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20. Juli 2017

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Indien und China als öliges Tandem

Indien und China als öliges Tandem© Andy Urban

Die zwei bevölkerungsreichsten Länder der Erde gehen künftig weltweit gemeinsam auf Ölsuche. Dieser Energiepakt ist ein weiteres Indiz für das Tauwetter zwischen den einstigen Rivalen Indien und China.

Während sich China und Indien beim Weltwirtschaftsforum in Davos getrennt von den Politikern und Investoren Rosen streuen lassen und auch getrennt um sie buhlen, haben die beiden einstigen geopolitischen Rivalen schon längst einen Schulterschluss vollzogen: Die beiden energiedurstigen Länder haben sich auf die gemeinsame weltweite Suche nach Öl verständigt. Aber auch beim Raffinieren, im Ölhandel sowie im Bereich Alternativkraftstoffe will man gemeinsame Sache machen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis beide Länder, die noch im Jahr 1962 gegeneinander Krieg geführt haben, auch bei anderen strategischen Rohstoffen global gemeinsam auf die Pirsch gehen. Am Ende steht gar ein Käuferkartell, quasi ein Pendant zur Opec als Produzentenkartell. Möglich gemacht hat die Vereinbarung zwischen den zwei Supermächten auch das Tauwetter in den sensiblen und historisch extrem belasteten Beziehungen zwischen Indien und Pakistan, dem traditionellen Bündnispartner Chinas südlich des Himalaja.

Nun ist es fast zu einer Umkehrung der Bündnisse gekommen, auch weil sich die Regierung in Islamabad voll auf die Seite der USA gestellt hat, die ebenfalls versucht, ihre Präsenz in der Region auszubauen. Und beim Öl sind China und die USA heftige Konkurrenten, weil Peking ein Pipeline-Netz mit dem ölreichen Zentralasien schmiedet. Durch mehr als durch Entspannungspolitik geprägt sind dagegen die Beziehungen zwischen Indien und China, die sehr eng gewordenen ökonomischen Verflechtungen werden jetzt auf die Energie ausgeweitet. Da der Ölverbrauch von Indien und besonders von China sehr stark steigt, wird die Importlücke immer größer, weil beide Länder nicht gerade auf Ölbonanzas sitzen. Indien muss derzeit 70 Prozent des benötigten Öls aus dem Ausland importieren, Tendenz steigend. Im Falle Chinas sind die Nachfragezuwächse noch viel größer, das Reich der Mitte hat Japan als zweitgrößten Ölverbraucher der Welt überholt. Geht das Wachstum so weiter, hat China in 15 Jahren den weltgrößten Verbraucher USA überholt. Im Reich der Mitte wächst die Ölnachfrage sogar wesentlich schneller als das Wirtschaftswachstum. China hat 2004 mit sieben Mio. Fass (je 159 Liter) im Jahresabstand um 16 Prozent mehr Öl benötigt.Vor zehn Jahren konnte China seinen Bedarf annähernd selbst decken, jetzt macht die Inlandsproduktion nur noch die Hälfte der Nachfrage aus. Auch in Indien ist das Defizit zwischen Erzeugung und Verbrauch stark angewachsen. Konnte das Land 1994 noch 50 Prozent der Nachfrage selbst abdecken, sind es jetzt weniger als ein Drittel. Heute verbrauchen beide Länder zusammen schon fast zwölf Prozent der Weltnachfrage, Tendenz stark steigend. In 20 Jahren werden sie bis zu 85 Prozent ihres Öls importieren müssen. Hauptquelle für das von China and Indien zugekaufte Öl ist Saudi-Arabien. Die Saudis haben mit beiden Ländern eine strategische Partnerschaft geschlossen, die über den Energiebereich hinausgeht. Dabei geht es um wechselseitige Investitionen in Vermarktung und Raffinieren sowie um Düngemittelund Petrochemieprojekte.

