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28. März 2020

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„Man lebt das Leben vorwärts und versteht es rückwärts“

Die Unternehmerin und Gründerin Gabriele Lang im zweiten Teil des economy-Gesprächs über ambivalente Erlebnisse mit Förderinstitutionen, die männlich dominierte Investorenbranche und Durchhaltevermögen als (mit)entscheidenden Faktor für die Etablierung ihrer Unternehmen.

Bild 1: „Sie sind anders, aber es hilft“, erinnert sich Gabriele Lang an ihre ersten Beurteilungen.
Bild 2: „Unternehmen wie auch die Verwaltung investieren Millionen in tolle Innovationsprozesse und verlieren Millionen durch Reibungsverluste und Konflikte“, unterstreicht Lang ihre langjährigen Erfahrungen.
Bild 3: „Ich gebe mein Wissen aus Psychologie, Wirtschaft und Systemik in einer einfachen, kostengünstigen und betriebswirtschaftlich messbaren Form weiter“, fasst Lang Innovation und Nutzen ihres neuen Unternehmens bzw. die Dienstleistungen zusammen.
Foto-Credit/s: Andreas Urban

Economy: UP’N’CHANGE ist der Name Ihres StartUps, einer internetbasierten Plattform und damit ein digitales Geschäftsmodell. Was ist unternehmerische Idee und Strategie dahinter?

Gabriele Lang: Unternehmen sind auf nachhaltigen Erfolg und Innovation angewiesen. Sie investieren Millionen, um tolle Innovationsprozesse aufzubauen, verlieren aber Millionen durch Reibungsverluste und Konflikte.
Hier setzen wir an. Unsere Vision ist der einfache Zugang zu Hilfe und Unterstützung für jeden Menschen bei Stress im Arbeitsleben.
UP’N’CHANGE bietet diese Hilfe in Form digitaler Tools.
Diese digiTools werden mittels digitaler Entscheidungsbäume, hinter denen ausgeklügelte Algorithmen stehen, dargestellt. Weiters werden Typologien gezielt zum Entwickeln eingesetzt.
Werkzeuge bzw. Tools wie Techniken wurden am Markt oftmals analog getestet, funktionieren mit wenigen manuellen Eingriffen und werden bei easyCoaching in der Prozesskette um eine emotionale Abholung erweitert.

Economy: Sie waren viele Jahre im Management großer Unternehmen wie CocaCola oder Mondi, dann der Wechsel in die Beratung zu Egon Zehnder – und 2010 dann der „Sprung“ in die unternehmerische Selbstständigkeit. Warum?

Lang: Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, noch weitere 20 Jahre nur Führungskräfte zu rekrutieren oder zu evaluieren.
Der zweite Grund war, dass mir die Leute gesagt haben, ich bin anders, aber es hilft. Bei Zehnder war ich damals die erste weibliche Beraterin und noch dazu Psychologin. Also einfach anders.
Als Jungunternehmerin war natürlich anfänglich noch Angst und Unsicherheit vorhanden: was ist, wenn ich krank werde, wenn ich ein Kind habe?
Und Selbständigkeit ist in Österreich nicht unbedingt nur positiv besetzt.

Economy: Warum?

Lang: Na ja, man denkt sich oft der Grund für Selbständigkeit ist, keinen Job gefunden zu haben. Der oder die ist jetzt 40+, findet eben keinen Job und macht sich deshalb selbständig. Das war bei mir aber eben nicht der Fall.
Final reifte Entscheidung und Sicherheit selbständige Unternehmerin zu werden und dann habe ich es einfach Schritt für Schritt umgesetzt.

Economy: Was waren die prägendsten Erfahrungen?

Lang: Es ist schon ein Risiko. Man beginnt nicht bei null, sondern etwa nötige Finanzierungen miteinbindend, bei minus zehn.
Bei mir kam dann noch die familiäre Vereinbarkeit dazu, denn parallel mit der Gründung bin ich auch Mutter geworden. Man muss sich dann schon mit seinen Ängsten gründlich auseinandersetzen.
Man lebt das Leben vorwärts und versteht es rückwärts. Sehr positiv ist der Freiraum selbständig zu gestalten und die Freude bei Projekten die positiven Veränderungen zu erleben und letztlich ja auch zu verantworten.
Ich glaub‘, ich kann von außen mehr tun als von innen, da hätte ich mit so vielen Dingen zu kämpfen. Und bis heute hab‘ ich es keinen Moment lang bereut.

