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30. August 2016

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„Meine Kinder kenne ich besser als jeder andere“

„Meine Kinder kenne ich besser als jeder andere“Bilderbox.com

Heimunterricht ist auch in den USA ein umstrittenes Konzept. Zwei Chicagoer Mütter berichten aus ihrem pädagogischen Alltag zwischen Schulbüchern ohne Gott und Ausflügen in den Zoo.

Charly weiß nichts vom 11. September. Abends wird er von seinen Eltern ausführlich zu Bett gebracht, ein Ritual in der Fa- milie, die auf „Quality Time“ mit ihrem Nachwuchs achtet. Kinder so lange wie möglich Kinder sein zu lassen, darum geht es Anita Vaughan, Mutter und Heimlehrerin ihres Filius. Ab Herbst unterrichtet sie auch Tochter Lili. Auf dem Plan stand der Unterricht zu Hause zuerst nicht. Erst als Charly sich in der Schule zu langweilen begann, überlegte sie den Schritt: „Ich dachte, ich mache das ein Jahr, und dann sehen wir weiter.“
Statistiken, wie viele Kinder in den USA von ihren Eltern unterrichtet werden, sind vage. Die letzten verfügbaren Zahlen stammen aus dem Jahr 2003 und wurden vom National Center for Education Statistics erhoben. Rund 1.096.000 Schüler sollen es da gewesen sein, stolze 29 Prozent mehr als noch im Frühjahr 1999. Experten gehen inzwischen von bis zu zwei Millionen aus.
Die Gründe für „Home Schoo- ling“ sind unterschiedlich. Vielen geht es darum, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, deren Unschuld länger zu bewahren. „Wenn ich sehe, dass ihr ein Licht aufgeht und ich es war, die es in die Wege geleitet hat, ist das wunderbar“, erzählt die Chicagoerin Julie Tobin, die ihre Tochter Maggie ebenfalls zu Hause unterrichtet. „Ich weiß, das klingt idiotisch“, schmunzelt sie.
Andere sind mit dem Niveau des öffentlichen Schulsystems unzufrieden und nehmen die Ausbildung daher selbst in die Hand. Begabte Kinder auf Eliteschulen vorzubereiten, das lässt sich im Heimunterricht, wenn entsprechend umgesetzt, für weniger teures Geld zuwege bringen. „Vor ein paar Hundert Jahren war es das Einzige, das wir kannten: Kinder lernten von ihren Eltern“, argumentiert Julie. Das öffentliche Schulsystem sei für die Bedürftigen konzipiert worden. Irgendwann sei es schließlich „der letzte Ausweg“ für Eltern gewesen, ihre Kinder in staatliche Bildungsstätten zu schicken.
Den Gedanken, ihren Kindern ein Maximum an Bildung zukommen zu lassen, verfol- gen nicht alle. Sogenannte „Unschooler“ verlassen sich bei der Wissensvermittlung auf die an- geborene Neugier der Kinder. Eingegriffen, worauf der Nachwuchs seine Neugier richten soll, wird dabei – je nach Ausrichtung – moderat bis gar nicht. Eltern kommt vielmehr die Aufgabe zu, ihre eigenen Interessen, wie spannende Bücher, mit ihren Kindern zu teilen. Lehrpläne, die alle über einen Kamm scheren, sind verpönt.
Andere wie Anita machen „Schule zu Hause“. So stand der Geschichtsunterricht für Charly das ganze Jahr über im Zei- chen des Altertums. Nun sind sie bei den Römern angelangt. Gleichaltrige lernen indes im Sachunterricht über ihre Nachbarschaft, dann den Bundes- staat und schließlich die USA. „Aber nichts darüber hinaus“, so Anita.

Religion gegen Darwin
Die öffentliche Meinung sieht in den Home Schoolern vor allem religiös Überzeugte, oft Christen, die ihre Kinder nicht der darwinschen Lehre ausset- zen wollen. Auch Gläubige an- derer Religionen ziehen es vor, zu Hause zu unterrichten, um einen vermeintlich übermächtigen Einfluss amerikanischer Jugendkultur zu unterbinden.
Als Charly mit Freunden spielt, kommt das Thema auf die Bibel. Eines der Kinder sagt, dass alles, was in der Bibel stün- de, wahr sei. Charly erinnert sich an Naturkunde und Alte Geschichte und will widersprechen. „Du kannst sagen, dass du darüber lieber nicht sprechen willst“, rät ihm seine Mutter zur Diplomatie. 75 Prozent würden ihre Kinder aus religi- ösen Gründen selbst unterrich- ten, sagt Anita. Schulbücher zu bekommen, die Gott nicht in- kludieren, sei nicht immer ganz einfach. Der Staat macht ame- rikanischen Eltern nur bedingt Vorschriften zur Ausbildung ih- rer Kinder. In zehn Bundesstaaten, darunter Illinois und die Hauptstadt Washington, können Kinder ohne zusätzliche Infor- mationspflicht einfach zu Hause behalten werden. Nur eine Handvoll, wie etwa New York und Pennsylvania, verlangt einen Nachweis von Qualifikationen. Der Rest bewegt sich irgendwo dazwischen.
Kritiker führen ins Treffen, dass Eltern ihre Kinder beim Heimunterricht vereinnahmen, ihnen dabei soziale Auffällig- keiten anzüchten. Bei einer Gruppe Chicagoer Home Schoo- ler steht das Gemeinschaftserlebnis hoch im Kurs. Sie treffen sich, darunter auch Anita und Julie, um mit ihren Schülern gemeinsam Museen und den Zoo zu besuchen. Andere nehmen für Kurse das Community College in Anspruch.
„Die Kinder anderer Leute könnte ich nicht unterrichten“, ist Julie überzeugt, „meine Kinder kenne ich besser als jeder andere.“ Maggie ist Legasthenikerin. Dass sie zu Hause unterrichtet werden würde, war für die Mutter bereits klar, als Maggie ein Jahr alt war. „Weil ich es wollte. Und die Ärzte mir sagten, ich müsste es machen.“

Ausgewählter Artikel aus dem Jahr 2008

Alexandra Riegler, Economy Ausgabe 63-09-2008, 28.09.2015