
Zurück zum Urknall
Die Moderne wird zur Antike : Studis entdecken Schwarzes Brett.
John Lennons Klassiker Imagine wäre um eine (Kata-)Strophe reicher : Man stelle sich vor, die reizüberflutete 24/7‑Highspeed-Gesellschaft ist dem Urknall nahe. Just in dem Moment, in dem kein UMTS, Internet-Breitband, HD-Satelliten-TV, Wireless LAN oder Mobiltelefonempfang existiert und das einzige Speichermedium das eigene Gehirn ist. Die Banken‑, Finanz‑, ja Weltwirtschaftskrise wäre im Vergleich dazu miniaturisiert. Von Hardcore-Verweigerern oder Online-Veganern einmal abgesehen.
Jeder fünfte Mensch ist heute online, gehört – warum auch immer – irgendeiner Community an : bloggt, chattet und wird plötzlich, Wikipedianern sei Dank, „allwissend“. Und doch ist es erschreckend zu lesen : Sieht aus wie MTV, ist aber Leben. Die grundlegende Empfehlung der Usenet-Netiquette lautet daher : „Vergessen Sie niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt!“
Völlig zu Unrecht und vorschnell hätte ich die heutigen Studis mit der Behauptung abqualifiziert, lediglich Kunstbeflissene unter Ihnen würden mit einem „Schwarzen Brett“ allenfalls Kasimir Sewerinowitsch Malewitschs „Geniestreich“ assoziieren. Dann las ich erfreulicherweise, dass lobenswerte Spezies unter ihnen an der Zeppelin-Universität am Bodensee im Rahmen des „Development Day“ die Einrichtung eines, ich wage es kaum zu sagen, Schwarzen Bretts forderten.
Internet zu unpersönlich
Nicht etwa im Intranet oder in sonstiger digitaler Form, wie dies an der Universität ansonsten zur Verbreitung von Informationen üblich ist, sondern in realer, materieller Form. Sie wünschten sich ein Schwarzes Brett an einem festen Ort, zu dem sie hingehen können, um Informationen einzuholen oder zu verbreiten. Der vermeintlich einfachere Weg über das Internet sei ihnen zu umständlich, zu unpersönlich, zu technisiert.
Gerne erinnere ich mich an den amerikanischen Medien-experten Percy H. Tannenbaum, der mir Mitte der 1980er während einer Gastprofessur, befragt nach dem Stellenwert der Zeitung, Marshall McLuhans „Das Medium ist die Botschaft“ im Ohr, augenzwinkernd goutierte : „Solange auf dem Wochenmarkt Fische in Zeitungspapier eingeschlagen werden, so lange wird es Zeitungen geben.“ Apropos : Das Essen der Astronauten aus der Tube ist genauso delikat, wie Thomas Mann im Internet zu lesen.
Ich hätte diesen Artikel wohl besser postmodern als Hörbuch abliefern sollen. Ältere Semester sollen ja angeblich dabei bügeln – und die benevolenten, juvenilen, digitalen Bohemiens, das weiß ich ganz genau, treiben Yoga dazu : auf dem Boden liegend die Hände am Körper nach vorne gestreckt, den Po in die Höhe befördert, die Beine am Kopf nach hinten angewinkelt. Aber Obacht, die Knie nicht an die Ohren pressen. Wäre schade.