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„Wir sind unsere schlimms­ten Feinde“

Michael Davies : „Wenn ich Ihnen ein Gerät mit mehr Funk­tio­nen zeige, dann kau­fen Sie es. Auch wenn es Sie hin­ter­her unglück­lich macht.“ Der Senior Lec­tu­rer der MIT Sloan School of Manage­ment über unnö­tig kom­pli­zierte Atom­kraft­werke, wut­schäu­mende Bell-Labs-Wis­sen­schaft­ler und die mus­ter­gül­tige Pro­dukt­stra­te­gie von Apple.

eco­nomy : Die Wirt­schaft liegt dar­nie­der, und Sie sagen, gerade jetzt sei die beste Zeit für Innovation.
Michael Davies : Genau. Es mag nicht ein­gän­gig sein, aber ich glaube, es ist ein exzel­len­ter Zeit­punkt dafür. Vie­les, was Unter­neh­men in der Pro­dukt­ent­wick­lung machen, ist Akku­mu­la­tion. Pro­dukte wer­den genauso ange­häuft wie Funk­tio­nen. Makro­öko­no­mi­sche Schocks wie die­ser sind ideal, um sol­che Ent­schei­dun­gen zu hinterfragen.

Wie stößt man zwi­schen Bud­get­knapp­heit und Mas­sen­frei­set­zun­gen das große Umden­ken an ?
Zuerst kommt die Interven­tion – wie bei den Anony­men Alko­ho­li­kern : Es geht darum, sich das Pro­blem ein­zu­ge­ste­hen. Danach lässt sich im Port­fo­lio ziem­lich schnell fest­stel­len, wel­che die wirk­lich guten Pro­dukte sind und wel­che die schlech­ten. Und Ent­schei­dun­gen, ob man es glaubt oder nicht, kön­nen buch­stäb­lich über Nacht getrof­fen wer­den. Ich habe einen gro­ßen Kun­den, der in einer Nacht 20 Pro­dukte gestri­chen hat. Vier oder fünf Mana­ger setz­ten sich hin, schau­ten sich die schwächs­ten zehn Pro­dukte an und einig­ten sich dar­auf, sechs davon ein­zu­stel­len. Sie rie­fen spät am Abend noch ihren CEO an, der viel­leicht schon ein, zwei Glä­ser Wein hatte und für den nächs­ten Mor­gen ein Mee­ting anbe­raumte. Die Dis­kus­sion begann also um 18 Uhr, die Ent­schei­dung war um neun Uhr des nächs­ten Tages getrof­fen. Jedes der Pro­jekte hatte ein Volu­men von 20 bis 40 Mio. Euro. Über Nacht wur­den somit 150 Mio. Euro freigemacht.

Sie nen­nen Apple immer wie­der als posi­ti­ves Bei­spiel. Exis­tiert für jedes Unter­neh­men ein Apple-Weg ?
Ich möchte hier eine klare Trenn­li­nie zie­hen. Apple ist ein­zig­ar­tig. Es gibt ein paar Dinge, die sie sehr gut machen. Etwa, was wir „Path Depen­dance“ nen­nen. Das heißt, man kann heute nicht Apple sein, ohne auch in der Ver­gan­gen­heit Apple gewe­sen zu sein. Aller­dings zahlt es sich wirk­lich aus, weni­ger Pro­dukte zu füh­ren oder For­schungs- und Ent­wick­lungs­in­ves­ti­tio­nen an den Fla­schen­häl­sen zu kon­zen­trie­ren. Apple erle­digt das beson­ders gut. Andere kön­nen das aber auch.

Sie sagen, die Leute schät­zen Ein­fach­heit. Ist das eine Reak­tion auf die Über­frach­tung mit Tech­no­lo­gie oder eine gene­relle Wahrheit ?
Wir sind schon eine ganze Weile über­wäl­tigt. Die Angst der Men­schen vor Tech­no­lo­gie reicht bis in die 1970er Jahre zurück. Für Inge­nieure ist es ein­fach, neue Funk­tio­nen in Pro­dukte ein­zu­bauen. Also wird das auch gemacht. Auf diese Weise ent­ste­hen zwar Wahl­mög­lich­kei­ten, aber keine Zufrie­den­heit mit dem Pro­dukt. Wir sind dabei unsere eige­nen schlimms­ten Feinde. Wenn ich Ihnen ein Gerät mit mehr Funk­tio­nen zeige, dann kau­fen Sie es. Auch wenn es Sie hin­ter­her unglück­lich macht.

