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Zwi­schen gro­ßem Geld und Gemeinwohl

Die USA trauen sich an die För­de­rung frü­her kli­ni­scher Pha­sen heran, Europa weni­ger. Neben dem hohen Risiko ist es vor allem die Inter­es­sen­ab­wä­gung hin­ter den For­schungs­pro­jek­ten, die als längst nicht tri­vial gilt.

800 Mio. Dol­lar kos­tet die Ent­wick­lung eines moder­nen Medi­ka­ments im Durch­schnitt. Um schließ­lich zum Pati­en­ten zu gelan­gen, müs­sen vor­kli­ni­sche und kli­ni­sche Stu­dien erfolg­reich abge­schlos­sen sein. An die zehn Jahre dau­ert dabei alleine das vor­kli­ni­sche Pro­ze­dere. Erst danach kom­men Tests an Men­schen ins Spiel.
In der ers­ten kli­ni­schen Phase wird die Sicher­heit des Medi­ka­ments über­prüft. Danach gilt es die Dosie­rung zu tes­ten, die Phase III führt schließ­lich zur Markt­ein­füh­rung des Arz­nei­mit­tels. Je näher die Zulas­sung rückt, desto umfang­rei­cher und teu­rer wer­den die Stu­dien. Wer es ein­mal in den kli­ni­schen Bereich geschafft hat, hat laut Sta­tis­tik der US Food and Drug Admi­nis­tra­tion (FDA) auch nur eine zehn­pro­zen­tige Chance, dass am Ende eine Zulas­sung her­aus­schaut. Kon­zerne wie Bayer haben lau­fend an die 50 Pro­jekte in den kli­ni­schen Pha­sen. Nahezu 50 Pro­zent der For­schungs- und Ent­wick­lungs­kos­ten der Phar­ma­un­ter­neh­men gehen hier auf.
Die Phar­ma­rie­sen flüch­ten sich vor den explo­die­ren­den Kos­ten in die Glo­ba­li­sie­rung. Die teu­ren Pha­sen II und III, bei denen vor allem Aus­ga­ben für medi­zi­ni­sches Per­so­nal anfal­len, ver­le­gen etwa US-Unter­neh­men mit Vor­liebe nach Indien oder Südamerika.

Früh­för­de­rung in den USA

Medi­ka­men­ten­ent­wick­lung fin­det frei­lich nicht nur bei Phar­ma­kon­zer­nen, son­dern auch an Uni­ver­si­tä­ten und in Kran­ken­häu­sern statt, die alle­samt auf die finan­zi­elle Hilfe von außen ange­wie­sen sind. In den USA wer­den dabei typi­scher­weise auch frühe kli­ni­sche Pha­sen geför­dert. Ten­den­zi­ell ist dies mit einem höhe­ren Risiko ver­bun­den, zumal der Wirk­stoff von sei­ner Markt­ein­füh­rung noch ein gutes Stück ent­fernt ist. Gleich­zei­tig ist auch die Phase III vor Über­ra­schun­gen nicht gefeit. Zuletzt holte sich etwa die Uni­ver­sity of Cali­for­nia in San Diego eine Finan­zie­rung der Natio­nal Insti­tu­tes of Health (NIH) über 5,4 Mio. Dol­lar ins Haus. Das Pro­jekt ist ein Phase-II-Test eines Wirk­stoffs gegen Alz­hei­mer. Finan­zie­run­gen wie diese räu­men zwar auch in den USA die Kri­tik nicht aus, dass sich die NIH lie­ber auf kurz­fris­tige Pro­jekte ver­le­gen, die mehr Sicher­heit ver­spre­chen. Für euro­päi­sche Ver­hält­nisse würde eine sol­che Finan­zie­rung zumin­dest als wich­ti­ger Schritt in die rich­tige Rich­tung gelten.
Da sich Phar­ma­kon­zerne in der Regel eher die Rosi­nen aus dem Kuchen picken und an Arz­nei­mit­teln für sel­tene Krank­hei­ten wenig Inter­esse zei­gen, gewährt der US-Staat steu­er­li­che Nach­lässe für all jene, die sich der Her­aus­for­de­rung doch stel­len. Damit haben auch Stu­dien an Unis gute Chan­cen. Wer Medi­ka­mente für Krank­hei­ten beforscht, die weni­ger als 200.000 US-Ame­ri­ka­ner betref­fen (Orphan Drug Indi­ca­tion), erhält bis zu 50 Pro­zent der Stu­di­en­kos­ten vom Finanz­amt erlas­sen sowie das Recht, das Pro­dukt sie­ben Jahre lang exklu­siv zu ver­trei­ben. Zudem wird die Zulas­sung zumin­dest admi­nis­tra­tiv etwas erleichtert.
Einen nur gerin­gen Anteil machen kli­ni­sche Stu­dien bei der Pro­jekt­ver­gabe des öster­rei­chi­schen Wis­sen­schafts­fonds FWF aus. „Das kann bei man­chen Kol­le­gen den Ein­druck erwe­cken, kli­ni­sche Stu­dien wür­den vom FWF prin­zi­pi­ell nicht unter­stützt“, schreibt die­ser zum Thema. Viel­mehr sei rich­tig, dass man sich groß ange­legte kli­ni­sche Stu­dien schlicht nicht leis­ten könne. „Viel­ver­spre­chende, klar umgrenzte“ Pro­jekte hin­ge­gen, die einen ent­spre­chen­den Neu­heits­cha­rak­ter auf­wei­sen, wür­den durch­aus in Betracht gezogen.

