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23. Mai 2018

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„Ich würge ihn bis er ohnmächtig ist.“

„Ich würge ihn bis er ohnmächtig ist.“DerStandard.at hat das weitaus größte User-Forum in Österreich, deren proaktive Einbindung ist zentrale Marktstrategie. © DerStandard.at

Das früher weitgehend sachlich informative Online-Forum der Qualitätszeitung Der Standard verkommt zu einer Gosse an vulgärer Niedertracht, provokanter Dummheit und (gesellschafts)politischer Drohbotschaften.

Ein Kommentar von Christian Czaak. Bis vor rund drei Jahren erhielten Texte von Standard-Edelfedern wie RAU (Hans Rauscher), Eric Frey, Tom Mayer, Michi Völker, Karl „Sir Charles“ Fluch, Christian Hackl, von Recherchemeistern wie Olga Kronsteiner und Harald Fidler oder auch von Kreuzritterinnen wie Irene Brickner und Christa Minkin im Schnitt 50 Postings (vulgo Leserkommentare), einzelne Aufregerthemen bis zu rund 150.

Inhaltszentrierte Gemeinschaft
Ein Großteil dieser Kommentare ergänzte den Text mit wissenswerten Inhalten, mit argumentierter Kritik, mit humorvollen Sichtweisen, mit lesensmöglichen Verschwörungstheorien oder manchmal auch mit leicht bösen, jedoch ebenso argumentierten Bemerkungen. Die Mehrheit dieser Kommentare wertete den zugrundeliegenden Bericht zusätzlich auf und regte zur Mitkommentierung an. Persönliche Unter- oder Angriffigkeiten gegenüber Autoren oder anderen Mitpostern gab es so gut wie keine. Und Autoren wie RAU oder Kronsteiner argumentierten oftmals direkt im Forum mit ihren Lesern und erzeugten so eine primär sachliche und inhaltszentrierte Community (Gemeinschaft).

Reichweiten-Offensive über Social Media Plattformen
Ungefähr zum Jahreswechsel 2014/2015 startete Der Standard dann eine wahrscheinlich reichweitenbedingte Offensive mittels verstärkter Auftritte auf Facebook und Twitter, ein Kanal auf WhatsApp folgte. DerStandard.at finanziert sich primär über Werbung und dafür zählen Zugriffe. Grundsätzlich funktioniert diese Strategie. Anfang Herbst 2014 zählte die Österreichische Webanalyse (ÖWA) rund 3,6 Mio. Unique Clients (einzelne „Maschinen“ bzw. Besucher) und 18,3 Mio. Visits (Zugriffe gesamt) und aktuell (Jänner 2018) weißt die ÖWA nun rund 6,4 Mio. Clients und 32,2 Mio. Visits aus – knapp eine Verdoppelung in dreienhalb Jahren.

Das medienübergreifende Problem mit Wut- und Hasspostern
Die Schattenseite dieser rein auf Reichweite und Frequenz abzielenden Sozial-Media-Strategie zeigt sich nun jedoch zunehmend bei der explodierenden Anzahl widerlicher Posting-Kommentare mit entsprechenden Rückschlüssen auf die Demografie dieser User. Im nicht publizierten Vorgespräch anlässlich eines Interviews mit economy sprach Hans Rauscher von der generell medienübergreifenden Problematik mit Wut- und Hasspostern.

Diskrepanz zwischen Qualität und Quantität
Die zunehmende Diskrepanz zwischen der Positionierung als (inhaltliches) Qualitätsmedium versus Strategie und primärer Unterordnung zugunsten Quantität mittels verstärkter Einbindung sogenannter Sozialer Medien mit einer systemimmanenten Verrohung zumindest eines Teils der Leserschaft spiegelt sich denn auch direkt im Forum wieder. Einige Berichte zu partei- oder „aufregenden“ gesellschaftspolitischen Themen bekommen nunmehr über tausend Kommentare, mehrere Live-Berichte zu „Talk im Hangar“ (Servus TV), Puls4-Sendungen oder zu „Pro und Contra“ (ORF) halten aktuell bei über 28.000 Postings.

„Es ist widerlich“ und andere originale Wortspenden
Im Posting-Dialog zum Bericht: „Doppelmord in der Steiermark“ schreibt etwa User „Bessermacher“: „Es werden keine Namen genannt. Da ist sicher was dahinter. Die haben eine andere Kultur, die gehören einfach nicht zu uns.“ User „Masel tov“ versucht gegen zu steuern: „Es ist widerlich, dass Poster hier ein Drama verwenden um ihre "politischen Witze" zu machen. Schämt euch, schämt euch in Grund und Boden!“

„Wenn das der Spiegel der Gesellschaft ist, dann sind wir im Arsch!“
Worauf User „Mörönö“ antwortet: „Schämet euch, ihr Sünder, so spreche ich zu euch, den ich bins, der Reine, der wahrhaft Göttliche!
Nur eines ist noch widerlicher, nämlich allen reindrücken zu wollen, dass wir hier in einer Aufbahrungshalle wären und die Händchen zu falten hätten, weil alles so traurig wäre.“ User „Yojimbo“ dazu: „Wenn ich mir die Kommentare hier so durchlese ... und das der Spiegel der Gesellschaft ist, dann sind wir im Arsch!“

