
Wie man/frau miteinander umgehen soll
Drei Wiener Schulklassen diskutierten ein Jahr lang über Geschlechternormalität und Geschlechterverhältnisse.
Deutschunterricht an drei Schulen in unterschiedlichen Bezirken – eine Handelsakademie im 12., ein Gymnasium im 16. und ein Gymnasium im 6. Wiener Gemeindebezirk : Das Verhalten der Schülerinnen und Schüler wird von einem Wissenschaftler und einer Wissenschaftlerin sowie einigen Schülern und Schülerinnen beobachtet und dokumentiert. Am Ende der Stunde folgt das Fazit : eine durchgängig geschlechtsspezifische Dominanz in Bezug auf Redemacht und Raumpräsenz. In zwei der Klassen dominierten die Schülerinnen diskursiv das Unterrichtsgeschehen, in einer die Schüler performativ.
Rollentausch
„(Un)Doing Gender als gelebtes Unterrichtsprinzip : Sprache – Politik – Performanz“ nennt sich das „Sparkling Science“-Projekt der Wissenschaftler Marlen Bidwell-Steiner und Stefan Krammer. Vereinfacht ausgedrückt geht es dabei darum, wie Geschlechterverhältnisse und ‑rollen im Schulalltag konstruiert, gestaltet und gelebt werden. „In der Begegnung mit den Schülerinnen und Schülern fanden wir vor allem instruktiv, wie verunsichernd Fragen nach dem Geschlecht sind. Das ist ein wichtiger Aspekt, den wir auch in der universitären Vermittlung zu stark außer Acht lassen. Wenn Definitionen und Zuschreibungen von Frausein und Mannsein beweglich werden, macht das den Menschen sehr oft Angst. Die erste Reaktion ist häufig Abwehr, etwa in der Art : ‚Gender interessiert mich nicht.‘
Da greifen dann komplizierte Argumentationen nicht. Im Projekt gelang es uns zumindest ansatzweise, stattdessen die Lust auf spielerisches Ausagieren anzusprechen und Verunsicherungen für Sensibilisierung und Horizonterweiterung zu nutzen“, skizzieren Bidwell-Steiner und Krammer den vorläufigen Output der gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeit. Das Hauptaugenmerk lag dabei zunächst einmal auf dem Bewusstmachen geschlechtlicher Festschreibungen in Pausen- und Unterrichtssituationen. Rollentausch-Spiele und ein parodistischer Umgang mit „gewohnten“ Geschlechterkonstruktionen führte die Schüler und Schülerinnen schließlich zu einer kritischen Reflexion von derlei Mustern – und das nicht nur den Schulalltag betreffend.
Um auch andere Klassen an den Erkenntnisgewinnen des Projekts partizipieren zu lassen, wurde nunmehr ein weiterführendes Vorhaben gestartet. „Gender-Planet“ hat es sich zur Aufgabe gesetzt, methodische Zugänge, Texte, Fragen und Aspekte des „(Un)Doing Gender“ in einer interaktiven Form zugänglich zu machen.