Und wie gewöhnt man Kun­den, die bis­her 50 Funk­tio­nen zur Ver­fü­gung hat­ten, daran, mit 25 glück­lich zu sein ?
Nur mit gro­ßer Schwie­rig­keit. Bauen Sie die Fea­tures also am bes­ten gar nicht erst ein. Wenn ich heute eine neue Funk­tion hin­zu­füge, kann sich das inner­halb von zwei Jah­ren rächen. Ein Her­stel­ler von Atom­kraft­wer­ken meinte etwa, dass er jedes Mal, wenn er Kun­den eine neue Funk­tio­na­li­tät prä­sen­tiert, nicht mehr davon los­kommt. Die Folge ist, dass unglaub­lich kom­pli­zierte Atom­kraft­werke ver­kauft wer­den, deren Benut­zung unglück­lich macht. Sobald es an den Neu­kauf geht, wol­len schließ­lich alle ein mög­lichst simp­les Kraftwerk.

Es ist also ein Lernprozess.
Und ein Balan­ce­akt. Man kann nicht alle Fea­tures weg­neh­men, weil sie ja die Wahl­mög­lich­keit aus­ma­chen. Es geht darum, weni­ger der rich­ti­gen Fea­tures zu ver­bin­den und die Vor­teile bes­ser zu erklä­ren. Den­ken Sie an TiVo (eine in den USA ange­bo­tene Set-Top-Box mit Video­re­kor­der­funk­tion, Anm. d. Red.). Es erle­digt eine Sache, und das Inter­face ist sehr ein­fach. Die Leute wer­den wei­ter zuerst lie­ber kom­pli­zierte Pro­dukte kau­fen und unglück­lich damit sein. Dann erst kau­fen sie Ihr Gerät. Aber da haben Sie die Mund­pro­pa­ganda bereits auf Ihrer Seite.

Mehr Fea­tures trei­ben aber die Ver­käufe an. Wie kön­nen Unter­neh­men in Zei­ten des Share­hol­der-Value-Dik­tats der Ver­su­chung widerstehen ?
Sagen Sie Nein, Nein und noch­mals Nein. Man muss sich auf die lang­fris­tige Sicht kon­zen­trie­ren. Apple hat auch eine ganze Weile gebraucht, um sein iPod-Geschäft auf­zu­bauen. Sie hät­ten mit einem Pro­dukt, das mehr Schnick­schnack hat, viel­leicht höhere Anfangs­ver­käufe geschafft. Aber es hätte nicht diese Reak­tio­nen gege­ben : dass es sich um ein fan­tas­ti­sches Pro­dukt han­delt, des­sen Benut­zung die reinste Freude ist.

Warum tun sich Unter­neh­men wie Micro­soft so schwer mit Innovation ?
Zu viel Geld ! Wenn man zu viel davon hat, muss man nicht dis­zi­pli­niert sein. Wenn Micro­soft schlank, fies und hung­rig wäre, würde so viel mehr dabei her­aus­schauen. Das macht Orte wie das MIT Media Lab so erfolg­reich. Wenn man sich mit einer Viel­zahl sehr schlauer Leute umgibt und alle mit wenig Geld etwas auf die Beine zu stel­len ver­su­chen, keimt Inno­va­tion. Es stimmt nicht, dass viel Geld für F&E (For­schung und Ent­wick­lung, Anm. d. Red.) auto­ma­tisch zu hohen Pro­fi­ten führt. Es ist viel­mehr so, dass ein sehr pro­fi­ta­bles Unter­neh­men viel für F&E aus­ge­ben kann. Sie ken­nen bestimmt die Bell Labs, auf die die Ame­ri­ka­ner so stolz sind. Ich habe bei einem Semi­nar an der Colum­bia Uni­ver­sity über das Erbe der Bell Labs gespro­chen. Warum sie die größte Geld­ver­schwen­dung in der Geschichte ame­ri­ka­ni­scher For­schung und Tech­no­lo­gie seien.

Wie reagierte Ihr Publikum ?
Ich dachte, ich würde gelyncht. Sie ken­nen den Aus­druck Schaum vorm Mund ? Ich habe Schaum gese­hen (lacht).Die Bell Labs haben zwar ein paar inter­es­sante Inno­va­tio­nen geschafft und waren der aka­de­mi­schen Welt auch um Jahre vor­aus. Aller­dings wur­den rie­sige Men­gen an Geld ver­schwen­det. Und das biss­chen, das dabei her­aus­kam ! Unix zum Bei­spiel war ja bloß ein glück­li­cher Unfall und nicht das Ergeb­nis von Forschung.

Autor:
24.04.2009

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