Bis jetzt sind sich der chinesische Drache und der indische Elefant beim Kampf um neue Förderlizenzen weltweit sehr oft auf die Zehen getreten und mussten erleben, dass Offerte des einen nur dazu dienten, den Preis für den anderen künstlich in die Höhe zu treiben. Mit dieser Bieterkonkurrenz soll jetzt Schluss sein, die staatlichen Unternehmen der beiden Länder, die indische Oil and Natural Gas Corporation (ONGC) und die chinesische China National Petroleum Corporation (CNPC), wollen sich bei Bieterverfahren in Drittländern vorher absprechen. Laut Insidern wird das „ölige Duo“ beim Verkauf eines Joint Ventures von BP in Russland mitbieten. Dabei geht es um eine Investition von drei Mrd. US-Dollar (2,5 Mrd. Euro).

Indien setzt Initiative
Die Initiative für den öligen Deal war von Indien ausgegangen. Indiens ONGC hatte in den vergangenen Monaten gegen chinesische Konkurrenten mehrfach bei der Ausschreibung von Lizenzen und Ölgesellschaften den Kürzeren gezogen. In Kasachstan hatte zum Beispiel im August die China National Petroleum Corporation mit 4,18 Mrd. US-Dollar der ONGC Petro Kazakhstan vor der Nase weggeschnappt. Im September 2005 hatten die Chinesen die Inder in Ecuador ausgestochen. Schwerpunkte der CNPC-Expansion sind Aserbaidschan, Kanada, Kasachstan, Venezuela, der Sudan sowie Indonesien, Irak und Iran. Im Ausland haben die Chinesen gegenüber den Indern derzeit die Nase vorne. Ein wichtiges Auslandsengagement der CNPC ist Venezuela, wo die chinesischen Ölkonzerne zwei große Ölfelder ausgebeutet haben. Die Kooperation hat auch geopolitischen Hintergrund: Die Regierung in Caracas, die gegen die Interessen der USA agiert, sieht in der Volksrepublik China ein Gegengewicht zu Washington und eine Schutzmacht im UN-Weltsicherheitsrat. Die indische ONGC fokussiert ihre Förderaktivitäten im Ausland auf Russland und Vietnam, Syrien und den Sudan. Exploriert wird auch im Iran, im Irak, in Katar, in Myanmar (ehemals Burma), Libyen, Ägypten sowie der Elfenbeinküste, sogar in Kuba setzt die Auslandstochter ONGC Videsh die Bohrmeißel an.

Stolze 1,7 Mrd. US-Dollar hat der Staatskonzern in Sachalin im russischen Fernen Osten in Öl und Gas investiert. Das gesamte Projekt Sakhalin-1 ist mit annähernd zehn Mrd. Euro eine der größten ausländischen Direktinvestitionen in Russland, die ONGC hält daran 20 Prozent. Der private indische Rivale Reliance Industries ist bis dato im Jemen und im Oman in der Förderung präsent, exploriert wird darüber hinaus im Iran und in Saudi-Arabien. Es gibt bereits zwei Pilotprojekte indisch-chinesischer Erdöl- Kooperation: Die Partner haben im Dezember gemeinsam von Petro-Canada für 574 Mio. US-Dollar (484 Mio. Euro) einen 37-Prozent-Anteil an einem syrischen Ölfeld erworben. Auch im Sudan klappt die Zusammenarbeit bereits wie geschmiert. Dort erschließen die Chinesen das Greater-Nile-Ölfeld, die Inder halten 25 Prozent. Die heimische OMV hat der ONGC ihre Konzession verkauft und sich wegen des Bürgerkriegs aus dem Sudan zurückgezogen. Die CNPC und die ONGC dagegen müssen offenbar weniger Rücksicht auf Kritik an den Menschenrechtsverletzungen im Sudan nehmen.