Economy: Stichwort Finanzierung. Wie ist es Ihnen da als Jungunternehmerin gegangen?

Lang: Durchwachsen. Jeder in Österreich erzählt, wie gut man als StartUp gefördert wird, vor allem als Frau und im digitalen Bereich.
Ich habe es anders erlebt. Man ist lange alleine auf dem Weg.
Seedinvestment (Anm. Gründungsfinanzierung) ist in Österreich immer noch ein Fremdwort. Noch dazu in meinem Themenbereich. Emotionale Intelligenz und Kreativität ist sowie schon einmal vor allem für Männer spooky.
Es gibt viele Förder- und Finanzierungsinstitutionen, die meisten wollen aber Sicherheiten und vergleichen etwa emotionale Themen mit kreativen Bereichen wie Design oder Architektur. Also Äpfel mit Birnen.
Viele beurteilten mein Projekt als spannend, empfahlen mir aber einmal zu starten, Umsätze zu machen und dann nochmal zu kommen. So unter dem Motto, „wir haben unseren Fuß in ihrer Tür.“
Aber Hilfe hätte ich in der Entwicklung und jetzt am Start benötigt, nicht wenn das Ding schon rund läuft.

Economy: Hatten Sie auch Kontakt zu öffentlichen Finanzierungseinrichtungen wie AWS oder FFG?

Lang: Natürlich. Wir waren überall, von diesen Institutionen über die Wiener Wirtschaftsagentur bis hin zu Fördermessen und Förder-Cockpit und haben uns absolut professionell vorbereitet, auch mit externen Spezialisten.
Banken wurden natürlich ebenso besucht. Deren Feedback war besonders interessant mit: Wir investieren generell nicht in digitale Projekte. Übersetzt: wir wollen das nicht riskieren.

Economy: Das ist allerdings eine interessante Aussage. Wie wirkt sich so eine Reaktion auf die Motivation aus?

Lang: Das ist schon frustrierend, vor allem das Verhalten einiger öffentlicher Förderinstitutionen nach wochenlangem Ausfüllen von Förderanträgen.
In Wien gab es auf einen unserer Anträge null schriftliche Reaktion, etwa bei der Wiener Wirtschaftsagentur erst auf telefonische Nachfrage. Wissen Sie, wie emotional das ist, wenn Sie das Geld wirklich benötigen?
Zumindest einen tollen Ansprechpartner mit fundiertem Feedback gab es bei der AWS im Rahmen unserer Einreichung bei AWS-Impulse-Call, vor allem Frau Waltraud Weikl.
Dort waren wir aber mit Themenbereichen wie Design und Architektur in einem Topf, und es gab leider trotz gutem Feedback eine Absage, da andere Projekte bei der dortigen Jury mehr Punkte bekamen. Knapp daneben ist eben auch daneben.

Economy: Gab es auch Kontakt mit privaten Investoren?

Lang: Ja, ebenso mit denkwürdigem Feedback. Erst kürzlich bei der Veranstaltung „Zukunft.Frauen“ in Kooperation mit der Industriellenvereinigung meinte der bekannte Investor Michael Altrichter, dass er sich schon frage, warum ein StartUp keine öffentlichen Förderungen erhält.
So auf die Art: da muss was nicht stimmen. Dazu erwarte er, dass Gründer sich zeitlich maximal auf das StartUp fokussieren. Spannende Aussagen, vor allem für working mums.
Ich halte es zudem für bedenklich, dass die Zielgruppe für StartUps oftmals auf 20 bis 30-Jährige und Technologie fokussiert wird. Und dann wundert man sich, warum so wenige Frauen gründen.

