenswürdigkeit befindet und das anderen mitteilen möchte, checkt man über sein Mobiltelefon in die Location ein. Freunde werden dann — sofern sie es wünschen, und bei diesen Diensten angemeldet sind — darüber per Push-Notification benachrichtigt. So kann man jederzeit sehen wo sich Freunde gerade aufhalten, sich beispielsweise dazugesellen oder sie zum eigenen Standort locken. Je öfter man nun bei einer bestimmten Location eincheckt desto höher steigt man im Ansehen anderer Nutzer, man bekommt Abzeichen oder wird sogar „Bürgermeister“ einer Location. Nutzer schreiben auch Tipps zu Locations die man sicher in keinem Reiseführer findet.
Beim Layout und der Benutzeroberfläche liegt Gowalla eindeutig vorne, es ist verspielter und schöner, Foursquare wirkt da eher farblos. Bei der angesehenen South by Southwest Conference (SXSW) im März gewann Gowalla den Preis für die am besten umgesetzte mobile Webseite.
Nutzung von Firmen
Beispielsweise verschicken Unternehmer spontan Rabattgutscheine an Leute die sich in ihrem Netzwerk befinden um sie in ihren Laden zu locken.
Oder man macht seinen Kunden ein Geschenk : Der Besitzer eines Cafes in New York welches eines Nachmittag leer war checkte bei Gowalla ein und schickte einen Gutschein für ein Freigetränk an alle Kunden in seinem Netzwerk. Binnen kürzester Zeit war das Lokal mit über 50 Leute gefüllt, die dann auch nach der Aktion weiter verweilten und den Gastwirt einen guten Umsatz bescherten.
Andere Unternehmen vergeben Treuepunkte, wie ein New Yorker Franchiseunternehmen welches Eis verkauft. An Kunden die sich online angemeldet haben, werden bei jedem Einkauf und bei jedem Statusupdate am Mobiltelefon Treuepunkte gutgeschrieben. Warum auch bei einem Statusupdate ? Weil dann jeder der Freunde auch auf anderen Netzwerken wie Twitter und Facebook sehen kann das man jetzt gerade sein Eis im Franchiseladen kauft was wiederum Werbung für das Unternehmen ist.
Starbucks führte sogar ein eigenes Abzeichen bei Foursquare ein, welches Nutzer die in fünf verschiedenen Filialen einchecken bekommen. Sie sehen Foursquare auch als Mittel um Feedback von den Kunden zu erhalten.
Wer wird nun das Rennen um diesen Markt gewinnen und auf wen sollte man setzen ?
Im Moment sieht es so aus als ob Foursquare als Sieger aus diesem so genannten „Location wars“ hervorgehen wird, da sie bereits eine Million Mitglieder haben und Gowalla erst rund Vierhundertausend.
Obwohl Gowalla bei der SXSW Conference von einem Investor 8 Millionen Dollar Venture Capital bekommen hat, verkündete Yahoo das sie um 125 Millionen Dollar Foursquare kaufen wollen, was für eine Firma mit gerade mal 10 Angestellten eine Menge Geld ist. Wird Dennis Crowley, nachdem er mit Google schon keine gute Erfahrungen gemacht hat, den selben Fehler mit Yahoo nochmals begehen ?
Sollte er doch verkaufen macht er seine Investoren sehr glücklich, aber Nutzer werden die Plattform verlassen da Yahoo das Potential von Foursquare einfach nicht nutzen kann und diesen Umstand wird wiederum Gowalla nützen um den Markt wieder zu erobern.
Ausserdem mischen sich jetzt zwei wahre Größen in diesen Marktkampf ein : Facebook und Twitter. Twitter präsentierte bereits „Places“ und Facebook wird demnächst auch nachziehen. Beide wollen sicher nicht in Konkurrenz mit Foursquare oder Gowalla treten und Belohnungen für „Check in´s“ wird es (vorerst) nicht geben. Bei Twitter wäre es ein netter Zusatzdienst, Facebook hätte aber den Vorteil dass sie über sehr genaue, und zum größten Teil echte Profilinformationen verfügen. So könnten Werber gezielt ihre Werbung auf den Kunden ausrichten und hätten fast null Prozent Streuverlust. Denn wer den Aufenthaltsort eines Nutzers der seine Vorlieben sauber definiert hat kennt, kann diesen gezielt mit situations- und ortsbezogener Werbung versorgen. Sogar seine Verhaltensmuster lassen sich so erkennen und gezielt ansprechen.
Sollte Facebook dieses Service einführen wären sie mit einem Schlag der Marktführer auf diesem Gebiet. Von über 400 Millionen registrierten Nutzern verwenden im Moment monatlich 100 Millionen Facebook über ihr Mobiltelefon was sich aber sicher steigert wenn man dieses Service einführt. Twitter hat zwar 106 Millionen Nutzer, ist in Österreich aber leider noch nicht so stark vertreten wie Facebook, welches von über 2 Millionen Österreicher verwendet wird.
Man muss aber berücksichtigen das Twitter und Facebook Systeme sind deren Nutzer hauptsächlich mit anderen Nutzern kommunizieren, Gowalla oder Foursquare aber Systeme sind wo Nutzer mit Unternehmen kommunizieren.
Somit werden „Location based social networks“ auch in österreichischen Marketingabteilungen bald Einzug halten, und man wird hierzulande mit den Amerikanern gleichziehen. Die Nutzer sind jedenfalls schon auf dem besten Weg dorthin.
Klaus Billinger
Social Media Management — klaus@blooom.at