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Donnerstag, 15.01.2026 | 13:43

Zu hal­ber Tat mit hal­ben Mitteln

2002 sollte die Wende für die Unis brin­gen. 2010 kämp­fen sie unver­min­dert gegen Geldmangel.

Sie­ben Jahre nach­dem Öster­reichs Unis in die Selbst­stän­dig­keit ent­las­sen wur­den, beset­zen Stu­den­ten das Audi­max der Uni­ver­si­tät Wien. Sie pro­tes­tie­ren gegen Bil­dungs­ab­bau und Zugangs­be­schrän­kun­gen. 60 Tage nach Beginn der Aktion lässt das Rek­to­rat den Hör­saal räu­men, aus Sicher­heits­grün­den wie es heißt. Erreich­tes Ziel : 30 Mio. Euro aus einer Reserve des Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­ums und eine öffent­li­che Dis­kus­sion, die auf­ge­heizt, aber den Anlie­gen der Stu­den­ten nicht allzu gewo­gen scheint.

Stu­den­ten­an­sturm
2008 stu­dier­ten 74.000 Stu­den­ten an der Wie­ner Haup­tuni. Heuer sind es 85.000. Hör­säle platz­ten davor schon aus allen Näh­ten. Fächer wie Psy­cho­lo­gie und Publi­zis­tik sind über­lau­fe­ner denn je. „Es fehlt an der Plan­bar­keit im Stu­di­en­be­reich“, erklärt Uni­ver­si­täts­spre­che­rin Cor­ne­lia Blum. Die enorme Zunahme an Inskri­bier­ten wird auf den weit­ge­hen­den Weg­fall der Stu­di­en­ge­büh­ren zurückgeführt.
Finan­zi­ell abge­gol­ten, so Blum, würde den Unis der Stu­den­ten­an­sturm nicht. Diese for­dern seit Lan­gem eine Stu­di­en­platz­fi­nan­zie­rung, wie sie bei den Fach­hoch­schu­len im Ein­satz ist : Die Uni­ver­si­tä­ten wür­den vom Staat je Stu­dent bezahlt. Hans Sün­kel, Chef der Öster­rei­chi­schen Rek­to­ren­kon­fe­renz, ist zuver­sicht­lich, dass das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rium das Thema ernst nimmt. Die nächs­ten Leis­tungs­ver­ein­ba­rungs­ver­hand­lun­gen, in deren Rah­men das Minis­te­rium mit den Uni­ver­si­tä­ten drei­jäh­rige Glo­bal­bud­gets aus­ver­han­delt und im Gegen­zug einen Anfor­de­rungs­ka­ta­log vor­legt, wer­den im Jahr 2013 statt­fin­den. Bei ihnen könnte die Stu­di­en­platz­fi­nan­zie­rung zum zen­tra­len Thema wer­den. Vor­aus­set­zung dafür, so Sün­kel, sei aller­dings eine Kos­ten-Leis­tungs­rech­nung. Und die gibt es an den Unis noch nicht. 

Ins Zeug gelegt
Etwas weni­ger gedrängt geht es an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät (TU) Graz zu. In den letz­ten sechs Jah­ren stie­gen die Stu­den­ten­zah­len um jeweils rund fünf Pro­zent an. Im ver­gan­ge­nen Jahr leg­ten die Raten um mehr als das Dop­pelte zu. Die Fol­gen auch hier : Knapp­heit bei Räum­lich­kei­ten und Infra­struk­tur. Vor­aus­set­zung, um mehr Stu­den­ten an die Uni­ver­si­tät zu holen, könn­ten „erheb­lich höhere Stu­di­en­ge­büh­ren sein“, sagt Sün­kel, der Rek­tor der TU Graz ist : „Mehr jeden­falls als 720 Euro. Der Betrag wird im Aus­land mit­un­ter als lach­haft bezeich­net.“ Unter ande­rem in China sei das Inter­esse an öster­rei­chi­schen Stu­di­en­plät­zen groß : „Viele wür­den kom­men wol­len und wären auch bereit, deut­lich mehr Geld bezah­len“, erklärt der Rektor.
Inner­halb einer gewis­sen Band­breite soll­ten die Unis selbst bestim­men kön­nen, wie viel sie Stu­den­ten in Rech­nung stel­len. „Im Rah­men der Auto­no­mie gibt es Berei­che, die nichts mit Auto­no­mie zu tun haben. Die Höhe der Stu­di­en­ge­büh­ren gehört dazu“, kri­ti­siert Sün­kel. Finan­zi­ell ste­hen die Gra­zer im öster­rei­chi­schen Ver­gleich aber gut da. Die Fremd­mit­te­lein­wer­bun­gen konn­ten in den letz­ten fünf Jah­ren mehr als ver­dop­pelt wer­den. Erfolgs­ge­heim­nis seien neben der güns­ti­gen wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung bis 2008 die moti­vier­ten For­scher : „Die Wis­sen­schaft­ler haben sich gewal­tig ins Zeug gelegt“, so der Universitätsleiter. 

Kol­lek­tiv­ver­trag neu
Jah­re­lang gerun­gen wurde um eine Reform im Beschäf­ti­gungs­sys­tem der Uni­ver­si­tä­ten. Seit Okto­ber 2009 ist der neue Kol­lek­tiv­ver­trag schließ­lich in Kraft. Ein­ge­führt wurde damit ein Kar­rie­re­mo­dell, das dem Ten­ure-Sys­tem in den USA ähnelt. Assis­tenz­pro­fes­so­ren wer­den nach fünf Jah­ren einer Leis­tungs­eva­lu­ie­rung unter­zo­gen. Bei posi­ti­vem Aus­gang geht das Arbeits­ver­hält­nis in ein unbe­fris­te­tes über. Auf die­sem Weg soll Jung­wis­sen­schaft­lern eine gewisse Plan­bar­keit ihres Kar­rie­re­we­ges ermög­licht werden.
Kri­tik am Uni-KV kommt unter ande­rem von Rudolf Grimm, Pro­fes­sor für Expe­ri­men­tal­phy­sik an der Uni­ver­si­tät Inns­bruck und Wis­sen­schaft­ler des Jah­res 2009. Weil für die Beset­zung einer Lauf­bahn­stelle kein Beru­fungs­ver­fah­ren vor­ge­schrie­ben sei, könn­ten Per­so­nal­ent­schei­dun­gen je nach Hand­ha­bung der ein­zel­nen Uni­ver­si­tä­ten „von einer oder weni­gen Per­so­nen“ getrof­fen wer­den. „Da sind dann viel zu viele Eigen­in­ter­es­sen im Spiel, und es kommt doch wie­der zur Abhän­gig­keit“, zeigt sich Grimm besorgt. Sün­kel moniert, dass die zahl­rei­chen neuen Inhalte des Kol­lek­tiv­ver­trags, dar­un­ter etwa ein Sab­ba­ti­cal, nur schwer zu finan­zie­ren seien, zumal der Bund nur einen Teil der Kos­ten über­nimmt. „Da könnte man fast Grill­par­zer zitie­ren“, sagt Sün­kel : Öster­rei­cher, die „auf hal­ben Wegen und zu hal­ber Tat, mit hal­ben Mit­teln zau­der­haft“ streben.

Autor:
26.02.2010

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