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10. April 2021

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Der Entrepreneur für Generationen

Der Entrepreneur für Generationen© czaak/economy

Betrachtet man als österreichischer Bürger und Unternehmer vergleichsweise die Entwicklung von Niederösterreich, so möchte man sich Erwin Pröll als Vorstandschef der Österreich AG wünschen und nicht als Aufsichtsratspräsident. Und aus niederösterreichischer Sicht soll er bitte bleiben wo er ist.

Ein Kommentar von Christian Czaak. Recherchen bei Statistik Austria, bei WIFO und beim IHS sowie die eigene Begleitung der standortpolitischen Aktivitäten von Bund und Ländern seit 1999 zeigen, dass Niederösterreich bei allen relevanten Standort-Faktoren unangefochtener Spitzenreiter ist und dabei auch den Bund mehrheitlich hinter sich lässt (siehe Bericht „Der Klassenprimus“).

Niederösterreich ist anders
Erwin Pröll, geboren 1946 im Weinviertel und promovierter Agrarökonom der Uni für Bodenkultur tritt im März 1980 als Landesrat in die NOe-Landesregierung ein. 1981, vor nunmehr 35 Jahren folgt die Ernennung als stv. Landeshauptmann und im Oktober 1992 übernimmt er die alleinige Leitung der Niederösterreich AG. Vom Start weg engagiert er sich für die Themen Bildung, Wissenschaft und Innovation ebenso wie für das persönliche Lebensumfeld junger wie älterer Generationen.
Pröll forciert dabei bereits als junger Landesrat Umweltthemen und fordert etwa eine eigene Abgabe auf umweltbelastende Treibhausgase wie Kohlendioxid (CO2). Lange vor der Bundespolitik führt er in Niederösterreich eigene Schulmodelle ein wie beispielsweise die Schülerhöchstzahl von 25 Kindern pro Klasse oder ein eigenes Pflegemodell zur Betreuung hilfsbedürftiger Menschen.
Ausgehend von seiner Überzeugung, scheut er bei diesen Aktivitäten von Beginn weg keine Konflikte. Sein Plan der Handymastensteuer etwa sorgt für europaweite Aufregung bis hin zur seinerzeitigen EU-Kommissarin Viviane Reding und mündet schließlich in einer für Niederösterreich akzeptablen Einigung mit den Mobilfunkbetreibern.

Unbeugsam gegen Widerstand
Spricht man aktuell mit dem Landeschef über wesentliche Erfahrungen aus all diesen Jahren, dann zeigt sich auch bei Mimik und Körpersprache eine spürbare Überzeugung und Haltung mit einem möglicherweise nur schwer verrückbaren Antrieb. Der nachweisbare Erfolg gibt ihm aber eindrucksvoll Recht. Das zeigt sich vom Startschuss der Donau Uni Krems 1987 als Nukleus für alle weiteren bildungs- und forschungspolitischen Maßnahmen über die landesweite Forschungsachse der Technopol-Zentren bis hin zum Institut of Science and Technology Austria (ISTA) in Klosterneuburg und dem internationalen Krebs-Zentrum MedAustron in Wiener Neustadt.
Insbesondere ISTA und MedAustron bestätigen dabei den unbeugsamen Umsetzer Erwin Pröll. Das ISTA wurde gegen erbittertsten Widerstand von bundesweiter Forschungselite und Politik 2009 eröffnet - und aktuell stellt nun bereits die zweite internationale Evaluierung Bestnoten aus. Am Institut arbeiten Nobelpreisträger, und mehr als 1.000 regelmäßige internationale Bewerbungen sowie aktuell 36 (!) ERC-Grants (European Research Council) bestätigen den weltweit führenden Rang als (österreichische) Forschungsinstitution.
Auch das MedAustron, ebenso bereits Modell-Einrichtung von Weltrang, wurde gegen massive bundespolitische Sparwiderstände erfolgreich verteidigt und dabei setzte sich Pröll sowohl gegen Parteikollegen und damaligen Wissenschaftsminister Hahn wie auch gegenüber dem damaligen Bundeskanzler Faymann in der Wahrung der NOe-Landesinteressen durch. Aktuell spricht Pröll immer noch von damaligen „großen persönlichen Anfeindungen“ aber auch „vom unerschütterlichen Glauben daran“ und „von einer unglaublichen Genugtuung durch die Erfolge“ - und letztlich auch versöhnlich, „weil jemand, der einen Schritt in eine ungewisse Zukunft tut, viele Fragezeichen um sich hat“ (siehe Interview „Ich habe einfach daran geglaubt“).

Außeneinschätzung und Realverantwortung
In der öffentlichen Wahrnehmung und bei Journalisten polarisiert der Landeshauptmann. Eric Frey, Journalist beim Standard macht er sogar „Angst - er ist ein charismatischer, aber willkürlicher, autoritärer und nachtragender Machtmensch, der glaubt, dass sein Wille Gesetz ist“. Und Peter Rabl schrieb seinerzeit beim Kurier: „Pröll führt das Land mit starker, gelegentlich brutaler Hand, aber sehr erfolgreich mit großer persönlicher Offenheit und Breite“.
Aus der Sicht behaglicher Wiener Redakteursstuben mag das alles nachvollziehbar sein und der Landeshauptmann mag dabei ruhig auch ein Machtmensch sein. Er muss letztendlich dafür gerade stehen. Als Chef des größten österreichischen Bundeslandes hat er Verantwortung für rund 1,6 Millionen Menschen und 90.000 Betriebe mit 800.000 Erwerbstätigen in einem zunehmend rauen und wettbewerbsintensiven Umfeld der internationalen Standort-Politik.

Augen zu und durch
Neben all diesen Charakterzügen hat Erwin Pröll auch Humor und dabei nimmt er die eigene Person nicht aus. In seinem Büro hängen zwei bezeichnende Fotos. Eines zeigt eine Zeichnung des Kurier-Karikaturisten Michael Pammetsberger: Darauf steckt Erwin Pröll pinkelnd die Landesgrenzen von Niederösterreich ab und zwei in der Mitte stehende Bundespolitiker meinen sinngemäß: „Der kann aber lang.“
Und das zweite, charakterlich weitaus stimmigere Bild zeigt ihn als Skispringer hoch in der Luft - die Augen zu und ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Dieses Lächeln bestätigt die erfolgreiche Bewältigung seiner individuellen Antriebskraft als Ergebnis einer intensiven persönlichen Auseinandersetzung mit den eigenen Ansprüchen. Eventuell wusste er aber nur, dass er fotografiert wird. Aber auch das wäre dann zumindest klug und professionell.
Die überwiegende Mehrheit seiner Kritiker und Kommentatoren will, beziehungsweise kann möglicherweise aber einfach seinem Blick über den Tellerrand Österreichs hinaus nicht auf Augenhöhe folgen. Das zeigt auch eine Aussage der Moderatorin der NOe-Wissenschaftsgala, Barbara Stöckl: Auf die Frage was sich Erwin Pröll noch für den Forschungs-Standort Niederösterreich wünsche, antwortete dieser überzeugt: „Einen Nobelpreisträger der aus Niederösterreich kommt.“ Darauf die langjährige Leiterin zahlreichreicher ORF-Wissenschafts-Formate: „Oohhch.“ „Wie süß“ hat noch gefehlt.

Links

Christian Czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 25.10.2016