
Zeigen, wie es funktionieren kann
Ein vom Institut für Wirtschaftsforschung, der Universität für Bodenkultur und von der Universität Innsbruck getragenes Projekt widmet sich dem nutzungsbedingten Wechsel der Landschaften im Laufe der Zeit.
Knapp 84.000 Quadratkilometer misst das österreichische Bundesgebiet. Ähnlich groß sind neben Aserbaidschan nur die Vereinigten Arabischen Emirate mit 82.000 Quadratkilometern. Doch die Landschaft und deren Nutzung könnten nicht divergierender sein : Hier das wasser- und waldreiche Alpenland, dort ölreicher Wüstenstaat. Vorsorge ist in Österreich ein wichtiges Prinzip, schließlich sollen auch künftige Generationen von den Ressourcen leben können.
Und genau da setzt das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Werkzeuge für Modelle einer nachhaltigen Raumnutzung“ an. Das vom Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), von der Universität für Bodenkultur und von der Universität Innsbruck beziehungsweise der Europäischen Akademie in Bozen getragene Projekt ermittelt erstmals innerhalb des OECD-Raumes flächenbezogene Agrar-Umwelt-Indikatoren, die als Ergänzung für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung herangezogen werden können. Damit fließen auch ökologische Bedingungen in die klassische Wohlstandsbeurteilung eines Landes mit hinein, die sonst im Bruttoinlandsprodukt nicht berücksichtigt werden.
Die Zusammensetzung und die Dichte der Tier- beziehungsweise Pflanzenarten beschreiben die Biodiversität eines Lebensraumes. Je mehr eine Landschaft von verschiedenen Organismen belebt wird, umso intakter ist sie. Der natürliche Stofffluss befindet sich im Gleichgewicht. „Uns geht es darum, die Landnutzungsänderungen zu quantifizieren und ihre Auswirkungen auf die Biodiversität zu erfassen“, erläutert Projektleiter Franz Sinabell vom Wifo. Und weiter : „Wir ermitteln damit für den ländlichen Raum einen erweiterten Wohlstandsindikator.“
Dem Hanf auf der Spur
Der bezieht sich auf ganz Österreich, geht aber möglichst kleinräumig in die Tiefe. Ein Hinweis darauf, wie sich Landschaften im Laufe der Zeit wandeln, weil sich die Produktionsbedingungen ändern, liefern auch zwei Linguistinnen. Unter der Leitung von Isolde Hausner von der Akademie der Wissenschaften erarbeitet Theresa Hohenauer, wo denn überall Namen von Kultur- und Nutzpflanzen auftauchen. Zunächst kamen die vielseitig verwendbaren Arten Flachs und Hanf in Betracht. Der Anbau von Flachs prägte die Landschaften von Nord- bis Südeuropa, was sich auch in den Ortsnamen widerspiegelt, die diese Kulturpflanze verarbeiteten. „In Österreich gibt es heute noch 43 Orte, die in ihrem Namen Flachs oder Hanf führen“, erklärt Theresa Hohenauer. „Niederösterreich führt sowohl beim Hanf als auch beim Flachs die Liste an, aber auch in Tirol und Vorarlberg gibt es Flachs- und Hanforte.“
Im niederösterreichischen Dunkelsteiner Wald befindet sich die Einöde „Harrerhof“, deren Bezeichnung sich aus dem mittelhochdeutschen „har“ für Flachs ableitet. Im Waldviertel zeugt wiederum der „Harstubencampingplatz“ von der einstigen Bedeutung dieser landwirtschaftlichen Kultur. Auch slawische Wurzeln kennzeichnen bestimmte Orte : Mottschüttelbach bei Laa an der Thaya und Modsiedl bei Waidhofen an der Thaya (NÖ) lassen sich auf das slawische „mo_idlo“ zurückführen, das so viel wie Flachsröste bedeutet. Dabei werden die Flachsgarben für einige Tage eingeweicht, ehe sie weiterverarbeitet werden. Künftig folgen weitere geografische Bezeichnungen, die auf bestimmte Landnutzungen schließen lassen. „Au“ zum Beispiel.
Wissen und verbreiten
Das gesamte Forschungsprojekt hat den Anspruch, nicht in irgendeiner Forschungsförderungsschublade zu landen, sondern möglichst breit anwendbar zu sein. Dazu werden die von den Ökologen und Meteorologen erhobenen Grundlagendaten von Agrarwissenschaftlern und Ökonomen weiterverarbeitet. Sie simulieren Situationen, die Aufschluss darüber geben, mit welchen landwirtschaftlichen Ertragsänderungen zu rechnen ist, sobald sich bestimmte Einflussfaktoren ändern. Das kann sich auf die klimatischen Bedingungen beziehen, aber auch auf geänderte politische Zielvorstellungen. Inwieweit sich der Lebensstil auf das Konsumverhalten auswirkt und welche regionalen Konsequenzen sich daraus ergeben, wird man in drei Jahren wissen. Vorerst erarbeiten alle ein Modell, das die Umweltverträglichkeit im ökonomischen Kontext messbar macht. Die gewonnenen Ergebnisse bestimmen dann den Inhalt eines Lehrgangs für Landwirtinnen.