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22. Juni 2017

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Naive Hacker und wuchernde Würmer

Naive Hacker und wuchernde Würmer© Sandia National Laboratories, Randy Montoya

Seinerzeit agierten die „Code Warriors“ meist noch aus lauteren Motiven. Und heute? Ein kurzer historischer Streifzug.

Wer weiß das schon: So mancher der heutigen Superstars der Computerszene begann seine Laufbahn als – Hacker! Darunter der junge Bill Gates, aber auch der spätere Apple-Gründer Steve Jobs, der die hackerische Manipulation der Telefon-Systeme blendend beherrschte. Dennochhatte keiner der beiden etwas Abgrund-Böses im Sinn: Für Gates stand eher die sportliche Ambition als Programmiergenie im Vordergrund, und der damals noch „arme“ Steve Jobs senkte solcherart seine Telefonkosten. Zudem beendete der kurz danach einsetzende Mega- Erfolg der ganz legalen Art ihrer beider Hacker-Karriere.

Ein unfreiwilliger Zerstörer
Zweifelhaften Ruhm hingegen erwarben sich alsbald ganz andere – und fallweise sogar unfreiwillig. So löste im Herbst 1988 ein hackender US-Student namens Robert Morris jr. vom Keyboard seiner universitären Unix-Workstation aus (mit einigen simplen Befehlszeilen) die erste ausgedehnte Virenkatastrophe aus. Das kleine Programm, seither als Prototyp eines „Internet-Worm“ berühmtberüchtigt, legte binnen weniger Stunden Ausbreitungszeit empfi ndliche Teile des US-Internet kurzerhand lahm. 3.000 Systeme waren davon direkt betroffen, 250.000 Rechner gefährdet. Die prominentesten Opfer: Nasa, Pentagon, die Elite-Universitäten Stanford, Cornell und Berkeley. Der Schaden belief sich auf zig Mio. Dollar. Morris’ Wurm (eigentlich ein „gutartiger“ Computervirus) wies nämlich einen winzigen, aber folgenschweren Programmierfehler auf, durch den er sich in den Systemen, in die er eindrang, wie wild vermehrte. Folge: Die „angesteckten“ Computer „hängten“ sich aus Überlastung „auf“, Großrechner- Netzwerke lagen tagelang brach. Dabei empfand sich Morris als „edler Hacker“, er wollte bloß zeigen, dass die Unix-Server des Internet schwere Sicherheitslücken aufwiesen. Dennoch: Er wurde zu Gefängnis und einer satten Geldstrafe verurteilt. Heute wirkt jedwede idealistische Naivität, die noch Gates, Jobs oder sogar Morris bewegte, längst deplatziert: In den „Netzwerken des freien Meinungsaustausches“ tummeln sich gefährlich wirkungsvolle Gesellen, welche aus egomanen oder finanziellen, aus destruktiven oder omnipotenten Motiven agieren.
Der Sicherheitsexperte Rob Clyde, Mitbegründer von Axent Technologies, analysiert, dass sich in der Zwischenzeit rund 30.000 Sites der hackerischen Sache verschrieben haben, das Gros davon mit dubiosen bis hin zu kriminellen Ambitionen. Und potenzielles Angriffsziel ist jedermann: So kam selbst der Branchengigant Microsoft durch eine Hacker-Attacke gehörig ins Schleudern, berichtet die USBranchen- Insiderin Amy Hart: Am 14. Oktober 2000 erhielt ein Angestellter von Microsoft eine E-Mail mit einem harmlos wirkenden Attachment. Dieses enthielt jedoch ein kleines Programm, welches sich automatisch im System installierte und einen Outsider-Zugang zum PC des Mitarbeiters und dessen Passwörtern öffnete. Eine ärgere Panik, etwa durch ein Übergreifen dieser Mechanismen auf das interne Netzwerk von Microsoft, konnte gerade noch verhindert werden. Nur Bill Gates reagierte gelassen, denn ihm war zuvor schon klar gewesen: Das Internet hat seine jugendliche Unschuld längst verloren.

Ausgewählter Artikel aus Printausgabe 02/2006

Jakob Steuerer, Economy Ausgabe 02-01-2006, 09.02.2017