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28. Juni 2022

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Der Zahnschmelz verrät das Geschlecht

Der Zahnschmelz verrät das Geschlecht© Rebay-Salisbury_OeAW

Archäologen der Akademie der Wissenschaften entwickeln neue Methode zur Bestimmung von Geschlecht bei bestatteten Kindern. Untersuchungen auf frühbronzezeitlichem Gräberfeld zeigen auch neue Erkenntnisse beim Thema Identität im Familienverbund.

(red/mich) Ein Team von WissenschaftlerInnen vom Archiologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Katharina Rebay-Salisbury hat soeben nachgewiesen, dass Kinder schon in der frühen Bronzezeit entsprechend ihres biologischen Geschlechts bestattet wurden. Die strenge binäre Geschlechterideologie, die Menschen in männlich und weiblich einteilte, galt also auch für Kinder, wie die Forscher nun auch im Journal of Archaeological Sciences berichten.

Frauen hatten mehr Spielraum
Es gibt aber auch Ausnahmen, wie der Fund eines bestatteten Mädchens in einer männertypischen Körperhaltung und Ausrichtung zeigt. „Frauen hatten möglicherweise etwas mehr Spielraum, um Geschlechtergrenzen zu überschreiten und ihr Geschlecht im Verlauf ihres späteren Lebens zu ändern“, erläutert Rebay-Salisbury. Dies korreliere auch mit den Zahlen bei Erwachsenen, wo sich bei zwei bis vier Prozent der Bestatteten zeigt, dass sie nicht ihres biologischen Geschlechts gemäß beigesetzt wurden. „Auch hier ist das überwiegend bei Frauen der Fall“, so die OeAW-Forscherin.

Die Untersuchung fand am Grabungsfeld Franzhausen I im Bezirk St. Pölten (Niederösterreich) statt, eines der größten frühbronzezeitlichen (2200-1600 v. Chr.) Gräberfelder in Europa. Konkret wurde das Geschlecht von 70 Kindern unter 12 Jahren identifiziert und mit geschlechtsspezifischen Bestattungspraktiken verglichen, wie sie bei Erwachsenen gelten. Frauen wurden in Hockerlage auf der rechten Körperseite liegend bestattet, mit dem Kopf nach Süden, Männer auf der linken Körperseite mit dem Kopf nach Norden.

Zahnschmelz verrät biologisches Geschlecht
Bisher war es schwierig, das Geschlecht bei bestatteten Kindern festzustellen, weil sich erst nach der Pubertät die Skelettmorphologie ausbildet. Vorhandene DNA-Analysen sind kostenintensiv und vom Erhaltungszustand der Knochen abhängig. Das Team von Rebay-Salisbury (im Verbund mit Institut für Analytische Chemie Uni Wien und Gerichtsmedizin Med-Uni Wien) setzt nun auf die Identifizierung geschlechtsspezifischer Peptide im Zahnschmelz durch Nano-Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (nanoLC-MS/MS). Peptide im Zahnschmelz erhalten sich wesentlich besser als DNA in Knochen.

„Diese neue Methode hat das Potenzial, die Anthropologie und Archäologie der Kindheit zu verändern, da geschlechtsspezifische Morbidität und Mortalität, Ernährung und Behandlung von Kindern nun in großem Umfang untersucht werden können“, unterstreicht Rebay-Salisbury. Weitere Forschungen in der Geschlechterarchäologie sollen nun mit Hilfe der neuen peptidbasierten Methode der Geschlechtsbestimmung Erkenntnisse bringen, wie Männer und Frauen in der Vergangenheit zusammenlebten und miteinander in Beziehung standen.

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red/mich, Economy Ausgabe Webartikel, 08.02.2022