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Zwei Pro­fes­so­ren auf Mis­sion Impossible

Zwei Pro­fes­so­ren an der Uni Linz wol­len aus dem CO2 der Luft Metha­nol, also Treib­stoff, gewin­nen. Und sie wol­len die Foto­syn­these der Pflan­zen imi­tie­ren. Noch ist das Uto­pie. Vor­erst wird an den Grund­la­gen geforscht. 

Sie wol­len Treib­stoff aus der Luft gewin­nen. Und zwar Metha­nol aus dem reich­lich in der Atmo­sphäre vor­han­de­nen Koh­len­di­oxid. Wenn ihnen das gelingt, wür­den sie gleich­zei­tig hel­fen, das Kli­ma­er­wär­mungs­pro­blem des Pla­ne­ten zu lösen. Das Pro­jekt, mit­hilfe von Son­nen­en­er­gie aus CO2 Metha­nol zu erzeu­gen, fir­miert in Linz unter dem Namen „Solar Fuel“.
Und sie wol­len die Arbeit von Pflan­zen imi­tie­ren. Sie wol­len mit­hilfe von Kata­ly­sa­to­ren und Son­nen­en­er­gie Was­ser spal­ten und Was­ser­stoff erzeu­gen. Die Idee fir­miert welt­weit als künst­li­che Foto­syn­these. Ser­dar Sari­çif­tçi und Gün­ther Knör, beide Pro­fes­so­ren am Insti­tut für Che­mie an der Johan­nes-Kep­ler-Uni­ver­si­tät in Linz, pla­nen das der­zeit noch Uto­pi­sche, um die Ener­gie­pro­bleme der Mensch­heit zu lösen.

Pri­vate Geldgeber
Der Ort für die Mis­sion (Im-)Possible ist äußer­lich unschein­bar : ein aus Beton gegos­se­ner Hoch­bau der spä­ten 1970er Jahre am Uni­ver­si­täts­ge­lände in Linz, längst schä­big gewor­den. Der Lift zuckelt in den ach­ten Stock. Dort arbei­ten hin­ter einer Tür mit dem Schild „Solar Fuel“ bis­lang acht Leute, wei­tere Dis­ser­tan­ten wer­den gesucht. Am ande­ren Ende des Gangs liegt das Büro von Ser­dar Sari­çif­tçi, drei Stock­werke tie­fer jenes von Gün­ther Knör.
Bezahlt wird die For­schung am uto­pi­schen Treib­stoff von einem pri­va­ten Inves­tor, der zu die­sem Zweck das Unter­neh­men Solar Fuel Tech­no­logy gegrün­det hat, an dem auch Sari­çif­tçi betei­ligt ist. „Wir sind gemein­sam auf bestimmte Ent­wick­lun­gen gesto­ßen“, sagt Sari­çif­tçi. „Aus CO2 und Was­ser wer­den wir Koh­len­was­ser­stoffe machen. Ähn­lich wie die Pflan­zen. Die machen es seit einer Mil­li­arde Jahren.“
Die Ver­knüp­fung von bahn­bre­chen­der For­schung mit pri­vat­wirt­schaft­li­chem Enga­ge­ment hat Sari­çif­tçi von sei­nem Leh­rer, Vor­bild und Men­tor gelernt – von Nobel­preis­trä­ger Alan Hee­ger. Von 1992 bis 1996 arbei­tete Sari­çif­tçi bei Hee­ger an der Uni­ver­sity of Cali­for­nia in Santa Bar­bara. Gemein­sam forsch­ten sie zu orga­ni­schen, halb­lei­ten­den Poly­me­ren – für die Ent­de­ckung der elek­tri­schen Leit­fä­hig­keit von Poly­me­ren erhiel­ten Hee­ger und seine Kol­le­gen Alan MacDi­ar­mid und Hideki Shira­kawa im Jahr 2000 den Nobel­preis für Chemie.

