
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Forscher der TU Wien können nunmehr Ionenpumpen mit sogenannter Click-to-Release Chemie verbinden. Bei heiklen medizinischen Behandlungen können damit nun auch größere Moleküle präzise im Körper freigesetzt werden.
Ein Medikament zur richtigen Zeit genau dort freizusetzen bzw. zu aktivieren, wo es im Körper gebraucht wird, ist oftmals ein ganz entscheidender Bestandteil in der medizinischen Behandlung. Bei manchen Medikamenten, etwa in der Krebstherapie, sollte der Wirkstoff eigentlich nur an einer bestimmten Stelle aktiv sein, trotzdem verteilt es sich im ganzen Körper : Die Erkrankung ist lokal, aber die Therapie erfolgt systemisch, räumlich und zeitlich unkontrolliert.
Forschern der TU Wien gelang nun ein wichtiger Schritt : sie kombinierten elektronische Ionenpumpen mit der sogenannten Click-to-Release-Chemie. Ionenpumpen können auf Knopfdruck kleine geladene Wirkstoffe gezielt abgeben, sind bisher aber auf relativ kleine Moleküle beschränkt. Mit der neuen Methode werden nun statt des Wirkstoffs eine Art kleine „chemische Scheren“ gepumpt, die am Zielort zuvor immobilisierte Wirkstoffe freisetzen. Dadurch lässt sich die präzise elektronische Steuerung der Ionenpumpen erstmals auch für ein deutlich breiteres Spektrum an Medikamenten nutzen.
Ganz exakte Freisetzung von Stoffen auf Knopfdruck
Mehrere Patente wurden bereits angemeldet, nun wurde die „Iontronic Click-to-Release“-Technik auch im renommierten Fachjournal „Nature Communications“ publiziert. „Wenn man einen Wirkstoff einfach schluckt oder injiziert bekommt, dann verteilt er sich im ganzen Körper. Nur ein winziger Bruchteil, manchmal nur ein Millionstel, wird dort wirksam, wo man sich die Wirkung erhofft, etwa in den Tumorzellen“, sagt Johannes Bintinger vom Institut für Angewandte Synthesechemie der TU Wien, der Leiter des Projekts.
Die im neuen Verfahren nötigen Ionenpumpen wurden an der Linköping Universität in Schweden entwickelt : kleine elektronische Geräte, die in Zukunft direkt in den Körper implantiert werden sollen, in denen eine ionenselektive Membran und angelegte elektrische Spannung dafür sorgen, dass geladene Moleküle gezielt und zeitlich präzise freigesetzt werden. Das passiert dann in direkter Umgebung des Implantats. So lässt sich die Freisetzung von Stoffen auf Knopfdruck sehr genau steuern.
Ionenpumpen nicht für jedes Molekül geeignet
Die Forscher waren aber auch mit einer Problemstellung konfrontiert : „Ionenpumpen sind leider nicht für jedes Molekül geeignet. Sie können nur elektrisch geladene Moleküle freisetzen, die eine bestimmte Maximalgröße nicht überschreiten“, erklärt Sebastian Hecko (TU Wien), Erstautor der aktuellen Publikation. Für viele wichtige Medikamente, etwa für große Proteine, funktioniert diese Methode daher nicht. „Sie sind viel zu sperrig, um durch die poröse Membran der Ionenpumpe freigesetzt zu werden“, so Bintinger.
An dieser Stelle kommt der zweite Teil der Forschungsarbeit ins Spiel. Bintinger erläutert die sogenannte „Click-to-Release Chemie“, ein Konzept aus der bioorthogonalen Chemie. Das betrifft Reaktionen, die selektiv zwischen definierten Partnern ablaufen, ohne andere Moleküle im Körper zu beeinflussen. Moleküle werden über gezielt spaltbare chemische Verknüpfungen an ein lokales Depot gebunden und bleiben zunächst immobilisiert.
Funktionale Zusammenführung zweier komplementärer Technologien
„Erst ein passendes Trigger-Molekül löst diese Bindung und setzt die Moleküle am gewünschten Ort frei. Genau dieses Prinzip nutzen wir in Kombination mit der Ionenpumpe : Statt den Wirkstoff selbst zu transportieren, wird ein kleines Trigger-Molekül gepumpt, das lokal fixierte Wirkstoff-Konjugate selektiv spaltet und so Zeitpunkt und Dosis der Freisetzung präzise steuerbar macht“, erklärt Hannes Mikula von der TU Wien.
„Wir konnten nun zeigen, dass wir mit Ionenpumpen die Freisetzung solcher Trigger-Moleküle präzise elektronisch steuern können“, sagt Sebastian Hecko. „Damit können wir genau kontrollieren, wann und wie viel Wirkstoff am Zielort freigesetzt wird. Wir haben damit zwei komplementäre Technologien funktional zusammengeführt und ihre jeweiligen Vorteile kombiniert.“
Gezielte lokale Therapie statt systemischer Belastung
Nachdem die Medikamente auf diese Weise genau am gewünschten Ort wirksam werden, können deutlich geringere Mengen ausreichen und das verringert dann auch mögliche Nebenwirkungen erheblich. Besonders relevant ist das für Patien:innen mit lokal begrenzten Erkrankungen, die heute oft dennoch systemische Chemotherapien erhalten. „Ein einziger Tropfen kann ein Vielfaches der Medikamentenmenge beinhalten, die man für eine mehrwöchige Krebstherapie braucht“, sagt Johannes Bintinger.
„Gleichzeitig hat die elektronisch steuerbare Ionenpumpe den Vorteil, dass man optimale Kontrolle über die Freisetzung hat. Manche Medikamente wirken zum Beispiel dann am besten, wenn man sie zu einer ganz bestimmten Tageszeit freisetzt. Mit der Ionenpumpe ist das kein Problem, mit anderen Verabreichungsmethoden wie Pillen oder Infusionen wäre das praktisch unmöglich“, unterstreicht Bintinger von der TU Wien.
Überführung in konkrete therapeutische Anwendungen
Die Arbeit des Forschungsteams von TU Wien, Linköping Universität und Med Uni Graz, zeigt nun anhand von Experimenten mit lebenden Zellen, dass die neue Methode hochpräzise und zuverlässig eingesetzt werden kann. Nun sollen weitere Experimente folgen, um die Technik möglichst rasch anwendungstauglich zu machen.
Das Projekt der TU Wien wurden im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon Europ der Europäischen Union gefördert. „Es gibt in der Medizin viele Anwendungsmöglichkeiten dafür. Unser Ziel ist es, diese Technologie in konkrete therapeutische Anwendungen zu überführen“, so Johannes Bintinger vom Institut für Angewandte Synthesechemie der TU Wien und Leiter des Projekts. (red/cc)