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21. Januar 2021

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Unterschiede am Ende des menschlichen Weges

Unterschiede am Ende des menschlichen Weges©Pexels.com/Erkan Utu

Onkologische Behandlungsmethoden am Lebensende zeigen in Österreich vergleichsweise geringe und späte Palliativversorgung, so eine Studie des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA), die auch die Bundesländer behandelt.

(red/czaak) Am Ende ihres Lebens werden in Österreich später und zudem weniger Krebspatienten im Spital palliativ versorgt als in anderen europäischen Ländern. Und das obwohl oder weil die Intensität der allgemeinen Versorgung der Betroffenen hoch ist. Das ist eines der Ergebnisse einer umfassenden Studie des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA), die sich mit der finalen Versorgung unheilbar erkrankter Krebsbetroffener befasste.

Anonyme Daten von über 280.000 Personen
Grundlage der Analyse waren anonyme Daten von 283.228 Personen, die im Zeitraum 2012 – 2016 in Österreich eine Krebsdiagnose erhielten. 29 Prozent dieser Betroffenen (80.818) starben innerhalb dieses Zeitraums, wobei mehr als die Hälfte von ihnen während eines stationären Krankenhausaufenthalts verstarben. Pro Jahr sterben in Österreich rund 20.000 Menschen an Krebs.

Für das Gesundheitssystem ist eine humane wie wirtschaftlich leistbare Bereitstellung von Ressourcen eine enorme Herausforderung. Sowohl Österreich als auch die EU setzen daher auf die Analyse hochwertiger onkologischer Daten und evidenzbasierter Informationen. Das AIHTA hat dazu nun einen ersten von drei geplanten Berichten vorgelegt und seine Studienanalyse gleichzeitig im „European Journal of Cancer Care“ veröffentlicht.

Stärken und Schwächen im Ländervergleich
„Die generelle Versorgungsintensität für KrebspatientInnen in der Endphase ihres Lebens ist in Österreich hoch“, fasst Claudia Wild als Direktorin des AIHTA die Ergebnisse zusammen. „Im internationalen Vergleich ist sie jedoch nicht nur gering, sondern beginnt auch spät im allerletzten Lebensabschnitt der Betroffenen“, unterstreicht Wild. (Anm. die Untersuchungen des AIHTA bezogen sich rein auf den stationären Bereich, da zur ambulanten Palliativversorgung keine Daten zur Verfügung standen).

Im Vergleich mit anderen Nationen erleben etwa in der Schweiz fünfmal mehr Betroffene ihre letzten Lebenstage auf Palliativstationen als in Österreich (rund 69 zu 13 Prozent) und in Belgien immerhin noch viermal mehr (53). „Zudem wurden mehr als 50 Prozent der in Palliativstationen versorgten PatientInnen erst zwei bis 14 Tage vor dem Tod eingewiesen“, ergänzt die AIHTA-Direktorin.

Qualitative Kriterien
Neben quantitativen Kriterien hat die Studie auch das Thema Qualität genauer behandelt. Als Indikatoren für mangelnde Qualität in der onkologischen Versorgung am Lebensende gelten etwa ein hoher Anteil an stationären Todesfällen, die Anwendung systemischer Chemotherapien sowie Einweisungen auf Intensivstationen und Krankenhausaufenthalte innerhalb der allerletzten Lebensphase.

Bei der Anzahl stationärer Todesfälle von Krebspatienten liegt Österreich bei etwas über 53 Prozent. Das ist deutlich mehr als beispielweise in Deutschland (38) oder die Niederlande (29 Prozent). Vergleichbar mit anderen Ländern waren die Werte für Intensivstationsaufnahmen und die systemische Chemotherapie (innerhalb von 30 Tagen vor dem Tod).

Krebsbehandlungen in den Bundesländern
Die Studie zeige auch Unterschiede zwischen den österreichischen Bundesländern auf: „So konnten in Kärnten mit rund 18 Prozent dreimal mehr der Betroffenen auf einer Palliativstation sterben als in Vorarlberg, während der Österreichschnitt wie erwähnt bei rund 13 Prozent liegt“, so Wild zu weiteren Erkenntnissen der AIHTA-Studie. Auch beim Thema systemische Chemotherapie im letzten Lebensmonat gibt es starke Abweichungen: Salzburg liegt hier bei über 10 Prozent, das Burgenland bei rund halb so vielen.

Die als E-Print verfügbare Studie (Anm. siehe Link) ist einer von drei fundierten Berichten des AIHTA. Zum Thema Datenqualität gibt es eine kritische Eigenanmerkung: „Unsere Daten basieren auf Abrechnungsdaten. Naturgemäß stellen diese nur abrechnungsrelevante Sachverhalte dar. Daten zu ambulanten Behandlungen fehlen völlig und das verzerrt das Bild, ebenso wie die Standardisierung bei der Diagnosedokumentation ausbaufähig ist“, erklärt Claudia Wild.

AIHTA als Nachfolgeorganisation von Ludwig Boltzmann Institut
Generell reiht sich der aktuelle Bericht in ein umfassendes Angebot an evidenzbasierten Analysen zur Gesundheitsversorgung ein. Das AIHTA führt die langjährige Arbeit des im Februar 2020 planungsgemäß geschlossenen Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment weiter. Der inhaltliche Schwerpunkt betrifft mehrere Forschungsgebiete, die oftmals projektübergreifend und interdisziplinär umgesetzt werden.

Neben dem Programm „Horizon Scanning Onkologie“ bietet das AIHTA etwa auch Beurteilungen zur Aufnahme von Verfahren und Medikamenten in den Leistungskatalog von Krankenanstalten und regionaler Arzneimittelkommissionen an. Weitere Fachbereiche sind Komplementärmedizin, Europäische Zusammenarbeit, Psychologische Interventionen oder Rehabilitation und Ergomedizin. Claudia Wild, promovierte Philosophin und Ingrid Zechmeister-Koss, promovierte Sozialökonomin, sind die Chefinnen.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 06.11.2020