Ame­ri­ka­ni­scher Geist
Als Sari­çif­tçi 1996 an die Uni­ver­si­tät Linz beru­fen wurde, brachte er nicht nur sein Wis­sen über orga­ni­sche Solar­zel­len mit, son­dern auch ame­ri­ka­ni­schen Unter­neh­mer­geist. Das heißt, pro­dukt­fä­hi­ges Wis­sen mög­lichst bald in ein kom­mer­zi­el­les Spin-off aus­zu­glie­dern, eige­nes Geld in das Pro­jekt zu ste­cken und Inves­to­ren zu suchen. In einem Chris­tian-Dopp­ler-Labor ent­wi­ckel­ten er und seine Stu­die­ren­den die orga­ni­schen Solar­zel­len wei­ter. „Wir haben aus Plas­tik­werk­stof­fen ein Mate­rial ent­wi­ckelt, das einen foto­vol­ta­ischen Effekt hat, also Licht in elek­tri­schen Strom umwan­delt“, sagt Sari­çif­tçi. „Dazu mischen wir orga­ni­sche Poly­mere mit Ful­le­re­nen, gro­ßen Koh­len­stoff­mo­le­kü­len, zusammen.“
Der Vor­teil : Diese Solar­zel­len kön­nen auf rie­si­gen Druck­ma­schi­nen gedruckt wer­den. Des­halb kos­tet die Pro­duk­tion nur einen Bruch­teil im Ver­gleich zu den auf Sili­zium basie­ren­den Solar­zel­len. Die bieg­same Form ermög­licht neue Anwen­dun­gen – man kann die Solar­zel­len zusam­men­rol­len und wie eine Iso­matte zum Cam­pen mit­neh­men. Der Nach­teil : Die Halt­bar­keit ist begrenzt, und der Wir­kungs­grad ist noch gering. Die Her­stel­lung in gro­ßem Maß­stab läuft gerade in Bos­ton an.

Die Was­ser­spal­ter
Wäh­rend das Prin­zip der Foto­vol­taik, aus Son­nen­en­er­gie Strom zu gewin­nen, bereits eine eta­blierte Tech­no­lo­gie ist, arbei­tet Gün­ther Knör an einer – noch – rei­nen Uto­pie. „Wir ver­su­chen, die Son­nen­en­er­gie so zu spei­chern, wie die Pflan­zen es uns vor­ma­chen : in Form von che­mi­schen Ver­bin­dun­gen, die wir dann als Brenn­stoffe nut­zen kön­nen“, erklärt Knör. Die Pflan­zen gewin­nen ihre Ener­gie durch Foto­syn­these. Knör will die künst­li­che Foto­syn­these von Treib­stof­fen vorantreiben.
„Wir suchen nach Kata­ly­sa­to­ren, mit denen man Was­ser durch Son­nen­licht in seine Bestand­teile Was­ser­stoff und Sau­er­stoff zer­le­gen kann. Das wol­len wir ähn­lich wie die Pflan­zen direkt auf foto­che­mi­schem Weg erreichen.“
Bis­her schei­tern For­scher welt­weit noch immer am ers­ten ent­schei­den­den Schritt : der Ver­knüp­fung von zwei Sau­er­stoff­ato­men. Dazu hat Knör neue Ideen. Es ist ihm gelun­gen, künst­li­che Blatt­farb­stoffe zu ent­wi­ckeln, die Tages­licht nut­zen, um Was­ser­mo­le­küle kata­ly­tisch umzuwandeln.
Dabei ent­steht als Zwi­schen­pro­dukt Was­ser­stoff­per­oxid, das sehr leicht wei­ter in Sau­er­stoff gespal­ten wer­den kann. Mit den so frei­ge­setz­ten Elek­tro­nen und Pro­to­nen kön­nen Che­mi­ker durch Kata­lyse sola­ren Was­ser­stoff gewin­nen. „Ver­ein­facht gesagt : Wir suchen einen Stoff, den man ins Was­ser gibt, und das Was­ser teilt sich“, sagt Knör.
Auch die Arbeit, die hin­ter der Tür mit dem Schild „Solar Fuels“ pas­siert, ist Grund­la­gen­for­schung. Einer der beschrit­te­nen Wege ist es, mit Licht an Metall­ober­flä­chen gebun­dene Kata­ly­sa­to­ren zu akti­vie­ren, um einen Teil der Son­nen­en­er­gie in einer che­mi­schen Bin­dung zu spei­chern. Tech­ni­sche Details wer­den nicht ver­ra­ten. Die Kon­kur­renz schläft nicht. 

„Wir wer­den es schaffen“
Gün­ther Knör kreist seit der Dis­ser­ta­tion um sein liebs­tes For­schungs­thema, die künst­li­che Foto­syn­these. Neben­bei setzt er seine foto­che­mi­sche For­schung für die Ent­wick­lung von Krebs­the­ra­pien ein.
Wie ist es, für ein Ziel zu arbei­ten, das man viel­leicht erst in 50 Jah­ren, mit Krück­stock und grauen Haa­ren, erreicht ? „In der Grund­la­gen­for­schung muss man einen lan­gen Atem haben, bis die Zeit reif ist“, sagt Knör. „Dann explo­die­ren die Dinge. Irgend­ei­ner die­ser Gene­ra­tion wird es in den nächs­ten Jahr­zehn­ten schaffen.“
„Das wer­den wir schaf­fen“, unter­bricht Sari­çif­tçi. „Wir wer­den zei­gen, dass das keine Uto­pie ist.“

Autor:
26.06.2009

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