Weni­ger Anträge

Bei einer Ver­an­stal­tung zum 30-jäh­ri­gen Bestehen der Ethik­kom­mis­sion am All­ge­mei­nen Kran­ken­haus und der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät in Wien ver­lie­hen Medi­zi­ner ihrem Unmut über die För­de­rungs­si­tua­tion im Land Aus­druck. Es gebe so gut wie keine For­schungs­gel­der für unab­hän­gige Arz­nei­mit­tel­stu­dien, ins­be­son­dere im Grund­la­gen­be­reich, hieß es. Gerade für die­sen ist es tra­di­tio­nell beson­ders schwie­rig, Geld von Phar­ma­fir­men ein­zu­wer­ben. Ent­spre­chend sei die Zahl der nicht von­sei­ten der Wirt­schaft bezahl­ten Anträge, die bei der Ethik­kom­mis­sion in den Jah­ren 2003 bis 2008 ein­gin­gen, von 100 auf die Hälfte gefallen.
Als zusätz­li­ches Erschwer­nis, ins­be­son­dere für aka­de­mi­sche For­schung, galt zunächst auch die EU-Richt­li­nie 2001/20/EG, die für Geneh­mi­gung und Auf­sicht kli­ni­scher Stu­dien einen euro­päi­schen Stan­dard her­aus­bil­den sollte. Die Haupt­for­de­rung : Pro­jekte müs­sen einen ein­zi­gen Spon­sor haben, bei dem Ver­ant­wor­tung und Haf­tung lie­gen. Für Unis, wo im Gegen­satz zur indus­tri­el­len Medi­ka­men­ten­ent­wick­lung Finan­zie­rung und Ver­ant­wor­tung auf eine Hand­voll Part­ner ver­teilt sind, schien dies kaum umsetzbar.
Auch geht es in die­sem Bereich oft­mals um Ver­glei­che und Opti­mie­run­gen von The­ra­pien. Das vor­ge­schla­gene Rah­men­werk wäre dafür schlicht über­di­men­sio­niert. Für die bri­ti­sche Krebs­for­sche­rin Sue M. Richards scheint der Unter­schied klar : „Stu­dien der Phar­ma­in­dus­trie rich­ten sich letzt­lich am Gewinn aus, öffent­li­che am Erfolg bei den Pati­en­ten.“ Die ent­schärfte Ver­sion der Direk­tive (2005/28/EG) folgte rasch. Diese brachte unter ande­rem Erleich­te­run­gen in der Doku­men­ta­tion und die Locke­run­gen gewis­ser Details der soge­nann­ten guten kli­ni­schen Praxis.
Wie sich das neue Regel­werk auf die Anzahl der Pro­jekte aus­wirkt, ver­suchte das Bri­tish Medi­cal Jour­nal (BMJ) her­aus­zu­fin­den. So sei bei der Medi­ka­men­ten­ent­wick­lung an Unis in ganz Europa ein Rück­gang zu ver­zeich­nen. Die­ser habe jedoch bereits Anfang der 1990er Jahre ein­ge­setzt. Sonst hätte die Direk­tive in Europa keine nen­nens­wer­ten Aus­wir­kun­gen. Anders jedoch in Öster­reich. Hier soll es laut BMJ einen Ein­bruch nicht indus­tri­ell finan­zier­ter Uni­pro­jekte von 66 Pro­zent geben. Die Zahl indus­tri­ell bezahl­ter Vor­ha­ben blieb gleich. Das Fazit der Autoren : In Öster­reich habe sich das Thema der guten medi­zi­ni­schen Pra­xis ein­fach noch nicht ent­spre­chend durchgesetzt.

Autor:
27.03.2009

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