
Wettbewerbsfähigkeit sinkt immer tiefer
Deutsche Industrie sieht die eigene Wettbewerbsfähigkeit auf Rekordtief. Jedes dritte Unternehmen bekundet aktuell weiteren Rückgang gegenüber Ländern außerhalb der EU. Besonders schlechte Stimmung in Chemie-Branche, so aktuelle ifo-Erhebungen.
Mehr als jedes dritte deutsche Industrieunternehmen berichtet im Oktober von einem Rückgang seiner Konkurrenzfähigkeit gegenüber Ländern außerhalb der Europäischen Union (EU). Aktuell sind das 37 Prozent, im Juli waren es noch 25 Prozent. „So viele waren es in den ifo Umfragen noch nie“, sagt Klaus Wohlrabe, Chef des Umfragen-Ressorts beim Münchner ifo-Institut.
Der Druck steigt aber auch innerhalb Europas : Der Anteil der Firmen mit sinkender Wettbewerbsfähigkeit gegenüber EU-Mitgliedstaaten stieg von 12 auf fast 22 Prozent, ebenfalls ein negativer Rekord. „Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie befindet sich auf einem neuen Tiefpunkt. Das zeigt, wie stark die strukturellen Probleme inzwischen durchschlagen“, betont Wohlrabe. Die Wettbewerbsfähigkeit hat quer über alle Branchen hinweg nachgelassen.
Situation in der energieintensiven Industrie besonders dramatisch
Besonders dramatisch ist die Situation in der energieintensiven und in der chemischen Industrie, wo jedes zweite Unternehmen über stark gesunkene Wettbewerbsfähigkeit klagt. Ähnlich hoch ist der Anteil bei den Herstellern von elektronischen und optischen Erzeugnissen (47 Prozent). Im Maschinenbau liegt der Anteil bei rund 40 Prozent. „Die strukturellen Probleme sind bekannt, ohne tiefgreifende Reformen droht Deutschland im internationalen Vergleich weiter zurückzufallen“, so Wohlrabe vom ifo-Institut.
Die Chemieindustrie spielt aktuell eine besondere Rolle, hier hat sich die Stimmung vergleichsweise besonders stark verschlechtert. Auch der Blick in die Zukunft ist deutlich pessimistischer : die Erwartungen sanken von minus 4 auf minus 13 Punkte, eine Verdreifachung also. „Die Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung reichen in der aktuellen Konjunkturlage nicht aus, um eine Trendwende einzuleiten“, ergänzt hier Anna Wolf, Branchenexpertin bei ifo-Institut.
Auftragsminus tiefster Wert seit mehr als drei Jahrzehnten
Das Thema Wettbewerbsfähigkeit hat nun auch praktische Auswirkungen. Der gestiegene Druck aus dem Ausland zwingt viele Betriebe, ihre Preise zu senken : Der Indikator für die Preispläne drehte kräftig ins Minus (minus 11 Punkte nach plus 1 Punkt). Gleichzeitig bleibt die Auftragslage sehr schwach. Die Betriebe erwarten auch aus dem Ausland keine Impulse. In der Folge rutschte die Beurteilung des Auftragsbestands auf den tiefsten Wert seit mehr als drei Jahrzehnten (!).
Das spiegelt auch die Kapazitätsauslastung, diese sank auf nur 71 Prozent und liegt damit deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre von 81 Prozent. „Die Kombination aus mangelnder Wettbewerbsfähigkeit, sinkenden Verkaufspreisen bei gleichzeitig hohen Kosten und schwachen Aufträgen zwingt die Betriebe, Investitionen zu drosseln und Personal weiter abzubauen“, so das Resümee von Anna Wolf vom ifo-Institut. (red/cc)