Economy: Wiederum nicht sehr motivierend und das bei all dem bekannten Aufwand für Finanzierungseinreichungen…

Lang: … Das generelle Problem ist die oftmals fehlende Kompetenz der richtigen Einordnung. Bei meinen Inhalten trifft der sprichwörtliche Vergleich zwischen Äpfel und Birnen zu.
Und all diese Erfahrungen im Kontext mit einem enormen Aufwand. Wir sind zu zweit vier Wochen Tag und Nacht bei Business-Plänen, Stärken-Schwächen-Analysen und Förder-Anträgen gesessen, haben uns externe Förderberater dazu geholt.
In Summe sehr frustrierend und anfänglich auch mit Selbstzweifel verbunden, da braucht es schon ein starkes Durchhaltevermögen.
Förderungen im Bereich der emotionalen Intelligenz würde ich mir wünschen. Das mache ich dann, wenn unser Unternehmen etabliert ist (lacht).

Economy: Eigentlich traurig und unverständlich. Sie haben langjährige Managementexpertise in Bereichen wie Marketing, Vertrieb und Mitarbeiterentwicklung und führen ja schon 10 Jahre erfolgreich ein Unternehmen. Wie haben Sie dann die aktuelle Neugründung geschafft?

Lang: Dank des privaten Investors Peter Czabala. Und letztlich auch dank eines tollen Teams, das teilweise selber investiert hat (Anm. SweatEquity). Dafür bin ich auch sehr dankbar.
Zusammenhängend braucht sich auch niemand zu fragen, warum es so wenig weibliche Gründerinnen gibt. Die Investoren- und Förderszene ist aus meiner Sicht primär männlich dominiert.
Wenn man Mutter ist, bereits ein Unternehmen hat und dann noch ein zweites stemmt in einem Bereich, der grundsätzlich einmal nicht etabliert ist, dann passt man scheinbar nirgendwo dazu.
Jetzt haben wir uns aber wieder beworben für den Female-Founders-Accelerator, da warten wir noch auf Feedback.

Economy: Wie ist jetzt der weitere Plan mit dem neuen Unternehmen?

Lang: Wir haben viele Pläne. Aber step by step. Momentan liegt der Fokus auf dem Vertrieb und die Plattform UP’N’CHANGE bekannter zu machen. Dazu dienen auch die ersten Referenzbeispiele mit einer Beurteilung unserer NutzerInnen bzw. Kunden.
In der Schublade liegen drei weitere fix und fertige digi-Tools – etwa, wenn jemand unser erstes vorhandenes Tool genutzt hat und dann weiter machen möchte.
Dazu gibt es Verhandlungen mit weiteren Investoren.

Economy: Was wären oder sind dann weitere Schritte?

Lang: Als nächstes der Aufbau eines Marktplatzes. Es gibt viele gut dazu passende Projekte und Services, insbesondere auch von Frauen initiiert und die wollen wir hier kooperativ einbauen.
Thematische Spange ist dabei Unterstützung für Körper, Geist und Seele - eben wissend auch von den immer aktueller werdenden psychosomatischen Zusammenhängen in der modernen Arbeitswelt.
Und als weiteren Punkt dann noch das Thema Internationalisierung mit mehrsprachigen Anboten.

Economy: Wenn Sie jetzt nochmal Innovation und Nutzen des neuen Unternehmens bzw. sein Produkt zusammenfassen, wie würde das lauten?

Lang: Jeder der möchte, hat einfachen Zugang zu Hilfe und Unterstützung bei Stillstand und Konflikten. Ich habe meine langjährigen Erfahrungen im Bereich Executive-Coaching digitalisiert und gebe dieses Wissen aus Psychologie, Wirtschaft und Systemik kondensiert in einer einfachen und kostengünstigen Form weiter, den digiTools.
Analog wäre das vergleichsweise weitaus aufwendiger und entsprechend schwierig. Das ist die Idee für die Gründung des neuen Unternehmens UP’N’CHANGE.
Es geht um die einfache digitale Unterstützung und Entwicklung bei Themen wie Zusammenarbeit, Kommunikation und Kreativität – im Kontext mit Gesundheit, Wohlbefinden und Produktivität. Für den einzelnen Mitarbeiter, die Führungskraft und letztlich für den Betrieb.

Economy: Das hat eigentlich auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung oder zumindest eine arbeits- und gesundheitspolitische …

Lang: … in der Tat. Und daher ist das auch ein Thema für Betriebsräte, Versicherungsträger, Krankenkassen, Gesundheitseinrichtungen oder Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Institutionen.

Hier lesen Sie den ersten Teil des Interviews mit Gabriele Lang: „Veränderung macht Angst“

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 07.02.2020