
Zeugen der Vergangenheit
Das „Memory of the World“-Programm ist ein Langzeitprojekt der Unesco, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Gedächtnis der Menschheit zu erhalten. Entstehen soll ein globales Register der historisch bedeutendsten Dokumente wie wertvolle Buchbestände, Handschriften, Partituren, Unikate, Bild‑, Ton- und Filmdokumente.
Wer entscheidet heute, woran wir uns morgen noch erinnern werden ? Welche Geschichte erzählen überlieferte Sammlungen über die wichtigen kulturellen Wendepunkte der Menschheit, und welchen zeitgeschichtlichen Spiegel halten sie uns vor ? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich das 1992 von der Weltbildungsorganisation Unesco ins Leben gerufene Programm „Memory of the World“. Festgehalten in einem Weltregister, stellt es ein globales digitales Netzwerk mit ausgewählten, herausragenden Dokumenten der Geschichte dar – darunter wertvolle Buchbestände, Handschriften, Partituren, Unikate sowie eine Vielzahl von Bild‑, Ton- und Filmdokumenten. Eine Erweiterung fand „Memory of the World“ mit der „Charta zum Erhalt des digitalen Kulturerbes“ aus dem Jahr 2003. Diese umfasst fachliche und kulturpolitische Maßnahmen zur Frage der Langzeitarchivierung von digitalisierten Dokumenten sowie ausschließlich digital vorhandenen Materialien. Dabei geht es auch darum, dass nicht nur die Digitalisierung von Dokumenten, sondern auch der langfristige Zugang zu diesen und somit die Erhaltung des dokumentarischen Erbes gesichert sein muss.
Aktuell umfasst das Register 158 Beiträge aus aller Welt, darunter die 21 Thesen der Solidarnosc, die Kolonialarchive Be-nins, Senegals und Tansanias, der Azteken-Kodex in Mexiko, die Archive des Warschauer Ghettos, das älteste noch erhaltene Manuskript des Korans „Mushaf von Othman“ aus Us-bekistan sowie als erste Zeugnisse des Buchdrucks die Göttinger Gutenberg-Bibel und der koreanische Frühdruck Jikji (eine Anthologie der Zen-Lehre).
Österreich aktiv beteiligt
Österreich ist mit neun Beiträgen und einer Gemeinschafts-eintragung im „Memory of the World“-Register vertreten (siehe Kasten). Die Österreichische Unesco-Kommis-sion widmet sich darüber hinaus aber auch der Frage, wie Langzeitarchivierung im digitalen Zeitalter grundsätzlich auszusehen hat beziehungsweise welche Risiken und Hindernisse diese birgt. Mittlerweile ist das Bewusstsein für die Problematik deutlich gestiegen. Zahlreiche Studien zum Thema und permanente Arbeitsgruppen tragen dafür Sorge, dass dabei auch der Unesco-Charta zur Bewahrung des digitalen Kulturerbes Rechnung getragen wird – so etwa hat die Österreichische Computer-Gesellschaft einen Arbeitskreis „Digital Preservation“ eingerichtet.
Vereinfacht ausgedrückt dient das „Memory of the World“-Programm der Unesco dem Erhalt des dokumentarischen Welterbes. Zum einen soll das „Gedächtnis der Menschheit“ vor Zerstörung durch Umwelteinflüsse, schlechte Lagerbedingungen sowie zeitbedingte Zersetzung des Materials bewahrt werden. Zum anderen aber soll so auch der weltweite Zugang zu kulturell bedeutenden und historisch wichtigen Dokumenten auf neuen informationstechnischen Wegen sichergestellt sein. Der Eintrag in das Unesco-Weltregister gilt als internationale Auszeichnung.
Nationale Nominierungen
Die Herkunftsländer verpflichten sich dazu, die Erhaltung und Verfügbarkeit des jeweiligen dokumentarischen Erbes zu gewährleisten. Die nationalen Nominierungskomitees können Dokumente von internationaler Bedeutung, die den Unesco-Kriterien entsprechen, für die Nominierung vorschlagen. Über die endgültige Aufnahme entscheidet in weiterer Folge ein internationales Berater-komitee.
Österreichs Einträge im „Memory of the World“-Register
• Das Wiener Dioscurides-Manuskript, Österreichische Nationalbibliothek
• Das Schlussdokument des Wiener Kongresses 1815, Österreichisches Staatsarchiv
• Die historischen Sammlun-gen (1899 – 1950) des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
• Die Papyrussammlung (Col-lection Erzherzog Rainer), Österreichische National-bibliothek
• Schubertsammlung, Wiener Stadt- und Landesbibliothek
• Atlas Blaeu-Van der Hem, Österreichische National-bibliothek
• Brahms-Sammlung, Gesellschaft der Musikfreunde
• Gotische Baurisse, Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste
• Bibliotheca Corviniana, Österreichische Nationalbibliothek (mit Ungarn, Belgien, Deutschland, Frankreich und Italien nominiert)
• Tabula Peutingeriana, Österreichische Nationalbib-liothek