
„Wir verbrannten eine Milliarde Dollar“
Österreichern sind Misserfolge peinlich. Amerikaner sehen diese hingegen als Teil des Risikos und nennen sie „Chapter 11“ oder „Chapter 13“. Eindrücke vom sechsten Austroforschertreffen Austrian Science Talk.
Scheitern sollte als ein möglicher Ausgang von Risikobereitschaft gesehen werden. In Kalifornien wisse man das, in Österreich nicht. „Bankrott heißt bei uns Chapter 13 oder 11“, erklärt Norbert Bischofberger, Forschungschef des US-Pharmaunternehmens Gilead. Diesen Bezeichnungen hafte nichts Negatives und schon gar nicht die Vorstellung persönlicher Schande an.
Beim Austrian Science Talk in New Orleans sprach der Erfinder des Grippemedikaments Tamiflu über den Erfolg seines Unternehmens, das führend im Bereich HIV ist. „Bevor wir irgendeinen Gewinn machten, verbrannten wir eine Milliarde Dollar“, verdeutlicht Bischofberger die Risikobereitschaft.
Blick nach vorn fehlt
Eine schlüssige Antwort, warum österreichisches Unternehmertum eher risikoscheu sei, hat der gebürtige Vorarlberger nicht zur Hand. Neben einem gewissen Hang zu Neid würden Österreicher allerdings lieber in die Vergangenheit als nach vorne blicken. Dass die Risikobereitschaft der Amerikaner für die Weltwirtschaftskrise verantwortlich sein soll, lässt der Biochemiker ebenso wenig gelten wie die Ansicht, dass Venture Capitalisten nun nachhaltig verschreckt seien : „Das legt sich alles wieder.“
Rund 120 Teilnehmer kamen zum sechsten Jahrestreffen österreichischer Wissenschaftler in Nordamerika. Der von Brainpower Austria veranstaltete Austrian Science Talk soll die Vernetzung zwischen den Forschern fördern und den Kontakt mit Österreich stärken. „Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Österreich, die Hand nach uns ausstreckt“, gab sich Peter Nagele, Chef der Forschervereinigung Ascina, bescheiden. Vertreter der österreichischen Delegation adressierten die Teilnehmer hingegen wiederholt als „künftige Élite“. Präsentiert wurden auch die Ergebnisse einer Evaluierung des vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) finanzierten Brainpower-Programms. Demnach sind bei den Wissenschaftlern besonders Reisekostenzuschüsse willkommen.
Zur Lage in Österreich befragt, schätzen zwei Drittel die rot-weiß-roten Forschungsbedingungen als gut, 15 Prozent sogar als sehr gut ein. Weiterhin kritisch gesehen wird die Gehaltssituation für Jungforscher. Im Vergleich zu den USA würden Wissenschaftler rund ein Fünftel weniger verdienen. Eine vom Austrian Institute of Technology in Auftrag gegebene Studie bestätigt diesen Rückstand, kommt aber dennoch zu einem zufriedenstellenden Ergebnis. So zahlen in Europa nur zwei Staaten mehr : Luxemburg und die Schweiz. Österreich liegt damit vor Großbritannien. Der Unterschied zur Schweiz ist indes beträchtlich : Mit 20 Prozent höheren Gehältern bewegt sich diese auf US-Niveau.