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27. März 2017

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Die Grammatik der Bewegung

Die Grammatik der Bewegung(C) wikimedia

Gebärdensprache verfügt wie Lautsprache über eine komplexe und differenzierte Struktur. Man muss sie nur sehen, erkennen und zuordnen können. Eine Klagenfurter Forschergruppe erarbeitet mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF Elemente einer Grammatik der Gebärdensprache.

Es ist die Sprache, die "Homo sapiens" vom Tier unterscheidet – ein komplex aufgebautes System, in dem sich kleinere zu größeren Einheiten verbinden, zu Sätzen, zu Aussagen. Sie wird gesprochen, sie wird geschrieben – und sie wird gebärdet. "In der Gebärdensprache", sagt Franz Dotter, "finden wir alle Erscheinungen, die wir aus gesprochenen Sprachen kennen, eben nur visuell ausgedrückt." Sie sei kein Hilfskonstrukt, vielmehr eine vollwertige Sprache, ein vielschichtiges Mittel der Kommunikation.
Und doch ist sie in manchen Bereichen schlichtweg "terra incognita". Wie, zum Beispiel, wird in Gebärde betont? Wie erfolgen Segmentierung und Strukturierung von Texten, wenn die Instrumente der Tonhöhe, des Stimmfalls, der Lautstärke nicht zur Verfügung stehen? "Durch Pausen", so Dotter, "durch Pausen und durch bewusste Hinweise (Anzeiger), wie Blinzeln, durch Haltung der Handflächen, durch Bewegungsveränderungen, Blicke, Kopf- und Körperbewegungen."

Gestik und Gebärdensprache als evolutionärer Nachbar
Das ist der Kern des vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Projekts "Segmentation und Strukturierung von Texten in Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS)", das Franz Dotter am Zentrum für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt leitet. Es bestimmt mithilfe zweier Methoden zur Ermittlung und Analyse manuelle und nicht-manuelle Elemente in gebärdeten Texten. "Wir haben ÖGS-Muttersprachler wie auch Personen ohne ÖGS-Kompetenz angewiesen, gebärdete Texte zu segmentieren und die Anzeiger anzugeben." Dabei zeigte sich, dass gerade Anzeiger, die mit der Hand vollführt werden und auch Pausen von beiden Gruppen erkannt werden, von Personen, die der Gebärde nicht mächtig sind, immerhin zu 40 Prozent.
Anders verhält es sich bei nicht-manuellen Anzeigern, wie Blicken, Kopf- und Körperbewegung, die fast ausschließlich von der Gruppe der Muttersprachler verstanden werden. "Gebärdensprachen sind immer schon ein Mittel der Kommunikation gewesen; sogar für hörende Menschen", so Dotter, "das wissen wir aus Australien wie aus Amerika, wo sie für ein Tabu, für etwas, das nicht in gesprochene Worte gefasst werden durfte, eingesetzt wurde, wie auch zur Kommunikation zwischen verschiedenen Stämmen."
Die Gestik, welche gesprochene Sprachen begleitet, ist in gewissem Sinn ein evolutionärer "Nachbar" der Gebärdensprachen: Ihre Hand- und Körperbewegungen sind wie die Mimik als sogenannte "Körpersprache" überall vorhanden. Die spazierenden Finger über dem Handrücken, die dem Gegenüber unauffällig den baldigen Aufbruch andeuten, die Geste des Fingers an den Lippen, das Wischen und Wedeln, das Dirigieren, unbewusst mit dem Akt des Sprechens einhergeht – all das sind sprach- und kulturübergreifende Ausdrucksformen.

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red/cc, Economy Ausgabe Webausgabe, 28.02.2017