„Und gusch du Neidprolo!“
Passend zum „Arsch“ schreibt User „Günter Alaba“ zum Bericht „Erfahrungen mit Türstehern“: „Wenn ein Türsteher frech ist hau ich ihm eine runter. Entschuldigt er sich danach für seine frechheiten nicht würge ich in der regel so lange bis er ohnmächtig wird. So läuft das bei uns im Milieu.“ „Alaba“ weiters beim Bericht „Unbezahlte Überstunden“ zu einem sachlichen Vorposter: „Und gusch du Neidprolo!“ (11 „grüne“ Beifallsbekundungen). Ich selbst ernte im Rahmen einer sachlichen (juristischen) Erörterung zum Bericht „Erster Erfolg Wolf gegen Strache“ zuerst ein „Verzapfen Sie nicht so einen Blödsinn, das ist gefährlich“ und schließlich ein „Hoids zsamm Oida!“

Langjährige Poster resignieren und verlassen das Forum
Neben argumentativen Versuchen einiger, mehrheitlich weiblicher Poster gegen auffällige Äußerungen zeigen auch langjährige robustere Kommentatoren erste Resignationserscheinungen. (Viel)Poster „Heinz Anderle“ im Forum zum Bericht „FPÖ-Angriffe auf ORF“: „Ab auf die Blutwiese! Für Memmen und Mimimis, Hans- und Leberwürste, Kläffer und Wadelbeißer irgendwo zwischen Einzellerfallgrube und Weltverbesserungsanstalt fehlen mir inzwischen Geduld und Verständnis. Tögelts euch meinetwegen mit dem Biermops, aber laßts mich in Ruah!“

Einzelne Ausrutscher oder kontinuierliche Entwicklung
„ikepod“ antwortet bei gleichem Bericht einem Vorposter: „du bist ein Depp ... Weit weg von der Realität.“ Und „Mike Freeman“ ergänzt: „Na- Du kofferst Dich auch ganz ordentlich durchs Volle.“ Beide bekommen über 30x „grün“ als Zustimmung. Schließlich noch Poster „Guido Quiller“ mit „Die Hasshasser sollen sich hier auch mal ordentlich Buße tun. Endlich sagt das mal wer hier! Hell ya!“
Jetzt kann man einwenden bei zig-tausenden Postings pro Tag sind das nur einzelne Ausrutscher und es gibt zudem nach jedem einzelnen Kommentar eine Meldefunktion für sitten- oder gesetzeswidrige Ausführungen. Fakt ist aber, als vom Start 1995 weg mehrmals täglicher User sowie als Publizist und nach Einholung mehrer Sichtweisen anderer Standard-User und Medienkollegen: „ältere“ Poster resignieren tatsächlich ob des zunehmenden Mobs und einige haben zumindest das Standard-Forum bereits verlassen.

Notwendiges Gegensteuern
Vielleicht sollte derStandard.at seine Foren wieder stärker moderieren oder das Posting von User „Dunkler Lord“ lesen. Zum Bericht „Shitstorm gegen News-Chefredakteure“ schreibt er: „Wenn ihr Facebook habt könnt Ihr ausser euren FReunden auch noch gewisse ABO'S machen also zb. Standard Artikel (... erscheint dann in meiner NEwsfeed) oder ein Krone ... und NEWSAbo (es gehen auch mehrere Abos). DAS kann dann durchaus zu einer einseitigen MEinung beitragen wenn man nur wenige Abos hat...ABER: die Kommentare UNTER den geposteten Artikeln sind NICHT und Können auch NICHT gefiltert werden!! Der ERSTELLER könnte Kommentare löschen ... doch die meisten tun das nicht weil es zu aufwendig wäre.“ (Anm. Original-Schreibweise).

Totalitarismus und Antisemitismus und Faschismus
Mein Lieblingsonlinemedium könnte sich aber auch wieder an seine Vorreiterrolle erinnern (inhaltlich wie technisch) und etwa das auf etat.at publizierte Erkennungsprogramm von Hass-Tweets anschaffen. User „New Yersey“ schreibt dazu: „Wie in einem düsteren Zukunftsroman. Weit haben wir es gebracht. Was werden wir unseren Kindern sagen, wenn sie uns fragen warum wir nichts gegen den Faschismus unternommen haben?“
Bezogen auf die angeführten Entwicklungen fehlt hier neben „Faschismus“ noch Totalitarismus und Antisemitismus – was primär einmal gesellschaftliche Tendenzen betrifft und nur teilweise die Politik. Als Basis des demokratiepolitischen Diskurses hat ein relevantes Medium hier Verantwortung, parallel zu legitimen privatwirtschaftlichen und marktpolitischen Erfordernissen.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 26.02.2018