Rivale für ölhungrige USA
Washington muss einen Schulterschluss Indiens mit China fürchten, denn das Reich der Mitte wird als ernstzunehmender Rivale im Ölgeschäft betrachtet. Im August 2005 ist der chinesische Ölkonzern CNPC mit einer feindlichen Übernahme des US-Konzerns Unocal am Widerstand der US-Politik gescheitert. Diese gescheiterte Übernahme ist ein Teil des Versuchs Chinas, die stetig steigende Nachfrage der Wirtschaft durch eine Diversifi zierung der Rohstoffquellen zu sichern. Im Energiesektor hat die Regierung in Peking den Bau von neuen Pipeline-Netzen quasi zur nationalen Priorität erklärt. Damit könnte sich das Reich der Mitte zu einer regionalen Energiedrehscheibe mausern. Die Voraussetzung haben die Chinesen mit dem Kauf von 60 Prozent der kasachischen Ölfi rma Aktobemunaigaz geschaffen. Diese hat eine 1.000 Kilometer lange Pipeline zwischen Atasu in Zentral-Kasachstan in die chinesische Provinz Xinjiang gelegt. Das Leitungssystem (Kosten: 700 Mio. US-Dollar) ist seit Jahresbeginn in Betrieb.

Zentralasien im Visier
Mit der neuen Leitung hat China zugleich Zugriff auf die Förderanlagen von Petro Kazakhstan im zentralkasachischen Kumkol, das mit dem östlich gelegenen Atasu, dem Ausgang der neuen Rohrleitung, durch eine ältere Pipeline verbunden ist. Nun fehlen noch wenige hundert Kilometer, um die Verbindung zum Pipeline-Netz in Westkasachstan zu schließen, wo die größten Ölvorkommen der Region liegen. Dieses Projekt ist schon im Planungsstadium. Damit könnte China den USA einen Strich durch die Rechnung machen, die die Pipeline von Baku nach Ceyhan am türkischen Mittelmeer auch mit kasachischem Öl befüllen möchten, was bis dato nur auf dem Papier steht. Washington wollte mit der von ihm geförderten Ölleitung Baku-Ceyhan sowohl Russland als auch China als Transportländer ausbooten. Ebenso wie beim Öl wächst auch der Gasverbrauch in beiden Ländern stärker als der weltweite Durchschnitt und auch deutlich stärker als die jeweilige Produktion. Zugleich sind die inländischen Reserven alles andere als prall gefüllt. In China hat der Gasverbrauch zwischen 2003 und 2004 laut dem World Energy Report des Ölriesen BP um über 34 Prozent zugenommen, in Indien waren es bescheidenere sieben Prozent, das ist doppelt so viel wie der Gesamtmarkt. Mittelfristig müssen beide Länder viel mehr Gas importieren, entweder direkt über Pipelines oder als LNG in verfl üssigter Form. Zwischen den beiden Bevölkerungsriesen gibt es auch im Gasbereich gemeinsame Interessen, wenn auch grenzüberschreitende direkte Leitungsprojekte an der Himalaja-Grenze scheitern beziehungsweise ökonomisch nicht darstellbar sind. Indien hat angesichts des künftig weiter stark steigenden Gasbedarfs fünf große Leitungsnetze auf der Agenda, mit den Nachbarländern Bangladesh und Myanmar, wo auch die Chinesen in der Förderung tätig sind. Dazu gibt es das Projekt einer Gasleitung vom Iran über Pakistan nach Indien mit Baukosten von sieben Mrd. US-Dollar. Zudem wurde vereinbart, dass die Islamische Republik an Indien verflüssigtes Erdgas liefern wird, das Volumen des Geschäfts beläuft sich auf 22 Mrd. US-Dollar.

Geostrategische Visionen

Weitere Leitungsprojekte liegen auch schon auf dem Tisch, nämlich eine Leitung von Turkmenistan über Afghanistan nach Pakistan (darüber haben die USA vor den Terroranschlägen daheim im September 2001 mit der Taliban-Regierung in Kabul verhandelt). Allerdings steht wegen der dem Iran drohenden UN-Sanktionen hinter den Gasprojekten nun ein noch dickeres Fragezeichen. Die USA hatten die Leitungspläne der Inder aus politischen Gründen schon von Anfang an abgelehnt.

Ausgewählter Artikel aus Printausgabe 03/2006

Clemens Rosenkranz, Economy Ausgabe 03-02-2006, 17.02.2017