
„Wir brauchen Reform beim Datenschutz“
Datenschutz immer aufwendiger. Nach Start europäischer Datenschutz-Grundverordnung 2016 klagten 25 Prozent der deutschen Betriebe über kompliziertere Geschäftsprozesse. 2025 sagen das 81 Prozent. Nächste Herausforderung ist Neuausrichtung auf KI-Zeitalter, so umfassende Studie des deutschen Digitalverbandes Bitkom.
Zehn Jahre nach dem Start der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO) ist der Datenschutz in den Unternehmen grundsätzlich einmal verankert. Allerdings werden Aufwand, Komplexität und Rechtsunsicherheit von Jahr zu Jahr größer. Während Anfang 2018 (Anm. kurz vor Anwendbarkeit der DS-GVO), erst sieben Prozent der Unternehmen die Vorgaben vollständig oder größtenteils umgesetzt hatten, sind es 2024 bereits 71 Prozent.
Im gleichen Zeitraum hat sich die belastende Wahrnehmung der DS-GVO jedoch dramatisch verstärkt : 2016 sagte ein Viertel der Unternehmen, die DS-GVO mache ihre Geschäftsprozesse komplizierter, 2025 sind es schon 81 Prozent und 97 (!) Prozent bewerten den Aufwand als hoch. 72 Prozent meinen zudem, dass Deutschland es mit dem Datenschutz übertreibt. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Langzeitbefragung des Digitalverbands Bitkom seit 2016 bei Unternehmen aus allen Branchen.
Künstliche Intelligenz als neue Bewährungsprobe
„Datenschutz ist eine zentrale Säule der digitalen Welt. Die Erwartungen an die DS-GVO wie einheitlichere Wettbewerbsbedingungen in Europa, mehr Rechtssicherheit und weniger Bürokratie nach der Umstellungsphase haben sich allerdings nicht erfüllt“, sagt Ralf Wintergerst, Präsident des Bitkom-Verbandes. „Mit der Neuausrichtung des Datenschutzes auf das KI-Zeitalter steht jetzt die nächste Herausforderung ins Haus“, so Wintergerst.
Beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) sehen sechs von zehn Unternehmen den europäischen Datenschutz im internationalen Vergleich zwar grundsätzlich als Vorteil für die KI-Entwicklung in Deutschland und Europa, in der Praxis erleben sie jedoch das Gegenteil. Zwei Drittel oder 70 Prozent sagen 2025, der Datenschutz erschwere es, KI-Modelle mit genügend Daten zu trainieren.
Stark bei Risiken für Menschen und Entlastung für Unternehmen
63 Prozent der Betriebe sind überzeugt, dass der Datenschutz Unternehmen, die KI entwickeln, aus der EU vertreibt. Auch beim Aufbau von Datenpools, der Grundlage vieler KI- und Analyseanwendungen, berichten knapp 60 Prozent der Unternehmen, dass entsprechende Projekte aufgrund von Datenschutzvorgaben gescheitert sind oder gar nicht erst in Angriff genommen wurden.
„KI wird wegen unserer Datenschutzpraxis nicht in Europa entwickelt, die Modelle werden aber trotzdem hier eingesetzt. Für den Schutz der Daten europäischer Bürger ist damit nichts gewonnen, für den Wirtschaftsstandort Europa aber viel verloren“, unterstreicht Ralf Wintergerst. „Wir brauchen eine Reform, die Datenschutz dort stark macht, wo echte Risiken für Menschen entstehen, und Unternehmen dort entlastet, wo formale Pflichten keinen zusätzlichen Schutz bringen“, so der Bitkom-Boss weiter.
Internationale Datentransfers weiter ungelöst
Konkret fordert der Bitkom-Verband eine konsequente Risikoorientierung der DS-GVO und ein einheitliches Verständnis, dass Training und Betrieb von KI-Systemen auch in Europa möglich sein müssen. „Der Digitalomnibus auf europäischer Ebene ist die Chance dafür – sie muss genutzt werden“, betont Ralf Wintergerst, Präsident des Digitalverbandes Bitkom.
Im Rahmen der Langzeitstudie wurden noch weitere relevante Ergebnisse erhoben. Ungelöst zeigt sich etwa das Thema Internationale Datentransfers. 61 Prozent der Unternehmen übermitteln 2025 personenbezogene Daten in die USA, die damit das mit Abstand wichtigste Drittland für Datentransfers außerhalb der EU sind. 71 Prozent wünschen sich von der Politik tragfähige Lösungen für den internationalen Datentransfer.
Rechtsunsicherheit und Fachkräftemangel und fehlende Unterstützung bei Behörden
Ein zentraler Punkt ist auch das Thema Rechtsunsicherheit. Dies wird als Dauerproblem angesehen. 82 Prozent der Unternehmen nennen 2025 die Unsicherheit über die genauen Datenschutzvorgaben als eine der größten Herausforderungen und 86 Prozent der Unternehmen sagen, dass die Umsetzung der DS-GVO nie vollständig abgeschlossen ist, weil kontinuierlich auf technische und rechtliche Entwicklungen reagiert werden muss.
Ebenso aufgepoppt im Rahmen von Befragungen und Studie ist der Fachkräftemangel im Kontext mit Datenschutz. 38 Prozent der Unternehmen beklagen 2025 einen Mangel an qualifiziertem Personal für den Datenschutz. Beklagt wird auch die mangelnde Unterstützung von zuständigen Behörden oder Institutionen. Von den 86 Prozent der Unternehmen die Hilfestellungen von Behörden genutzt oder angefragt haben, waren laut repräsentativer Bitkom-Studie nur 36 Prozent mit dem Ergebnis zufrieden. (red/czaak)